Nur ein Schauspieler?

Ein kleines Podest verlängert die Bühne ins Parkett. Eingesperrt auf engstem Raum verlieren sich fünf Komödianten selbstverliebt in tragischen Seufzern. Graue Podeste, die eine dreieckige, spitz nach hinten zulaufende Bühnenkonstruktion begrenzen, erinnern an das Holocaust-Mahnmal von Peter Eisenmann in Berlin. Es ist ein Halluzinationsraum für den Affen der Macht, den Schauspieler Hendrik Höfgen alias Gustaf Gründgens.

Entworfen von Dušan David Pařízek für seine Adaption des Romans Mephisto von Klaus Mann am Schauspielhaus Zürich, sind seine Fundamente brüchig. Höfgen phantasiert auf ihnen, den Brettern, mit deren Hilfe er die Welt erobern will, ein revolutionäres Theater. Angetrieben vom Wahn, der grösste Schauspieler und Zeitgenosse überhaupt zu sein, biegt er sich Menschen so zurecht, wie es ihm nützlich erscheint. Eigennutz als alleiniges Kriterium blendet das Unglück oder sogar den Tod der anderen aus.

Pařízek zeigt die Hybris eines Menschen, der sich den Verlockungen der Macht bedingungslos hingibt. Seine Inszenierung folgt einer Dramaturgie, die einen manischen, vom Erfolg besessenen Menschen in seiner fast paranoiden Widersprüchlichkeit in den Mittelpunkt stellt. Illusion und Selbstgerechtigkeit, Täuschung und Selbsttäuschung sind Höfgens Höllenfahrt-Koordinaten.

Am Ende spielt Höfgen nicht nur Mephisto. Goethes Text Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Ich bin der Geist, der stets verneint. Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht, transzendiert seinen Größenwahn. Er hat sich selbst in Mephisto verwandelt: Des Chaos wunderlicher Sohn. Aus aasigem Spiel ist mephistophelische Wirklichkeit geworden.

In der Spielszene, in der Höfgen als Regisseur Frank Wedekinds Drama Frühlings Erwachen probt und von der Schauspielerin ein ebensolches aasiges Lächeln fordert, generiert er seinen Stil, zu beeindrucken und zu überwältigen. Selbstentlarvend und demaskierend, wird die Signatur seiner demagogischen Schauspielkunst sichtbar.

Michael Neuenschwander spielt Höfgen als atemlos japsendes Subjekt, dem wie einem fressgierigen Hund die Lefzen tropfen. Übt als Karikatur seiner selbst an der Ballettstange einen grotesken Blues. Zu Beginn angetrieben von der Sado-Maso-Peitsche der dunkelhäutigen Juliette, treibt er später sein böses Karriere-Spiel mit Barbara Bruckner, die ihm erst die großbürgerliche Tür geöffnet hat und irgendwann nicht mehr gebraucht wird.

Neuenschwander dekliniert den Typ Höfgen durch alle Seelenpein, Verant-wortungslosigkeit und Hoffährtigkeit mit artistischer Körperarbeit und gestischer Differenz sowie mit großer sprachlicher Ausdruckskraft.

Mit der Rolle des Höfgen hat Pařízek Michael Neuenschwander eine Aufgabe gestellt, auf Grund deren Textumfang man allein schon neben der darstellerischen Leistung großen Respekt haben muss. Damit hat er auch ein Alleinstellungsmerkmal innerhalb des Ensembles.

Wie Elisa Plüss, die die junge, Höfgen uneingeschränkt vergötternde Schauspielerin Angelika Siebert gibt und gleichzeitig auch Höfgens Teilzeit-Ehefrau Barbara Bruckner ist, sind auch Miriam Maertens, André Willmund und Siggi Schwientek mehrfach verwandelt auf der Bühne.

Als Juliette hat sich Miriam Maertens ihren barbusigen Körper mit einer Mokkatorte einzuschwärzen. Man muss allerdings fragen, ob Pařízek damit wirklich gut beraten ist. In Zeiten, wo bei der Verleihung der jüngsten Film-Oscars darauf aufmerksam gemacht wurde, dass unter den Nominierten keine Schwarzen waren, kommt auch das Theater, Quote hin oder her, nicht darum herum, sich zu entscheiden, wie sich die kulturelle Vielfalt unserer Gesellschaft auf der Bühne abbilden lässt. Ansonsten liegt immer die Vermutung nahe, einem Voyeurismus Zucker zu geben.

Maertens zeigt allerdings nicht nur in dieser Szene, welches schauspielerische Potenzial sie eindrucksvoll abrufen und zur Geltung bringen kann. Als nuttige Nazi-Gespielin Lotte Lindenthal ist sie so authentisch, wie es die eigene Phantasie zulässt.

Dass Siggi Schwientek sehr unterschiedliche Charaktere darstellen kann, beweist er an diesem Abend einmal mehr als gefährlich größenwahnsinniger Dichter Theophil Marder als auch als Kommunist Otto Ulrichs. Als demagogischer Steigbügelhalter mit intellektuellem Leerformel-Labbern und als jemand, der auch in der Gefahr des Todes an seinen Überzeugungen festhält ist Schwientek ein listiger Schauspieler: Das alles wird grässlich enden.

André Willmund zeigt sich einmal mehr als vielseitiger Schauspieler. Er spielt den Gekränkten, der von Höfgen ständig düpiert wird, mit gleicher Überzeugungskraft wie den Wandel des Hans Miklas vom glühenden Nationalsozialisten zum nun allerdings ganz anders Düpierten. Gleichzeitig ist er in der Inszenierung so etwas wie der Bänkelsänger, der Bei mir bist Du schön oder das Deutschland, Deutschland, über alles als schwindsüchtige Moritat einer enthemmten Gesellschaft zelebriert.

Nach etwa zwei Stunden sagt Höfgen in der Siegerpose des Mephisto: Jetzt haben wir eine Pause verdient. Einige Zuschauer stehen auf, gehen ins Foyer. Kurz darauf fällt er aus der Starre des Pausenrufs und feiert lautstrak seinen Triumph als Schauspieler. Mephisto bin ich, begleitet vom Gemurmel des einen Teils des Publikums im Foyer, vermischt mit Moritatengesang, nimmt Höfgens Selbstfeier ihren Lauf.

Als Mephisto ist Höfgen jetzt als Schauspieler auf dem Höhepunkt seines Ruhmes und damit seiner Macht. Pařízek lässt mit einem Overhead-Projekt Die Pause ist gleich beendet einblenden. Für Höfgen jedoch ist die Pause noch lange nicht zu Ende. Nicht nur, weil er darüber verzweifelt, dass er den Hamlet nicht hinbekommt.

Von allen verlassen, sitzt er im Abschlussbild auf dem Schoss seiner Mutter (das macht Willmund auch noch!) und weint wie ein unglückliches Kind: Ich bin doch nur ein Schauspieler.

Auf dem Weg aus dem Theater bekennt ein ca. 17jähriger Schüler: Ich habe nichts verstanden. Die Lehrerin neben ihm murmelt erklärend: Das war Theater im Theater.

03.03.2016

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Über Peter E. Rytz Review

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