Elektra im Schlachthaus

ELEKTRA Tragödie in einem Aufzug von Richard Strauss, Dichtung von Hugo von Hofmannsthal Premiere: Samstag, 19. März 2016  v.l.: Ks. Doris Soffel (Klytemnestra), Rebecca Teem (Elektra) Foto: Matthias Jung, Erftstadt

ELEKTRA
Tragödie in einem Aufzug von Richard Strauss, Dichtung von Hugo von Hofmannsthal
Premiere: Samstag, 19. März 2016
v.l.:
Ks. Doris Soffel (Klytemnestra), Rebecca Teem (Elektra)
Foto: Matthias Jung, Erftstadt

Ich habe Angst. Ich hatte mich gefürchtet, heute hier her zu gehen, flüstert eine Dame im Foyer des Aalto-Musiktheaters Essen unmittelbar vor der Premiere von Elektra ihrer Begleitung zu.

Auch Richard Strauss fürchtete sich vor der Elektra. Nicht vor den Blutorgien der psycho-dramatisch aufgeladenen Erzählung. Aber nach der Salome, einer seiner avantgardistisch kühnsten Opern, hatte er Zweifel, ob er mit einer neuen Oper seinen eigenen kompositorischen Maßstäben weiterhin genügen könne. Als er Elektra 1908 vollendete, empfand er sie hinsichtlich der Geschlossenheit des Aufbaus und in der Gewalt der musikalischen Steigerungen der Salome gleichwertig. In beiden Opern hat er sich bis an die Grenzen der Harmonik und der Polyphonie gewagt.

Die Inszenierung von David Bösch zeigt das überzeugend. Sie zieht die Opernbesucher in einen Sog atemloser Aufmerksamkeit. So eine beeindruckende Aufführung habe ich ja noch nie gesehen, wird jemand beim Hinausgehen nach enthusiastischen Bravi staunen.

Tomáš Netopil am Pult der Essener Philharmoniker im Großformat mit 115 Musikern schafft die gewaltige Partitur nicht nur physisch mühelos, sondern ringt ihr mit musikalischer Intelligenz eine stellenweise rauschhafte Klangfülle ab. Das Blech klingt kraftvoll mit Volumen wie auch die Holzbläser markante Zäsuren im Dialog mit den Streichern gestalten. Neben wuchtig laut tönenden, nachtschwarzen, stöhnenden, wut- und angstverzerrten Passagen gelingen den Essener Philharmonikern weiche Tonfolgen in lyrischen Zwischengesängen, die die Archaik der Partitur konterkarieren und vielfach geschmeidige Übergänge zu den Motiven gestalten.

Die Bühne von Patrick Bannwart und Maria Wolgast ist Schlachthaus, Höhle mit Wandmalereien, mit Kerzen beleuchtete Weihestätte und Kinderzimmer mit Kinderstühlen, Schaukelpferd und Kinderbett zugleich. Mama where is Papa?, die blutrote Schrift an der Wand kann man durchaus als programmatische Frage der Inszenierung verstehen. Familien haben ihre Traumata. Alle sind Täter, alle sind Opfer, so hat Bösch erste konzeptionelle Überlegungen für seine Inszenierung skizzenhaft formuliert. Er liest das Libretto Hugo von Hofmannsthals mit einer psychologisch analytischen Perspektive.

Den Mord an ihrem Vater Agamemnon  durch ihre Mutter Klytemnästra und ihrem Geliebten Aegisth zu rächen, ist Elektras Ziel. Auch die Bitte ihrer Schwester Chrysothemis, die sich nach einem friedvollen und schönen Leben mit Kindern sehnt, aus dem Spiel zu lassen, akzeptiert Elektra nicht. Das ist für Bösch das Tableau einer Familienaufstellung, die er in seiner Inszenierung seziert: Was wird Kindern von ihren Eltern angetan bzw. was glauben sie, dass ihnen angetan worden ist?

Schuld und Unschuld sind nicht immer klar zu trennen. Elektras weißes Nachthemd verliert symbolisch seine Unschuld, wenn sie ihm, mit Blut beschmiert, das Rache-Signet aufdrückt. Rebecca Teem spielt Elektra als eine von Rachegedanken Besessene. So überlegt strategisch sie auch vorgeht, bleibt sie in der Pose eines kleinen, trotzigen Kind stecken. Sie moduliert ihren Sopran bisweilen kreischend mit einer fast quälenden Unbedingtheit. Nach wenigen Minuten durchgängig bis zum Schluss auf der Bühne leistet sie auch körperlich Außergewöhnliches. Dass ihr schauspielerisch  tänzerisches Repertoire begrenzt scheint, gereicht in der Elektra-Figur zu einer empathischen Charakterstudie.

Im Kontrast zur Unschuldsmetapher von Elektras Kostüm-Weiß trägt Katrin Kapplusch als Chrysothemis ein frühlingsfarbenes Hoffnungskleid. Mit den Kostümen kommentiert Meentje Nielsen die Inszenierung assoziationsreich. Mit Kapplusch und Teem sind markant ausgebildete Soprane in klanglicher Differenzierung zu hören, die den verschiedenen Haltungen und Wünschen der Schwestern gerecht werden.

Doris Soffels Klytämnestra  gerät zu einem eindrucksvollen Auftritt. Zentral in der Dramaturgie ist er vor allem spielerisch und sängerisch ungemein überzeugend und effektvoll inszeniert. Angeschlossenen an Infusionsschläuche, die Klytämnestra  angesichts ihrer traumgebeutelten Schlaflosigkeit allein am Leben zu halten scheinen, fallen ihr gehäutete, blutverschmierte  Schafe mit zusammen gebundenen Läufen von der Decke vor die Füsse.

Sie findet seit dem Mord an Agamemnon keine Ruhe mehr. Ich will nicht mehr hören: Das ist wahr und das ist Lüge. Sie räsoniert resignierend (im Libretto heißt es dumpf):Was die Wahrheit ist, das bringt kein Mensch heraus. Sie glaubt bei ihrer klugen Tochter trotz der Blutherrschaft eine Lösung zu finden. Hoffnungen, die sich nicht erfüllen werden. Sie sind der Anfang vom Ende für alle.

Doris Soffel verfügt über einen Mezzosopran, der in seinem atonalen Ausdruck bis an die Altgrenze reicht. Akzentuiert setzt sie seufzend, fragend und drohend gebrochene Akkorde nebeneinander, die zwischen Wachen und Träumen letztliche eine verlorene Klytämnestra zeigt.

In der von Frauen bestimmten Familien-Blut-Fehde hat das Libretto den Männern, außer Orest, von Almas Svilpa in gewohnter Präsenz gesungen, wenig Raum gegeben. Sie bleiben Randfiguren in einer von virtuosen Solistinnen bestimmten Premiere.

 20.03.2016

Advertisements

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Oper veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s