Dada war da, bevor Dada da war

 @ Peter E. Rytz 2016

@ Peter E. Rytz 2016

Wer in diesen Wochen durch Zürich geht, dem stellt sich auf Schritt und Tritt Dada in den Weg. Vor 100 Jahren verunsicherten vor allem migrantische Bohémiens vom neu eröffneten Cabaret Voltaire aus das zwinglianische Zürich mit dadaistischen Performances. Dass das Voltaire in der Spiegelgasse in unmittelbarer Nachbarschaft zu den ehemaligen Wohnungen von Lenin und Büchner liegt, ist selbst irgendwie schon eine dadaistische Pointe.

Dieser künstlerische Aufruhr, der nur wenige Jahre bestand, hat das kulturelle Selbstverständnis gleichwohl nachhaltig bis heute durcheinander gewirbelt. Dem 100jährigen Jubiläum widmen sich Ausstellungen im Kunsthaus Zürich (bis zum 01.05.2016; ab 12.06.2016 im Museum of Modern Art, New York), im Landesmuseum Zürich (nur noch kurze Zeit bis zum 28.03.2016) und im haus konstruktiv (bis zum 08.05.2016). Ab 18.März reiht sich das Museum Rietberg mit Dada in Afrika – Dialog mit dem Fremden in den Dada-Ausstellungsmarathon ein; ab 3.Juni werden die Festspiele Zürich mit Dada – Zwischen Wahnsinn und Unsinn fortsetzen.

Bevor man im Kunsthaus der sagenumwobenen, geheimnisvollen Rekonstruktion von Tristan Tzaras unvollendetem Buchprojekt Dadaglobe nachspürt, ist auf dem Bauzaun des Erweiterungsbaus nach Plänen von David Chipperfield ein Graffiti zu lesen: Dada war da. Auf dem Hauptbahnhof machte die Kunstinstallation La Garde für einen Tag darauf aufmerksam, dass die Dada-Marionetten von Sophie Taeuber-Arp gegen den Krieg kämpften und heute die Gegner Facebook & Co heißen.

Dada-Box

Um sich in der dadaistischen Spurenvielfalt des Jubiläums in Zürich zu orientieren, gibt es zum Glück eine offizielle Karte des Cabaret Voltaire: Wanderkarte Dada Stadt Zürich. So ausgerüstet, wird der Zürcher Dada-Rundgang zu einem mitunter heiteren Spaziergang in einer  Mischung aus performativem Klamauk, arbiträren Irritationen und intellektuellen Hochstapeleien.

Unter dem Aspekt, dass Dada keinen Kunststil, sondern eine antibürgerliche Haltung verkörpert, ist es interessant zu beobachten, wie sich diese Haltungen in den drei Ausstellungen vermitteln. Während in den abgedunkelten Räumen im Kunsthaus mit Dadaglobe Reconstructed eine kunstgeschichtlich akribische Detailarbeit zu sehen ist, wird die Ausstellung Dada Universal im Landesmuseum von den Besuchern interaktiv und fortlaufend ausgestaltet.

Im Halbdunkel des Kunstmuseum taucht man in eine Atmosphäre ein, die Francis Picabia mit seinem Gedichtbeitrag Le Moment le plus beau c‘est demain schafft. Der Ausstellungsbesuch ist vor allem eine instruktiv gestaltete Einstimmung. Der Katalog, ein umfassend gelungener Reprint eines nie gedruckten Buches, besticht durch seine inhaltliche Geschlossenheit, die bis dahin noch nie zu sehen war. Mit dem grafisch vorzüglich gestalteten Layout ist ein Arbeitsbuch entstanden, das 100 Jahre später die Druckvorlage bietet, die Tristan Tzara nicht realisieren konnte.

Tzara_Portrait for Dadaglobe

Im Kontrast zum aufmerksam lesenden Besucher in Dadaglobe Reconstructed hat dieser im Landesmuseum die Möglichkeit, das eigene, bisher unbekannte dadaistische Universum zu entdecken. Auf den umlaufenden Schiefertafel-Wänden sind mit einem Kreidemarker entsprechend des Ausstellungstitels Dada Universal mit Worte, Textn oder Zeichnungen zu entziffern: Zürich ist in ein Korsett des Unglücks geschnürt oder Dada zeigt, wie Gaga Menschen sein können ist dort beispielsweise zu lesen.

 @ Peter E. Rytz 2016

@ Peter E. Rytz 2016

Wild wuchernd umstellen Schiefertafeln die Ausstellungsobjekte in den Vitrinen. Marcel Duchamps Readymade-Ikone Fountain oder Man Rays L’Enigme d’Isodore Ducasse  bilden mit den projizierten Filmen, wie Mary Wigmans Hexentänzen ein dadaistisches Nein-Band.

Man Ray, Landesmuseum

Der Vogel Dodo, der nicht fliegen kann, wird mit dem Hopi-Kostüm von Sophie Taeber-Arp, dem man im haus konstruktiv wieder begegnet, mit Hannah Höchs Dada-Mühle zu einem universellen Dada-Esprit gemixt. Nietzsches Gott-ist-tot-Negation findet ihre Entsprechung in Tzaras Credo, die Kunst ist tot.

Geben die spontan fixierten Dada-Äußerungen der Besucher selbst Anlass zu vergnüglichem Schmunzeln oder einem fragenden Stirnrunzeln, zeigte sich die Live-Performance B(l)ack Dadaism presents: Kotomisi un-inform dagegen nur als eine überflüssige, weil ärgerliche Trittbrettfahrerei selbstverliebter Beliebigkeit.

Dass künstlerische Kreativität an das Individuum gebunden ist und  programmatische Gemeinschaften deshalb auch nur für einen zeitlich begrenzten Moment funktionieren, wird mit den exzentrischen Künstlerinnenpersönlichkeiten Elsa von Freytag-Loringhoven, Hannah Höch und Sophie Taeuber-Arp im haus konstruktiv aufgezeigt: DADA anders. Lapidare Kommentare und  Anmerkungen als dadaistisch aufgeladene Kosmologien sind wie fotografische Blitzlichter, die die unterschiedlichen Biografien der drei Frauen nur anleuchten, aber nicht ausleuchten. Mitunter ist es nur ein Augenaufschlag, eine Attitüde, eine unvollständige Haltungsabsicht die, wie bei der sogenannten Dada-Baroness von Freytag-Loringhoven nur fragmentarisch geblieben ist. Gemeinsam ist ihnen allen ein Streben nach größtmöglicher Autonomie, existentielles Scheitern inbegriffen.

Baroness Von Freytag-Loringhoven Working as a Model

Scheitern musste auch Tzaras Buchprojekt Dadaglobal. Im politischen Klima zu Zeiten des Versailler Friedensvertrags nach dem 1. Weltkrieg konnten Bemühungen, durch Kunst zu befrieden, nicht gelingen. 1920 hatte er 50 Künstler aus 10 Ländern um einen künstlerischen Beitrag gebeten und musste vor dem mit Stefan Zweig geteilten Eingeständnis kapitulieren, dass Europa inzwischen zu einer Welt von gestern geworden ist (Exil und Literatur  – Stefan Zweigs nicht belohnter Mut im Literaturhaus München vom 18.04.2015 daselbst).

Huelsenbeck in Berlin und Tzara in Paris besetzten mit dem Dadaglobal-Projekt  die Hauptstädte der ehemals kriegführenden Parteien, konnten aber ihre Grenzen schon auf dem Postweg kaum überwinden. Übrig blieb das strategische Dada-Prinzip, Macht zu parodieren. So blieb das Buch Fragment, das jedoch mit der Ausstellung unter dem Staub von 100 Jahren seine kreative Wucht offenbart.

Um diese Wucht aus drei Ausstellungen genießen zu können, braucht es zwischendurch eine Erfrischung. Wer sich zu einem Spaziergang am See entschließt, wird neben frischer Luft und Blick auf die majestätische Alpenlandschaft indirekt noch eine überraschende Ergänzung zu den Ausstellungen wahrnehmen können. Am Ufer stehen ausgetretene Schuhe und ein Kerze. Auf einem Pappkarton ist Safe passage now zu lesen.

safe passage now

Der Weg  vom Cabaret Voltaire der Dadaisten-Emigranten damals bis zu den Flüchtlingen heute ist nur kurz. Dada ist da, bevor Dada da ist. Alles wie immer, nur anders, global, universal.

18.03.2016

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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