Musik-Giganten im Dialog

Yo-Yo Ma @ Todd Rosenberg

Yo-Yo Ma @ Todd Rosenberg

Manchmal können kleine Gesten das Besondere ausmachen. Als Daniel Barenboim in der Philharmonie Berlin gemeinsam mit Yo-Yo Ma der Bühne zustrebt, dreht sich jener nach wenigen Schritten um und hebt ein weißes Taschentuch auf. Seinen fragenden Blick beantworten Barenboim, die Musiker der Staatskapelle Berlin und das Publikum mit Kopfschütteln. Da es niemand zu gehören scheint, steckt es sich Yo-Yo Ma mit einem Lächeln in seine Hosentasche, so als wolle er damit sagen, wenn es niemanden gehört, soll es uns allen gehören.

Spannung lösende  Heiterkeit von allen Seiten. Es ist, als wäre auf diese Weise der vorher spürbare Überdruck aus dem Kessel der Erwartungen an das Konzert für Violincello und Orchester h-Moll op. 104 von Antonín Dvořák abgelassen worden. Die damit verbundene Entlastung vermindert dadurch aber nicht das Hochdruck-Potential der Interpretation. Sie schafft im Gegenteil genau den Spannungszustand, der Dvořáks musikalische n Architektur Raumfülle gibt.  

Dvořák hat das Cellokonzert wunderbar instrumentiert. Die Musik-Giganten Daniel Barenboim und Yo-Yo Ma füllen mit ihrer klangschönen Interpretation die Philharmonie bis in den letzten Winkel. Es gibt nur wenige Konzerte, wo der Solist erst relativ spät, dann aber, gewissermaßen ohne Einspielzeit in medias res präzis präsent sein muss. Das verlangt konzentrierte Geduld, um Allegro vivo die melodischen Linien des Orchesters dialogisch zu paraphrasieren. Überlegen setzt Yo-Yo Ma mit dem ersten Bogenstrich ein. Die Töne seines Cellos schweben frei und rein im Raum, den Barenboim ihm mit der Staatskapelle eingerichtet hat.

Mit wenigen, mitunter nur angedeuteten Bewegungen der linken Hand zieht Barenboim die musikalische Essenz der Partitur ins Orchester und lässt sie elegant, verlässlich auf exzellentes Holz und Blech gegründet, fließen. Betörend zart flirrt im Adagio ma non troppo ein satter Klang vom Podium.

Yo-Yo Ma ist in seinem Spiel in für ihn typisch unorthodoxer, teilweise in eher liegender als sitzender Rückenlage mit seinem Cello symbiotisch verbunden. Den Blick nach oben gewendet, entlockt er ihm reine Töne von selten gehörter Eindeutigkeit und Klarheit. Eingetaucht in seinen eigenen Klangkosmos, atmet er trotzdem hellwach im Rhythmus von Barenboims orchestraler Intention.

Im Finale Allegro moderato demonstriert Yo-Yo Ma mit dem vollständig und kraftvoll durchgespielten Thema des Satzes seine überlegene Technik in Verbindung mit der Intelligenz seines Cellospiels. Im Dialog mit der Violine des Konzertmeisters der Staatskapelle duellieren sie sich auf Augenhöhen. Sie sind für Momente in einem Resonanzraum eingehüllt. Selbst noch in der Körperhaltung antizipiert der Violinist das Cello.

Am Ende streiten sich Daniel Barenboim und Yo-Yo Ma um den Vortritt beim Applaus, den sie sich jeweils gegenseitig einräumen. Augenblicklich ist die bis zum letzten Ton anhaltende Spannung zum zweiten Mal an diesem Abend aufgelöst. Nach unzähligen Verbeugungen ohne sein Cello wiegt sich Yo-Yo Ma offenbar in der trügerischen Hoffnung, ohne Zugabe wegzukommen. Aber da hat er die Hartnäckigkeit der Zuhörer in der Philharmonie unterschätzt. Nach einer gefühlten halben Ewigkeit hat er ein Einsehen mit Variationen über ein chinesisches Volkslied (?) in buddhistisch meditativer Anmutung. Barenboim zollt ihm inmitten seines Orchesters sitzend Respekt für eine Hommage an die Schönheit des Klangs in seiner reinsten Form.

Im zweiten Teil nach der Pause hat Barenboim die oft geschmähte Sinfonie Nr. 2 Es-Dur op. 63 von Edward Elgar ins Programm genommen. Dezidiert in der Absicht, ihr im Vergleich mit der viel gelobten 2. Sinfonie Genugtuung zu verschaffen. Das gelingt allerdings nur teilweise.

Einerseits hat Elgar mit dem überragenden Erfolg seiner 1. Sinfonie selbst die Messlatte hoch gelegt. Die 2. hat zwar eine betont verschleierte, melancholisch lyrische Eigenständigkeit, aber nicht die kontrastierenden Akzentuierungen der 1. trotz ihres großen Orchesterapparats.

Andererseits hat er seine Überzeugung, dass ein Werk aus sich selbst ohne programmatische Texte und Bezüge auskommen und verständlich sein sollte, unterlaufen. Die Partitur trägt nicht nur die Widmung Dedicated to the Memory of His late Majesty King Edward VII., ihr voran gestellt ist außerdem die kryptische Zeile Selten, selten kommst du, Geist der Wonne aus einem Gedicht von Percy Bysshe Shelley. Weiterhin ist die Sinfonie von Elgar mit dem Untertitel Die Pilgerfahrt einer Seele versehen worden.

Nachdem das Taschentuch-Ereignis zu Konzertbeginn schon eine gewisse Rolle gespielt hat, ist es, wenn auch auf eine ganz andere Weise, beim Elgar-Konzert unübersehbar. Barenboim scheint gesundheitlich beeinträchtigt. Immer wieder fingert er während des Dirigats aus der Hosentasche ein Taschentuch, um sich den Schweiß von Gesicht und Hals abzuwischen. Seine linke Hand sucht häufig Halt am Geländer des Pults.

Umso erstaunlicher, mit welcher geistig überlegener  Kraft und emotionaler Subtilität er das Orchester mit Allegro vivace e nobilmente sofort in Stellung bringt. Kontrastierend zwischen Sturm und Stille gelingt ihm im Larghetto ein elegisch klagender Ton von kantabler Innerlichkeit. Das rätselhaft zwischen triumphalem Hochgefühl und resignierender Trauer changierende Finale Moderato e maestoso nimmt Barenboim, als memoriere er ein melancholisches Elgar-Brevier.

Das Leben ist uneindeutig. Es folgt keinen logischen Gesetzen. Die Einsicht, sich damit zu versöhnen, kann als Elgars Vermächtnis mit der 2. Sinfonie verstanden werden. Barenboim hat mit der Staatskapelle Berlin interpretatorisch eindrucksvoll und musikalisch überzeugend gezeigt, welche Perspektiven in der 2. Sinfonie noch zu entdecken sind.

29.03.2016

Advertisements

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Konzert veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s