Alberto Giacometti zwischen Sisyphos und Hippolyte

Alberto Giacometti L'Homme qui marche II, 1960, Bronze Collection Fondation Marguerite et Aimé Maeght, Saint-Paul © Succession Alberto Giacometti (Fondation Giacometti, Paris + ADGAP, Paris) 2015

Alberto Giacometti
L’Homme qui marche II, 1960, Bronze
Collection Fondation Marguerite et Aimé
Maeght, Saint-Paul
© Succession Alberto Giacometti (Fondation
Giacometti, Paris + ADGAP, Paris) 2015

Über Alberto Giacometti zu schreiben, mutet im ersten Moment so an, als trüge man Eulen nach Athen. Scheinbar so unsinnig, als hätten Bürger dem steuerfreibefreiten, antiken Athen Eulen, die die Rückseite der griechischen Münzen prägten, nachgetragen. Aristophanes formuliert in seiner Komödie Die Vögel schelmisch:  Ich bitte, bringt man Eulen nach Athen?

Aristophanes Frage findet bei der Beschäftigung mit Giacomettis Werk, das auch 50 Jahre nach seinem Tode rätselhaft bleibt, in Homers mythologischer Erzählung des Sisyphos eine überraschende Antwortperspektive. In der Umdeutung des Sisyphos-Mythos wird viel von Giacomettis künstlerischem Ringen um Ausdruck und letztlich von dessen Scheitern deutlich. Nichts war so, wie ich es mir vorgestellt hatte, schrieb er 1948 in einem Brief an Henri Matisse. Mich interessierte nicht die äußere Form der Geschöpfe, sondern das, was ich tatsächlich in meinem Leben fühlte.

Giacometti resümierte noch wenige Jahre vor seinem Tod 1996, dass ihm nur Fragmentarisches gelungen sei. Das Eingeständnis eines Versagens. Albert Camus‘ Feststellung, Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen, öffnet eine Möglichkeit, Giacometti als Künstler zu verstehen. Machte ihn allein das Rollen des Steins bergauf glücklich? Es ist Ausdruck seiner, in Jahrzehnten mühevoller Versuche gewachsenen Weisheit: Je mehr man scheitert, desto mehr erreicht man. Ausdruck seiner Überzeugung, sich dem Absoluten mehr und mehr zu nähern, ohne es je erreichen zu können?

Die Ausstellung Alberto Giacometti – Meisterwerke aus der Fondation Maeght im Kunstmuseum Pablo Picasso Münster bietet noch bis 24. Januar 2016 die Chance, den Spuren des GiacomettiSisyphos zu folgen. Wer die Sammlung Maeght in St. Paul kennt, wird angesichts der kleinteiligen Räume in Münster am Anfang skeptisch sein, dass Skulpturen wie Große stehende Frau II  mit 276 cm Höhe oder Schreitender Mann II mit einer Schrittlänge von 110 cm  und immerhin auch von 188 cm Höhe ausreichend Platz haben werden. Die Enge der Ausstellungsräume bietet eine überraschend authentische Assoziationsbrücke zu Giacomettis Ateliersituation und damit zu seinem Arbeitsprozess überhaupt.

Sein Werk, geschaffen in einem bescheidenen, von ihm selbst als Loch bezeichneten Atelier in der Rue Hippolyte-Maindron in Paris, entziffert sich über die Adresse als Chiffre des Daseins. In ihr liegt wie eine geheimnisvolle Botschaft ein Schlüssel, um besser zu verstehen, was ihn umgab und warum er sich hier bedingungslos einrichtete. Es mutet an wie eine an Hippolyte erinnernde Arbeitszurichtung. Über die Amazonenkönigin Hippolyte wird im Herakles-Mythos berichtet, dass den neugeborenen Töchtern die rechte Brust abgeschnitten wurde, damit sie ungehindert die Kriegskunst des Bogenschießens ausüben konnten.

Giacometti war einzig und allein davon getrieben, das Lebendige in Figuren zu fassen. Er lebte mit und in den Skulpturen selbst. Ohne Anspruch auf komfortablere Lebensbedingungen sieht man ihn auf den fotografischen Inkunabeln von Ernst Scheidegger in seinem Atelier grübelnd arbeiten. Das erinnert an Figuren von Samuel Beckett, die sich auf einer fast leeren Bühne verlieren.

Das dominierende Grau in seinen malerisch zeichnerischen und skulpturalen Arbeiten ist seine häufig verwendete Grundfarbe. Sie entsteht, wenn man alle Farben mischt. In ihr schimmert, wenn man genau hinsieht, aber weiterhin das gesamte Farbspektrum. Noch in den grauen Wänden seines spartanischen, ihm mehr als Jahre 30 Jahre dienenden Ateliers, in der fast alle Arbeiten entstanden sind, sowie in seiner grauen, gebeugten Gestalt flimmert es farbig und lebendig. In den Fotografien von den  Atelierwänden ist zu sehen, wie er palimpsestisch einen Versuch über den anderen schichtete.

Je länger man durch die Ausstellung geht, beschleicht einem immer bedrängender ein Gefühl von Betroffenheit. Giacometti glaubte sich von einer Welt umgeben, in der das Sehen verkümmert. Ich schaue, und alles ist mir unbegreiflich. Wie würde er heute angesichts einer medial überformten Welt reagieren, in der viele Menschen außer dem Handy-Display nichts mehr sehen?

Für ihn war der künstlerische Prozess eine lebenslange Einübung in ein lebendiges Sehen. Er war in einem Schwebezustand von Sein und Wahrheit bemüht, die Balance zu finden, um sich und die Welt zu fassen zu bekommen. Obwohl es für ihn eine Unmöglichkeit blieb, einen Kopf zu machen, kann der Ausstellungsbesucher eine wichtige Wahrnehmungslinie ins eigene Leben ziehen.

Ohne ein aufmerksames Sehen bleibt auch das eigene Leben dunkel verschattet. Wenn die in Giacomettis Malerei sichtbare Symbiose von Ruhe in der Bewegung angesichts ständiger medialer Erregtheit zu der Selbstvergewisserung führen könnte, dass es auch anders ginge, könnten die Besucher anderen mehr als nur von einer eindrucksvoll kuratierten Ausstellung erzählen.

Wer in Münster mit sich und Giacometti nicht fertig geworden ist, sollte sich für den Herbst einen Besuch im Kunsthaus Zürich im Kalender vormerken. Ab 28. Oktober 2016 ergänzt die Ausstellung Alberto Giacometti – Material und Vision Aspekte, die in der Münsteraner Ausstellung beleuchtet werden.

14.01.2016

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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