Wilhelm Morgner in Münster – eine subtile Wahrnehmung der Moderne

Wilhelm Morgner, Astrale Komposition XVII, 1912 @ Sabine Ahlbrand-Dornseif

Wilhelm Morgner, Astrale Komposition XVII, 1912 @ Sabine Ahlbrand-Dornseif

Wilhelm Morgner und die Moderne titelt die aktuelle Ausstellung im LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster (noch bis 06.03.2016). Wer war dieser Wilhelm Morgner, wird sich mancher fragen?

Geboren 1891 in Soest, wie auch Otto Modersohn Jahrzehnte vor ihm 1865, haben sich beide aus der westfälischen Provinz aufgemacht, der Welt um 1900 ihren künstlerischen Ausdruck zu geben. Obwohl Morgner in seinem kurzen Leben (er starb mit 27 Jahren 1916 auf dem Schlachtfeld des 1.Weltkiregs) nicht viel Zeit vergönnt war, hat er nachhaltige Spuren in der Moderne hinterlassen. Mit Morgner schaut man in dieser Ausstellung wie in einen Spiegel der Avantgarde.

Dass Morgner nicht die Präsenz in Ausstellungen hat, wie die gleichfalls früh im 1. Weltkrieg umgekommenen Franz Marc und August Macke,  ist nach dem Rundgang durch die Ausstellung in Münster unverständlich. Kuratorisch und ausstellungsdidaktisch instruktiv konzipiert, führt sie die Besucher mit Morgner durch eine Moderne, die auch durch ihn zu dem wurde, was später als Avantgarde in die Kunstgeschichte eingegangen ist.

Dabei wird in der Gegenüberstellung mit Arbeiten aus der Künstlergemeinschaft Worpswede oder des Blauen Reiters sowie von Max Liebermann und Vincent van Gogh nicht nur deutlich, wo sich Morgners Blick für Motiv, Farbe, Perspektive und Licht geschult hat. Sie beweist mitunter auf überraschende Weise, wie ähnlich die Milieus von arbeitenden Menschen und Landschaft in den verschiedenen Arbeiten ihren Niederschlag fanden und wie andererseits bei Morgner eine ganz eigene, eine andere, westfälische (?) Erdung zu sehen ist. Im sorgfältig editierten Katalog wird der Kunstkritiker Carl Einstein mit der Bemerkung zitiert, dass das Künstlerische in Morgners Werk als Anderes treffend bezeichnet.

Möglich, dass dieses Morgner-Anders weniger im Fokus der internationalen Sammlungstätigkeit zu Beginn der Moderne stand. Es fällt jedenfalls auf, dass die Mehrzahl der Ausstellungsexponate aus Nordrhein-Westfalen, insbesondere aus dem Museum Wilhelm Morgner in Soest stammen.

Mit den ersten Schritten in die Ausstellung wird ihre Dramaturgie eines vergleichenden Sehens deutlich. Das großformatige Genrebild Mittagsmahl von 1910 assoziiert mit Die Kartoffelesser (1885) von Vincent van Gogh eine vergleichbare Milieustudie, die wie mit Morgners Studien zur Kartoffelernte (1910) im Kontext von Jean François Millets Die Ährenleserinnen (1860) und die Kartoffelgrabende Bäuerin (1885) von Vincent van Gogh zu sehen ist. Im Weiteren sind immer wieder solche dialogische Gegenüberstellungen gehängt. Keine epigonalen Relativierungen weder bei Morgners Der Gekreuzigte (1912) neben Lyrisches aus Klänge (1911 – 1913) von Wassily Kandinsky noch bei seinen astralen Kompositionen (V und VI, 1913) neben der Madonna (1895/1902) von Edvard Munch oder sein Selbstbildnis von 1912 neben den Kopf von Alexej Jawlensky aus dem gleichen Jahr, sondern originäre Bildlösungen eines psychologisch empfindenden Beobachters.

Das Design von Plakat, Eintrittskarte und Katalogcover legt geradezu eine Expeditionsspur in die Kunstgeschichte zum Ende des 20. Jahrhunderts. Nicht Morgners Blick auf Künstler seiner Zeit und ihre Arbeiten führt zu dialogisch reflektierten Perspektiven, sondern Keith Harings Werk ist offensichtlich und auffällig von  Morgners ornamentalen Kompositionen geprägt. Man kann durchaus den Eindruck haben, dass Haring mehr als nur genau hingeschaut hätte. Die Linie in ihrer figurativen Reduzierung sowie die Strahlenkranz-Metapher sind zuerst Morgner-Bildsprachenfindungen. Dem im Katalog zitierten Satz von Jürgen Wißmann (aus einem Ausstellungskatalog von 1991), dass nicht nur Morgners Ornamentale Komposition VI an Werke es Sprayers Keith Haring erinnert, muss deshalb vehement widersprochen werden. Haring erinnert an Morgner, muss es heißen. Eine solche kunstgeschichtliche Volte ist vielleicht mitverantwortlich dafür, dass das Werk von Wilhelm Morgner heute immer noch zu wenig wahrgenommen wird.

Im Unterschied zu viele Ausstellungen, die den Heroen der Moderne immer wieder neue Seiten ihrer kunstgeschichtlichen Wirkung abgewinnen wollen und manchmal nicht mehr als alten Wein in neue Schläuchen präsentieren, ist die Morgner-Ausstellung eine mutige. Ausstellungen wie Klee & Kandinsky – Freunde, Nachbarn, Konkurrenten in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München  oder Willi Baumeister und Paul Klee. Struktur und Vision im Franz Marc Museum in Kochel am See (vgl. Paul Klee im Dialog mit Wassily Kandinsky und Willi Baumeister vom 01.12.2015) wie auch Picasso. Mann und Frau im  Buchheim Museum der Phantasie in Bernried (vgl. Picassos Frauen im Buchheim Museum – Göttinnen oder Fußmatten? vom 23.11.2015) vertrauen nicht zuletzt auf name dropping, um die Avantgarde-Mission ihrer Häuser zu verstetigen.

Sonderausstellungen wie  jetzt auch Wilhelm Morgner und die Moderne finden im neuen LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster in den oberen Räumen statt. Die Architektur des Hauses ermöglicht dabei mit ihren Sichtachsen interessante optische Verbindungen von Sammlung und Sonderausstellung. In der Morgner-Ausstellung sieht man beim Übergang in den Raum mit Aktdarstellungen durch eine verglaste Ecke in den unteren Sammlungsraum das Bockhorster Triumphkreuz aus dem 12. Jahrhundert. Hebt sich der Blick, fällt er auf Morgners Aktstudie für Gekreuzigten und wenig später Kreuzabnahme sowie Kreuzabnahme mit Mann mit Frack (alle 1912).

Solche subtilen Ermöglichungen des Sehens, Vergleichens und Assoziierens mache diese Ausstellungen zu einer Expedition in eine Kunstgeschichte, die mit Morgner nicht vollständig neu geschrieben werden muss. Nachjustieren sollte man sie allerdings schon.

02.02.2016

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Über Peter E. Rytz Review

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