Total Records – almost all live

Grace Jones

Neulich in der C/O Berlin Foundation. Amerika Haus. In der Ausstellung 1-2-3-4. Anton Corbijn war vor seinen Fotografien der Rockheroen des ausgehenden 20. Jahrhundert leise deren Musik zu hören (Anton Corbijn im Amerika Haus der c/o Berlin Foundation – Fotograf und Fabulierer vom 06.01.2016, daselbst). Paare mittleren Alters saßen versunken Arm in Arm und schauten lächelnd, als träumten sie ihren Erinnerungen aus längst vergangenen Tagen nach.

Jetzt ergänzen sich Fotografie und Musik  in der Ausstellung Total Records – Vinyl & Fotografie im Fotomuseum Winterthur auf eine wundersame Art und Weise.  Es ist eine Wiederbegegnung mit den Rock- und Pop-Sinnbildern jener Jahre. Schallplatten, die die Regale für CDs freimachen mussten und, wenn sie nicht entsorgt wurden, irgendwo in einer dunklen Ecke verstaubten,  sind von den Kuratoren Sam Stourdzé, Antoine de Beaupré und Serge Vincendet während Les recontres de la photographie d’Arles 2015 zurück ans Licht geholt worden.

In Winterthur strahlen sie um die Wette und rufen fast vergessene Geschichten ins Gedächtnis. Die Coverbilder umhüllen nicht nur die auf Vinyl gepresste Musik, sondern erinnern Bilder, Emotionen und Aktionen hervor, die das bürgerliche Establishment damals mitunter brachial und wütend aufmischten, irritierten und nachhaltig verunsicherten.

Total Records ist aber noch viel mehr, als in Zeiten grassierender medialer Beliebigkeitslangeweile 500 Schallplatten dem Vergessen zu entreißen. Die fotografische Gestaltung der Cover stiftet visuelle Identität und Unverwechselbarkeit.  Sie sind künstlerisch ambitionierte Zeugnisse kreativer Wechselwirkung von Fotografie und Musik.

Die Fotografien von Francis  Wolff und Lee Friedlander haben dem Jazz ein unverwechselbares Image von improvisatorischer Kraft und Energie gegeben. Die Musik von John Coltrane bis Ornette Coleman, von Miles Davis bis Freddie Hubbard ist mit den ikonografischen Bildern eng verbunden. Sie sind voneinander nicht zu trennen. Das Jazz-Label Blue Note hat seit den 1950er Jahren die programmatische Vorlage von Fotografie und Design etabliert. Francis Wolffs Fotografien und Reid Miles‘ Design sind stilbildend bis heute.

Plattencover des Label Riverside zeichnen sich durch ein grafisches und fotografisches Design mit einem großen Wiedererkennungswert aus. Dem Fotografen  Ralston Crawford und dem Grafiker Ken Deardoff gelang anfangs der 1960er Jahre etwas, das Jahrzehnte später als corporate design bezeichnet wurde. Ähnlich wirkungsvoll in ihrem Alleinstellungsmerkmal sind die Arbeiten von Pennie Smith und Ray Lowry für die Alben von The Clash bei CBS Ende der 1970er Jahre.

Immer wieder bleiben in der Ausstellung Besucher vor Schallplatten stehen und nicken sich, von Erinnerungen beseelt, mit leuchtenden Augen zu. Unausgesprochene Fragen, die ihnen gleichzeitig gemeinsam durch den Kopf zu huschen scheinen und die keine gegenseitige Bestätigung mehr brauchen, glaubt man von ihren Gesichtern ablesen zu können: Wie oft haben wir diese Platte gespielt? Überall hin haben wir sie mitgenommen…

Sticky Fingers oder Love You Live der The Rolling Stone von Andy Warhol sowie die von ihm solarisierten Portraits auf den Platten von Paul Anka, Aretha Franklin, John Lennon und Diana Ross wurden neben seiner inzwischen ikonografischen Banane auf dem Cover von The Velvet Underground & Nico zu Meilensteinen von Total Records.

Anders unverwechselbar die avantgardistisch ambitionierten Veröffentlichungen von ECM mit ihren grafisch ausgeklügelten Signets. Wenige Schritte weiter steht man vor den Grace-Jones-Schallplatten, die in mehrfacher Hinsicht beeindrucken. Zum einen die Fotografien von Jean-Paul Goude in ihrer dadaistischen Perspektive. Dass die grafisch expressive Gestaltung keinen Autor benennen kann, mag ein Hinweis auf das Umfeld künstlerischer Arbeit in den 1980er Jahren sein, wo kreativer Prozess und Chaos sich gegenseitig bedingten. Die Serie der Aufnahmen von Grace Jones ist in dieser Kompaktheit sicher manchem bisher verborgen geblieben.

Durch die Ausstellung entlang von Cover zu Cover gibt es immer wieder überraschende Entdeckungen. Dass das nach einer Fotografie von Ian Macmillan sich tief im kollektiven Gedächtnis eingegrabene Abbey-Road-Cover von The Beatles verschiedene Nachahmer wie The Abbay Road E.P von The Red Hot Chili Peppers oder für Soumful Road von New York City gefunden hat, überrascht dann doch.

Deutlich wird, wie die künstlerischen Arbeiten von Robert Mapplethorpe, Robert Rauschenberg oder Jeff Koons und Andy Warhol mit den von ihnen gestalteten Covern verbunden sind. Was sonst von ihnen als exemplarische Arbeiten in Sammlungen und Museen nur exklusiv zu sehen ist, konnte jedermann entsprechend des in der Pop Art formulierten Anspruchs Kunst für alle versus alles ist Kunst mit der Schallplatte nach Hause tragen.

Steht man abschließend vor den U 2 – Schallplatten  mit den Fotografien von Anton Corbijn, schließt sich der Kreis von Berlin nach Winterthur.

21.03.2016

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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