Gestatten, Kästner! – Literatur mehr als nur Text

@ Peter E. Rytz 2015

@ Peter E. Rytz 2015

Literatur ist immer mehr als nur Text. Hinter dem Geschriebenen werden die Schreibenden selbst sichtbar. Damit sind sie als Personen der Öffentlichkeit gleichzeitig auch Spiegel der Gesellschaft in ihrer Zeit. Manchmal werden sie zum Sprachrohr der sogenannten kleinen Leute.

Das Literaturhaus München entdeckt mit seinen Ausstellungen neben der Literatur gleichzeitig auch den Menschen im Schriftsteller. Facettenreich und schillernd gebrochen zwischen Ruhm und Einsamkeit. Noch bis 14. Februar 2016 gibt sich Erich Kästner die Ehre: Gestatten, Kästner! Die Ausstellung zeigt Kästner in seinem nie wirklich gelingenden Spagat zwischen Leben und Kunst. Mit Emil und die Detektive gelang ihm mit Anfang 30 ein großer Wurf und gleichzeitig eine literarische Steilvorlage, der er von da an hinterher lief, ohne sie je wieder zu erreichen.  So leicht wie zu Beginn der dreißiger Jahre fiel Kästner das Schreiben später nie mehr, formuliert das die Ausstellung begleitende MünchenHeft lapidar.

Auf der anderen Seite entdeckt die Ausstellung Kästners in Zeitungen und Zeitschriften verstreute Lyrik neu. Schreiben war für ihn Passion und in gewisser Weise auch Broterwerb. Sie als Gebrauchslyrik zu bezeichnen, wäre allerdings untertrieben. Ihr satirisch parodierender Grundton, changierend zwischen Alltag und Politik, zeigt Kästner als einen wachen, mitunter auch eitlen Beobachter seiner Umgebung. Der klugen Leute Ungeschick/ stimmt uns besonders heiter/ man fühlt doch für den Augenblick/ sich auch einmal gescheiter.

Gestatten, Kästner! ist eine illustre Ausstellung in einem vestibülartigen Raum des Literaturhauses, der es, obwohl das Raumangebot alles andere als ein leicht zu bespielender Präsentationsraum ist, wieder wie ihren Vorläufern gelingt, das Publikum zu gewinnen. Ausstellungen bilden gewissermaßen ein personalisiertes  Entré in die Welt der Literatur. In der Person Erich Kästners vereinigen sich der Literat, der Publizist, der Lyriker zu einem politisch wachen, aufmerksam beobachtenden Bürger, der jedoch immer auch in der Gefahr steht, zu irren. In den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft entschied er sich gegen die Emigration und für eine Selbstbefragung der besonderen Art. In den Briefen an mich selbst versuchte er seine zunehmende Entfremdung durch eine ironisch reflektierte Selbstbefragung literarisch und lebenspraktisch in den Griff zu bekommen.

Selbstzweifel, dass Literatur gesellschaftliche Entwicklungen beeinflussen und Veränderungen überhaupt bewirken können, bestimmten ihn bis zum Schluss. Nach Kriegsende rang er vergeblich um einen großen Roman und resignierte: Das Tausendjährige Reich hat nicht das Zeug zum großen Roman. Er blieb allerdings in den beginnenden Wirtschaftswunderjahren nicht nur der Verwalter seines frühen Ruhms. Er solidarisierte sich mit Mahnwachen und auf Protestkundgebungen gegen atomare Aufrüstung und Bewaffnung. Der Ostermarschbewegung verlieh er seine Stimme.

Neben der Wirkmächtigkeit seines Wortes im politischen Diskurs setzte er es gleichzeitig für ein Votum literarische Bildung der Jugend ein. Seine pazifistische Überzeugung fand schon 1949 ihren Niederschlag  in dem Kinder- und Jugendbuch Die Konferenz der Tiere. Dass die Ausstellung auf die Gründung der Internationalen Jugendbibliothek durch Kästner mit Unterstützung von Jutta Lepman in München verweist, ist für den geneigten Ausstellungsbesucher auch eine Anregung, den Weg zu ihr nach Schloss Blutenburg zu gehen.

Kästners Überzeugung – Lassen Sie uns bei den Kindern anfangen, um diese gänzlich verwirrte Welt langsam wieder ins Lot zu bringen. Die Kinder werden den Erwachsenen den Weg zeigen. – hat heute nichts von ihrer Aktualität in einer anderen, anders verwirrten Zeit verloren.

Wer es bis zum Ende der aktuellen Kästner-Ausstellung nicht mehr ins Literaturhaus schafft, kann ab 16. März 2016 mit Thomas Mann: Der Zauberberg weiteren literarischen Spuren folgen. Ein Besuch im Literaturhaus München lohnt auch ohne Sonderausstellungen immer. Denn Literatur ist immer mehr als nur Text.

07.02.2016

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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