Le Corbusier, der unbekannte Zeichner neben dem bekannten Architekten

Le Corbusier, Trois nus féminins allongés, 1935, kolorierte Zeichnung © VG Bild-Kunst, Bonn 2016/Fondation Le Corbusier

Le Corbusier, Trois nus féminins allongés, 1935, kolorierte Zeichnung © VG Bild-Kunst, Bonn 2016/Fondation Le Corbusier

Wer am Ende des 19. Jahrhunderts im schweizerischen La Chaux-de-Fonds geboren wurde, für den stellte sich die Frage nach der Berufswahl nicht wirklich. Die aufblühende Uhrenindustrie brauchte Feinmechaniker mit handwerklichem Geschick und Ziseleure für künstlerische Gravuren. So begann auch die Geschichte des Charles-Éduard Jeanneret, der sich später Le Corbusier nannte und zu einem der innovativsten Architekten des 20. Jahrhundert wurde.

Ausgangspunkt der Erfolgsvita war das radikale Urteil des Professors an der Kunstgewerbeschule in La Chaux-de-Fonds: Du hast kein Talent zu malen. Dass es sich nicht als endgültig erwies, teilt diese Anekdote mit vielen anderen anfangs verkannten Genies. In der 1905 an der Schule neu eröffneten architektonischen Zelle sollte Jeanneret den Ort finden, der ihm zur Passion wurde. Dieser Bauhaus-Embryo formte den autodidaktischen Architekten Le Corbusier.

Auf einer mehrjährigen Grande tournée de l’architecture lernte er nicht nur strukturelles Sehen von Raum, Zeit und Licht kennen. Sie führte ihn in Verbindung mit den Studien von Naturformen zu einer grundsätzlichen Überzeugung: Eine kleine Mauer im ländlichen Irgendwo ist ebenso Architektur wie die der großen Städte. Alles, was er sah, zeichnete er. Mit mehr als 6.500 Zeichnungen schuf er sich einen Formenkatalog, auf dem seine architektonischen Überlegungen fußten und sie zu seinen Bauten inspirierten.

Mehr als 146 Werke, die von frühen Reiseskizzen bis zu großflächigen, erfahrungsgesättigten Entwürfen reichen, sind jetzt als Leihgaben der Fondation Le Corbusier, Paris und dem Picasso-Museum, Antibes in der Ausstellung Le Corbusier – Zeichnen als Spiel im Kunstmuseum Picasso Münster noch bis zum 24.04.2016 zu sehen. Die Schau zeigt einen Künstler, der zwar fast ausschließlich als Ikone der Architektur des 20. Jahrhundert wahrgenommen wird, dem Zeichnen jedoch eine geistige Übung war, um Strukturen und Formen in ihrem Zusammenwirken begreifen zu können. Dass sich das Zeichnen mit der Architektur-Arbeit die Zeit teilte, ist bisher weitgehend unbekannt geblieben.

Welche Faszination von Le Corbusiers Zeichungen  ausgeht und welche kunstgeschichtlichen Perspektiven damit verbunden sind, erläuterte die profunde Kennerin seines Werks, Daniéle Pauly während des Presserundgangs mit emphatischer Begeisterung. Wenn es möglich gewesen wäre, hätte sie sie vor jedem einzelnen Werk ein Begeisterungsfeuerwerk entzünden können. Mit dem Katalog, der mit seinem Layout das zeichnerisch-grafische Element der Ausstellungsobjekte adäquat umsetzt, hat man ein Buch zur Hand, das viele Arbeiten über ihren kunstgeschichtlichen Kontext hinaus zu Erzählungen erweitert. Einzelne Zeichnungen, wie Vue de Fiesole (1907) oder Potsdam, le Sans-Souci (1910) kann man als Anregung für eine Reise dorthin nehmen, um Le Corbusiers architektonischen Blick mit dem eigenen  in Beziehung zu setzen.

Zeichnen als Spiel, als zeichnerische Aneignung von Welt, in der Bauwerke lebendig und ästhetisch wirken, kann man in der Ausstellung exemplarisch nachvollziehen. Aus Charles-Éduard Jeanneret wurde der Künstler Le Corbusier: der Name eine Symbiose aus Familie (Lecorbésier  hieß seine Urgroßmutter) und Natur (corbeau, dt.: Rabe). Die Suche nach der Transparenz natürlicher Objekte, ihre Brechung und Reflexion zeichnerisch abzubilden, ist die Grundlage für seine Architektur bezogenen Studien.

In diesem zeichnerischen Spiel entdeckte der calvinistisch erzogene junge Mann die Erotik des weiblichen Körpers. Aktzeichnungen begleiteten ihn bis an sein Lebensende. Sie sind Teil einer emotional expressiven Phase seines künstlerischen  Selbstfindungsprozesses, die ihn in der Rezeption der Werke von Leonardo da Vinci oder Canaletto ebenso  beeinflusst haben, wie der Kubismus. Technoid begeistert, gepaart mit seinem Formsinn für natürliche Entstehungsprozesse, reformierte er die kubistische Formensprache zu einer organisch technischen.

Viele Anekdoten ranken sich entsprechend um seine Bauten. So habe ihm ein vor Long Island gefundener Krebspanzer für die Dachform der Wallfahrtskirche von Ronchamp angeregt. Es ging ihm wesentlich um eine poetische Dimension gerade auch von Zweckbauten.

Gleichzeitig war Le Corbusier auch ein Künstler, der im Vergleich mit anderen nach Anerkennung strebte. Mitunter ist sie von grenzenlos staunender bis epigonaler Bewunderung. Anders als Fernand Léger, mit dem ihn auch eine kreative Künstlerfreundschaft verband, verehrte Le Corbusier Pablo Picasso fast obsessiv. Ihn, der sonst auf Fotografien korrekt im Zweireiher mit Fliege zu sehen ist, sieht man 1949 zusammen mit Picasso in einem leger bis zum Bauchnabel aufgeknüpften Hemd.

Solche anekdotischen Verweise in Verbindung mit dem geöffneten zeichnerischen Dossier als Kreativitätspool für seine architektonischen Projekte macht Le Corbusier – Zeichnen als Spiel zu einer anregenden Ausstellungen, die einen wichtigen Aspekt seiner Kunst erstmals in diesem Umfang öffentlich zeigt.

photo streaming Le Corbusier
19.02.2016

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Über Peter E. Rytz Review

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