Dubuffets Landschaften in uns

@ Peter E. Rytz 2016

@ Peter E. Rytz 2016

Zitate können manchmal auch fehlleiten, zumindest unwahr sein. Jean Dubuffet hat behauptet, dass die wahre Kunst immer da ist, wo man sie nicht erwartet. Wer in Riehen/Basel die Fondation Beyeler besucht, ist sich seit vielen Jahren sicher, dort wahre Kunst zu sehen. Die Ausstellung Jean Dubuffet – Metamorphosen der Landschaft (noch bis zum 8. Mai 2016) widerlegt auf schönste Weise die apodiktisch provokative Behauptung des Künstlers selbst durch ihre dialogische Präsentation (Kurator: Raphaël Bouvier).

Noch bevor man die Ausstellungsräume betritt, laden Dubeffet affine Sitzlandschaften zum Einstimmen und Einfühlen ein. Landschaften sind für Dubuffet Übersetzungen mentaler Bilder. Die äußere, sichtbare, geografische Landschaft  korrespondiert  in seinen Arbeiten mit der inneren Landschaft des Menschen, seinen Gefühlen, Stimmungen und Emotionen. Schöne Landschaften interessieren mich nicht. Ich mag Orte ohne Schönheit, ohne alles Pittoreske.

Auch dieses Zitat ist in sich widersprüchlich. Es offenbart aber damit indirekt den Wahrnehmungsfokus in seinen Arbeiten. Denn, was das Schöne an sich ist, ist schon Platon nicht gelungen eindeutig zu beantworten. Rainer Maria Rilke zieht mit Du musst dein Leben ändern, der letzten Zeile seines Gedichtes Archaïscher Torso Apollos eine handlungsleitende Konsequenz.

Dubuffet ist einen langen Weg gegangen, um die Schönheit der Welt dort zu finden, wo sie nicht unmittelbar sichtbar ist. Bis zu seinem 41. Lebensjahr hat er den väterlichen Weinhandel betrieben. Ob ihm die Schönheit des Weins und die ihm zugesprochene Weisheit irgendwann nicht mehr genügte und er danach deshalb nun mehr ausschließlich in der Malerei eine andere, innere Schönheit suchte, muss unbeantwortet bleiben. Durch die Verpachtung der Weinhandung sicherte sich Dubuffet jedenfalls eine finanzielle Unabhängigkeit, die er konsequent und radikal für seinen künstlerischen Weg nutzte. Wie er seiner Idee, die immaterielle Welt der menschlichen Spezies zu visualisieren, immer näher gekommen ist, ohne Absolutheitsanspruch, sie zu entschlüsseln, davon gibt die Ausstellung einen differenzierten Eindruck.

Steht man im 1. Saal vor Paysage Vineux (1944), einer seiner frühen Arbeiten, betritt man nicht nur den unverwechselbaren, narrativen Dubuffet-Kosmos seiner Kunst, sondern auch den seiner Biografie. Das Weinrot der Linien und Strukturen kann man als Nähe zu seiner ehemaligen Profession sehen. Es ist aber gleichzeitig auch eine verborgene Geschichte von Menschen und Tieren in der Landschaft.

Die lange verschollene Arbeit Gardes de corps (1943) gibt einen Eindruck davon, welchen Weg Dubuffets Malerei gegangen ist. Die farbenreiche Figuration verschwindet später mehr und mehr zugunsten menschenleerer Landschaften. In der äußeren Leere sind jedoch die inneren Landschaften gleichsam auf eine assoziative und reflexive Ebene gehoben. Später tauchen sie wie in Le Commerce prospére (1961) als schattenhafte Silhouetten oder wie in Automobile á la route noire (1963) als Menetekel einer auf Automobilität fixierten Zukunft auf.

Von Raum zu Raum schlendernd begegnen einem tiefenentspannte, häufig schmunzelnde Ausstellungsbesucher. Zeit und Raum scheinen vor der Malerei von Dubuffet ihre Normativität zu verlieren. Selbst wenn er wie bei Monsieur Plume piéce botanique (Portrait d’Henri Michaux) von 1946 portraitiert, ist ihm nicht die Abbildähnlichkeit wichtig. Der Titel Plus beaux qu’ils croient (Schöner als sie denken) der Portrait-Serie verrät, worum ist ihm geht: Der Mensch als piéce botanique.

Angekommen im großen Ausstellungsraum, wird man vom skulpturalen Œuvre  Dubuffets in doppelter Hinsicht zu einem teil-interaktiven Parcour eingeladen. Einmal ist das Modell Jardin d’email (Maquette) von 1968 zu sehen, wo im Skulpturenpark des Kröller-Müller-Museums im niederländischen Otterlo eine begehbare Installation realisiert ist. Please! Touch me!

Raumgreifend auf der Längswand ist Dubuffets installatives, selten gezeigtes Gesamtkunstwerk Coucou Bazar (1972 – 73) zu bestaunen. Hier ist zwar wieder strenges Don’t touch me geboten. Für manche vielleicht das Spektakulärste der Ausstellung. Am Mittwoch und am Sonntag, jeweils nachmittags gibt es eine Live-Performance Coucou Bazar. Aus restauratorischen Gründen können nur zwei der mehr als 60 überlebensgroßen Figurinen bewegt werden. Das schmälert jedoch in keiner Weise die Schaulust von Jung und Alt.

Wer bis dahin allein für sich versucht hat, sich auf Dubuffets Werken einen Reim zu machen, ist für Momente Teil einer affirmativen Dubuffet-Fan-Gemeinschaft. Wenn Dubuffet Monate später vielleicht nicht mehr so eindrucksvoll präsent ist, wie unmittelbar nach dem Ausstellungsbesuch in der Fondation Beyeler, wird die Performance sicher dem Einen oder Anderen noch lange in Erinnerung bleiben. Diese Ausstellung ist ein Glücksfall!

01.04.2016
photo streaming Jean Dubuffet

Advertisements

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Kunstausstellung veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s