King Arthur – Very British, very Fritsch

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Inselbewohnern wird nachgesagt, sie seien anders. Engländer kultivieren das in besonderer Weise. Als sich Henry Purcell im 17. Jahrhundert mit einer musikalischen Fassung der seit mehr als 1.000 Jahren populären Legende von König Artus und den Rittern der Tafelrunde beschäftigte, durfte es keine reine Oper sein. Die Engländer hielten eine Oper allein als anspruchsvolle Unterhaltung für nicht ausreichend. Sich opernfeindlich zu geben, war für einen kurzen Moment in der Geschichte der Musik opportun: British worthly.

Mit King Arthur, A Dramatick Opera in fünf Akten, 1691 in Londons Dorset Garden uraufgeführt, kreierte Purcell eine Semi-Oper. Sprechtext und Musik sind in gleichem Umfang Teile des Librettos. Diese theatralische Form gab es nur in England und nur zur Zeit Henry Purcells. Als Friedrich Händel Jahrzehnte später nach London kam und die Londoner mit seiner Musik begeisterte, war die Semi-Oper schon wieder Geschichte.

Mit King Arthur startet die Oper Zürich ein musiktheatralisches Projekt. Keine klassische Oper, auch kein Singspiel a la Mozarts Die Entführung aus dem Serail oder Die Zauberflöte, sondern eigentlich ein Schauspiel mit musikalischen Szenen. In sogenannten Tableaus wird die erzählte Handlung musikalisch ausgemalt und somit die Gefühlswelt verstärkt.

Die Arthur-Geschichte nach einem Text von John Dryden erzählt von Arthurs Versuch, Britannien zu vereinen und es gegen die Sachsen zu verteidigen. Um seine dabei vom Sachsenkönig Oswald entführte Braut Emmeline zu befreien, reicht allein kriegerisches Geschick nicht aus. Geister müssen überlistet werden, um der Liebe gerecht zu werden. Natürlich siegt am Ende die Liebe. Aber bis es soweit ist und die Wärme der Liebe die Kälte schmelzen lässt, müssen letztlich die Künste der Zauberer, Merlin für Arthur und Osmond für Oswald, die entscheidende Schlacht schlagen.

Da von King Arthur keine Originalpartitur existiert, steht jede Aufführung vor der Entscheidung, aus unterschiedlichen Quellen auszuwählen. Der Barockspezialist Laurence Cummings, der vom Cembalo aus das Orchestra La Scintilla emphatisch leitet, entschied sich für eine opulente Orchesterbesetzung. Theorbe, Barockgitarre, Trompeten sowie exquisite Blockflöten färben die kammermusikalischen Tableaus nachhaltig mit einer üppigen Klangfülle.

Cummings hat zu dem vorhandenen Purcell-Material eigene musikalische Einwürfe komponiert. Kurzen Ton-Sequenzen, die einzelne Texte in einem lautmalerischen Gestus unterstreichen, und perkussive Intermezzi führen der revueartigen Handlung immer wieder neue Energieströme zu.

Diese halbe Opernstruktur ergänzt Herbert Fritsch nicht nur mit der Schauspielresthälfte. Er fügt die Teile zu einem grandiosen Bild-Text-Musik-Feuerwerk zusammen. Lustvoll zieht er alle Register, nachhaltig beeindruckendes Theater zu machen. Herausgekommen ist ein multi-mediales Gesamtkunstwerk. Dabei setzt er großes Vertrauen in die Gestaltungskraft der Sänger und Schauspieler.

Allein ein auf die Bühnenrückwand projiziertes, mitunter bewegtes Farbfeldbild fungiert als Bühnenbild. Dies wirkt mitunter wie eine Filmleinwand, die Fritsch mit Zitaten aus der Kunstgeschichte bebildert. In der Art von William Kentridges animierten Filmen werden die grotesk slapstick-artigen Kämpfe von Arthur und Oswald sowie ihren Truppen auf das an Gerhard Richter erinnerndes Fenster-Farbfeldbild im Kölner Dom auf die Bühnenrückwand gezoomt. Begleitet von assoziativen Bildern, als würde The Hammering Man von Jonathan Borofskys in Frankfurt am Main Arthur den Hammer leihen, um Oswald niederzustrecken.

Für dieses Opern-Projekt braucht man exzellente Schauspieler, die sängerisch mitmischen können und exzellente Sänger, die spielen können. Corinna Harfouch und Annika Meier geben den Zauberern Merlin und Osmond eine intrigante wie auch extrovertiert komödiantische Frauenpower. Florian Anderer, als Oswald, König der Sachsen, und Simon Jensen als sein Begleiter Guillamar brillieren mit sprachlichem Witz und artistischem Körpereinsatz.

Mit Wolfram Koch hat Fritsch die Rolle des King Arthur unnachahmlich überzeugend besetzt. Koch, angetan mit 26 kg Eisen-Rüstung, lässt es von Anfang an scheppern und rasseln. Da ist jemand in seinem schauspielerischen Element. Der Schalk knallt und blitzt mit jedem Schritt, mit jeder Geste ins Orchester zu Cummings hinüber. Kommentiert seine erste Sprungaktion mit „Sprüngli“, wirft fragende Blicke ins schmunzelnde Publikum, streut Halbsätze mit Deutschen- und Sachsen-Bashing-Attitüde ein, verstolpert die Ritterpose zu einer Sancho-Panza-Arthur-Karikatur.

Witzige Wortspiele, wie „da die da“, „kenne die“, „Ken-ne-dy“ oder nonchalanten Ergänzungen, wenn von der Macht der „Götter“ die Rede ist, „Speise“ nachtönt, ziehen sich durch die Inszenierung als ein performativer Bilderbogen.

In dieser, wie man angesichts des zurzeit in Zürich überall präsenten 100. Jahrestages der Gründung des Cabaret Voltaire meinen könnte, dadaistisch inspirierten Semi-Oper sind die Gesangssolisten, sowohl solistisch als auch chorisch glänzende Garanten einer sich mit dieser Aufführung abzeichnenden Erfolgsgeschichte am Opernhaus Zürich. Allen voran die klangfrische Sopranistin Deanna Breiwick, die in mehreren Rollen glänzt. Als Cupido in der Frost-Szene liefert sie im Lobgesang auf die Liebe ein sängerisches Bravourstück.

Gleichzeitig fokussiert sich in der Szene Purcells musikalisches Gestaltungsprinzip. Cupidos Liebesversprechen in C-Dur steht dem Kälte-Geist in c-moll tremolierend gegenüber. In aufsteigenden Linien zur Liebe hin wird das Kalt-Monotone rhythmisch belebt und expressiv aufgemischt.

Emmeline steht als Streitsubjekt des Liebeswerbens zwischen den Parteien. Und In der Purcell-Partitur eigentlich eine Sprechrolle, ist sie bei Fritsch als Sängerin und als Schauspielerin gleichermaßen gefordert. Ruth Rosenfeld gibt Emmeline eine exzellent widersprüchlich gestalte Figur.

Als am Schluss die Liebe besiegelt ist und Arthur als unumschränkter Herrscher bekrönt wird, wendet sich Laurence Cummings zu „Ein Hoch auf die Ehre von Alt-England“ in der Art von Night oft the Proms zum Publikum und fordert sie zum Mitsingen auf. Übergangslos vom gemeinsamen Gesang braust ein jubelnder Applaus auf. Laute bravi lassen das ehrwürdige Opernhaus erzittern. Dank für ein herzerfrischend luftiges, bildopulentes und klangverrücktes Projekt. Nach dieser gelungenen Zürcher Entdeckung könnten Purcells Semi-Opern, von denen es noch vier weitere gibt, das klassische Repertoire der Opernbühne erweitern.

29.02.2016

Veröffentlichung in Opernnetz

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Über Peter E. Rytz Review

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