Befreite Moderne als Weggefährte

Karl Otto Götz, Gereihte Figuren, 1947 © 2015 Tanja Murczak, Märkisches Museum Witten

Karl Otto Götz, Gereihte Figuren, 1947 © 2015 Tanja Murczak, Märkisches Museum Witten

Als Theodor Fontane um 1860 durch Schottland wanderte, wurde ihm in der fernen Fremde bewusst, was er an seinem nahen Brandenburg hatte. Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen, heißt es im Vorwort zur 1. Auflage der Wanderungen durch die Mark Brandenburg.

Dem geneigten Kunstmuseumsbesucher mag es mitunter ähnlich gehen. Renommierte Kunstmuseen locken ihn mit großen Namen und spektakulären Sammlungen in die Metropolen. Blockbuster-Ausstellungen garantieren den Museen einen Besucher-Hype. Nicht selten, dass im privaten Ausstellungskalender  kleinere Häuser mit ihren Programmen auch dann übersehen werden, wenn sie direkt vor der Haustür liegen.

Das Naheliegende wertschätzend wahrzunehmen, hat es angesichts globaler Offerten und Marketing-Strategien nicht leicht. Wem es gelingt, sich trotz der suggestiven Kraft aufwendig beworbener Ausstellungsangebote nicht davon abhalten zu lassen, sich in der Nähe umzuschauen, wird wie jetzt mit Befreite Moderne – Kunst in Deutschland 1945 bis 1949 im Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr in mehrfacher Hinsicht belohnt werden.

Zum einen fokussiert die Ausstellung eine gesellschaftspolitische Interimszeit, eine Niemandslandzeit nach dem 2. Weltkrieg vor den Gründungen zweier deutscher Staaten. Kunsthistorisch rekonstruiert sie die Brücke zwischen der von den Nationalsozialisten als entartet verfemten und für mehr als ein Jahrzehnt unterbrochenen Avantgarde und ihrer Neupositionierung nach 1945 in Deutschland.

Zum weiteren sind Arbeiten von Künstlern ausgestellt, die auf den Nachkriegs-Biennalen in Venedig sowie später auch auf den ersten Ausstellungen der documenta in Kassel prominent vertreten waren. Als Professoren wirkten sie an den Kunsthochschulen und sind doch von der Kunstgeschichte heute fast vergessen.

Und noch ein Drittes geht von der Befreiten Moderne in Mülheim aus. Was man hier sieht, kann man als konstruktive Anregung nehmen, die Thematik in ausgewählten großen Ausstellungsprojekten deutschlandweit weiterzuverfolgen. Sich unmittelbar vor der Ruhrgebiets-Haustür informieren, um von dort aus eine Grande Tour Allemande zu starten. Die Arbeit aus der Sammlung des Kunstmuseum Mülheims von Henning Christiansen Die Freiheit ist um die Ecke (Neonschrift auf Metallkörper, 2008) liest sich dazu handlungsleitend.

Ein Museumsbesucher, Typ Oberstudienrat, raunt seinem Begleiter vor Bild 1948-87 (1948) von Gerhard Fietz zu: Das ist eines der eindrucksvollsten Bilder der Ausstellung. So subjektiv, so präpotent. Fietz, ebenso wie Rolf Müller-Landau, Werner Gilles, Hans Thiemann oder Karl Kuntz – eine der Entdeckungen in dieser Ausstellung – behaupten sich nicht nur gegenüber den Ausstellungsheroen Willi Baumeister, Karl Otto Götz oder Karl Hofer. Ihre Arbeiten sind exemplarisch für einen von hoffnungsvoller Ungewissheit und manchmal auch von Melancholie bestimmten Neuanfang. Rätselhaft bei Fietz in der Bezeichnung Bild 1948-87, welche man im Kontext von George Orwells Roman 1984 lesen kann, so assoziationsreich ist Bedrängnis (1948) von Karl Kuntz. In einem hellen, von Picasso-, de Chirico- und Ernst-Zitaten bedrängten Raum fällt der Blick durch ein kleines Fenster in ein dunkles Draußen. Bruchstücke einer lichten Zukunft neben einer noch unbestimmten, die auf Bild 1948-87 mit einem durch ein Tuch verhangenes Objekt angedeutet ist.

Dass Der kleine Katzenhai (1947) von Müller-Landau als Vorlage für das Vorblatt des Katalogbuches verwendet wird, ist eine programmatische Entscheidung. Die Arbeit ist ein Bekenntnis dazu, dass der sachlich expressive Realismus gegenüber dem Unbedingten, in der Nachfolge von Theodor F. Adornos Verdikt, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch, nur noch ungegenständlich eine überzeugende Malerei sei, nach wie vor eine eigene Ausdruckskraft hat.

Die heiligen drei Könige (1948) und Nach der Bombennacht (1950) von Werner Gilles wiederum sind wie auch Der Zeichentisch (1945) und Konstellation (1947) von Hans Thiemann mit ihren fraktalen Lineaturen und dezidierten Farbräumen vom Bauhaus beeinflusste Arbeiten. Gilles, Schüler in der Weimarer Bauhaus-Klasse von Lyonel Feininger, wie Thiemann Schüler Paul Klees und Wassily Kandinskys, sind heute häufig wenig beachtete Künstler der ersten Stunde. Thiemann lehrte an der Hochschule der Bildende Künste in Hamburg. Gilles war Teilnehmer an der Sonderschau der XXIV. Biennale in Venedig 1948 sowie an der documenta I, II und II in Kassel als malend befreiter Botschafter: Der heilige Antonius (1948).

Die in der Befreiten Moderne ausgestellten Arbeiten, insonderheit diejenigen, die sonst weniger in Ausstellungen zu sehen sind und in ihrer Qualität wahrgenommen werden, führen als instruktive Weggefährten zu weiteren Ausstellungen hin. In den Kontexten von Klee & Kandinsky – Freunde, Nachbarn, Konkurrenten in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München (noch bis 24.Januar 2016) sowie von Willi Baumeister und Paul Klee. Struktur und Vision im Franz Marc Museum in Kochel am See (noch bis 10.Januar 2016) leuchtet die Befreite Moderne im Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr im Hintergrund mit (vgl. Paul Klee im Dialog mit Wassily Kandinsky und Willi Baumeister vom 01.12.2015).

Wer es bis zum 10. Januar nicht mehr nach Mülheim schafft, dem sei ein Frühlingsausflug in den Taunus empfohlen. Die Befreite Moderne – Kunst in Deutschland 1945 bis 1949 wandert ins Städtische Museum Hofheim am Taunus, wo sie vom 14. Februar bis zum 8. Mai 2016 zu sehen sein wird.

07.01.2016

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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