Magie der Zeichen, ein sinnlicher Entdeckungsparcour

The Walther Collection @ beim Künstler

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Winter im Rietbergpark: Dieser schon allein ist ein Besuch wert. Auch wenn in diesem Jahr wenig Winter zu erleben war, konnte man in den letzten Tagen Glück haben. Die vom Frost ummantelten Äste der Sträucher und Bäume zeichnen vor dem beschneiten Rasen grafische Strukturen.

Wer anschließend die Ausstellung Magie der Zeichen – 3000 Jahre chinesische Schriftkunst besucht (noch bis 20. März 2016), findet, eingestimmt durch der Wahrnehmung draußen vor der Tür, drinnen ein meditatives Angebot, zu staunen und sich auf den Grund des Lebens forttragen zu lassen.  Rätselhaft, magisch, geheimnisvoll.

Schrift ist in China seit frühester Zeit mit Magie und Macht verbunden, heißt es im von Kim Karlsson und Alexandra von Przychowski herausgegebenen Katalog, der in seinem grafischen, das Chinesische nachspürende Layout ebenso überzeugt wie in seiner Lesbarkeit fernab von jedem Fachchinesisch. Der Anspruch der Ausstellung, auch demjenigen, der die Schriftzeichen nicht lesen kann, ihre abstrakte Schönheit sinnlich erfahrbar zu machen, geht voll auf. Früheste Tuschen stehen dabei mit zeitgenössischen Arbeiten im Dialog.

Überwölbt von einem Video, in dem die magische Aura der Tusche-Schrift spürbar ist, wird man von der Kalligraphie, der Kunst des Schönschreibens, schon mit Betreten des ersten Raumes überwältigt. Einem Gedicht von Zhu Yunming im Stil einer verrückten Konzeptschrift aus dem 15./16. Jahrhundert – An diesem Ort der Pflaumenblüte verfasse ich Gedichte voller Duft – sind von Xu Bing drei Blätter, Tusche auf Papier Square Word Calligraphy (Das Wort von Friedrich Nietzsche) von 2014 gegenüber gestellt. Ähnlich Zhu Yunming, verrückt er das Schriftbild in eine eigene, nach formalen Regeln selbst verfasste Zeichenschrift. Bei genauerem Hinsehen wird der deutsche Nietzsche-Text lesbar: Lebendgem Worte bin ich gut, das springt heran so wohlgemut.

So eingestimmt, wird der Gang durch die sechs Themenbereiche, in denen die drei Lehren des Konfuzianismus, Buddhismus und Daoismus, die das geistige, politische und religiöse Leben in China bis heute prägen, zu einem sinnlichen Erlebnis. Ästhetik und Poesie verbinden sich dabei zu einem Gesamtkunstwerk von Malerei, Dichtung und Schreibkunst. Die individuelle Handschrift in der chinesischen Schriftkunst als Siegel des Herzens, als Stimme des Geistes gilt als die vornehmste, geistreichste Kunstform überhaupt. In ihr offenbart sich der Charakter des Schreibenden. Formale Ähnlichkeit in der Malerei ist dabei ebenso wenig Absicht und Ziel, wie eine Schrift, die nicht suggestiv poetisch sowie lebendig spontan wirkt.

Von Su Shi (1037 – 1101) ist überliefert: Wer ein Bild nach seiner Naturtreue beurteilt, hat das geistige Niveau eines Kindes. Wer ein Gedicht nach Regeln verfasst, versteht nichts von Dichtung. Dichtung und Malerei beruhen auf dem gleichen Prinzip: Wie das Werk der Natur – klar und frisch.

Im Mondlicht einen Sutratext lesen von Jifei Ruyi aus dem 17. Jahrhundert, einer Serie von fünf Blättern, Landscripts: Zehntausend Bäume (2004) ist eine Arbeit von Xu Bing gegenübergestellt. Zu sehen ist eine Waldlandschaft aus zusammengesetzten chinesischen Schriftzeichen.  Auch in der jüngsten Arbeit der Ausstellung Manuscript of Nature V, einer Installation mit Weinreben von Cui Fei, verschmelzen Schrift und Bild kompositorisch und chromatisch zu einer poetischen Einheit.

Begleitet von spirituellen Weisheiten – Aus der Stille entspringt die spirituelle Kraft oder Form ist Leere, Leere ist Form –, steht man vor der Figur Bodhisattva und Weihegaben aus dem 15. Jahrhundert und ist fasziniert von den in ihr versteckten Schriftrollen Dharani des Weisheitskönigs des Grossen Goldenen Pfaus. Wenige Schritte weiter ziehen fotografische Film-Stills der Performance In the Lhasa River Tibet, Printing on Water , 1996 von Song Dong, die Aufmerksamkeit auf sich. Das Ephemere, das scheinbar Zwecklose, im flüchtigen Leben Verlässlichkeit zu gewinnen, bleibt eine Hoffnung.

Nichts ist beständig. Gestern nicht, heute nicht, auch die Zukunft verschattet irgendwann. In den Steinabreibungen aus der Tang-Dynastie Vorrede zur heiligen Lehre, zusammengestellt aus Schriftzeichen des Wang Xizhi (datiert 672) schwärzt die Kopie einer Kopie ihre Lesbarkeit. Nur mühsam sind die berühmten Tausend-Zeichen-Klassiker herauszufiltern.

Wenn Qui Zhijie in Copying the Preface to the Orchid Pavillon 1000 Times eines der berühmtesten Werke der ostasiatischen Schriftkunst Vorwort vom Orchideen-Pavillon des Wang Xizhi (303 – 361) entsprechend viele Male übereinander schreibt, ist zum Schluss nur noch eine schwarze Fläche zu sehen. Ebenso verschwindet die Individualität  in der neunteiligen Fotoserie Family Tree (2000) von Zhang Huan. Er liess sich von drei Kalligraphen einen      ^^^^^^^^^^^^^         Tag lang Worte, Sätze und Namen von Familienangehörigen auf sein Gesicht tuschen. Auf dem letzten Foto leuchten nur noch seine Augen aus dem geschwärzten Gesicht.

Zhangs Statement zu dieser Arbeit – Das Schicksal eines Menschen ist unergründlich. Es wird von einer mysteriösen Kraft kontrolliert – kann man als magisches Mysterium lesen, das von dieser Ausstellung ausgeht. Sie ist ein sinnlich ästhetisches Vergnügen, das beim Rückweg den Rietberg-Park magisch verzaubert erscheinen lässt.

11.03.2016

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Über Peter E. Rytz Review

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