Konzertante Weckrufe in der Philharmonie Essen

Tomáš Netopil @ Hamza Saad

Tomáš Netopil @ Hamza Saad

Das ist alles nur psychologisch, versucht eine Frau mittleren Alters ihre Freundin vor dem 8. Sinfoniekonzert der Essener Philharmonikern zu besänftigen. Während jene ihren Platz auf Sitz 1 einnimmt, verabschiedet sie sich von ihr für das Konzert in das vordere Parkett. Auf eine Nachfrage vom Sitz nebenan Alles nur psychologisch? Vielleicht hilft Zarathustra? verneint sie lachend. Sie säße in Konzerten nach Möglichkeit immer am Rand. Von dort aus könne sie schnell den Saal verlassen und die Konzertbesucher vor ihren unkalkulierbaren, persistierenden Hustenanfällen zu schützen.

Glücklicherweise, vor allem auch für die Dame selbst verhielt sich der Husten konzertfromm. Dass in Richard Strauss‘ genialischen Frühwerk Also sprach Zarathustras,  Tondichtung für großes Orchester, op. 30 alles nur psychologisch sei, wäre eine solipsistische Überzeichnung. Strauss war wie viele seiner Zeitgenossen von Friedrich Nietzsches Schrift Also sprach Zarathustra auf eine bestimmte Weise fasziniert. Ihr Zusatz Ein Buch für Alle und Keinen ist irritierend widersprüchlich (vgl. Zarathustra 1.2 – Der Fall Wagner, Fotografischer Essay einer atavaristischen Stadtraumerkundung von Peter E. Rytz, Zürich 2013).

Die der Zarathustra-Tondichtung immanente, unauflösbare Spannungshöhe zwischen H-moll und C-Dur in der Strauss-Komposition dirigiert Tomáš Netopil kontrastreich akzentuiert. Emotional und energisch fordernd folgen die Essener Philharmoniker ihrem Generalmusikdirektor geschmeidig. Das ist nicht unbedingt selbstverständlich, wenn Also sprach Zarathustra auf dem Konzertprogramm steht.  Die Erwartungen sind hoch. Die Fallhöhe allerdings auch. Die Gefahr, in selbstbezüglicher Referenz nur das zu hören, was als geborgter Zarathustra-Effekt im Ohr mitschwingt, ist groß.

Also sprach Zarathustra ist von Herbert von Karajan bis Stanley Kubrick von musikalisch heroisierender Selbstinszenierung bis filmischer Assoziationsquelle vielfach genutzt und benutzt sowie politisch und existentialistisch instrumentalisiert worden. Sonnenaufgang in Verklärung liegt als Sentiment wie Gefühlsstaub auf den ersten Takten. Es bedarf einer konzentrierten Distanz, um das Konzert im Jetzt und Hier der Aufführung wirklich zu hören. Netopil gelingt das auf überzeugende Weise.

Er hat die üppig besetzten Instrumentengruppen auf der Bühne unkonventionell verteilt. Acht Kontrabässe bilden ein mittiges Rückgrat, flankiert von Waldhörnern, Holzblasinstrumenten, Pauke, zwei Harfen sowie Konzertorgel und Schlagwerk links und Trompeten, Posaunen sowie zwei Tuben rechts. Verbunden mit differenzierenden Streichinstrument-Positionen, gelingt Netopil eine wunderbar satte Klangfarbenmischung.

Nietzsches Überzeugung, dass der Mensch, nur wenn er sich ohne Transzendenz und ohne Gott der Sinnfrage stellt, dem Leben schöpferisch wie irrational einen Grund in der Welt geben kann, hat Strauss kompositorisch Ausdruck gegeben. Netopil hat dazu in der Philharmonie Essen seinen unüberhörbaren Kommentar gegeben.

Begonnen hat das Konzert mit der Sinfonie Nr. 25, g-moll, KV 183 von Wolfgang Amadeus Mozart. Auf dem für die Strauss’sche Tondichtung für sehr großes Orchester schon groß bestuhltes Podium bilden die Essener Philharmoniker einen kammermusikalischen Stuhlkreis.

Mozarts erste Moll-Sinfonie sprengt alle bis dahin gültigen Konventionen der Ouvertüren-Sinfonik. Leidenschaftlich mit Allegro con brio bewegt, ist sie mit ihrer synkopischen Unruhe sowie den Tremolo-Effekten für jeden Dirigenten eine Vorgabe, ihre dynamischen Kontraste hörbar zu machen. Vom fulminanten Auftakt durchgängig bis ins Rondo. Allegro des Finalsatzes artikulieren Dirigent und Orchester wechselnde Momente von Unruhe und Ruhemomenten.

Gleichzeitig bildet das Konzert, besetzt mit zwei Oboen und zwei Fagott sowie insbesondere mit vier Waldhörnern, die im Menuetto mit einem lyrischen Bläser-Trio klangschöne Linien ziehen, auch schon eine Überleitung in das anschließende Konzert Nr. 2 Es-Dur für Horn und Orchester von Richard Strauss. Die dialogischen Intermezzi bei Mozart von Holz (stilvolle Eleganz der Oboe!) und Blech werden bei Strauss in altersweiser Souveränität auf alle Orchestersolisten ausgeweitet.

Radek Baborák ist ein klug disponierter Solist. Er setzt mit hoher Präzision ohne Orchestervorspiel ein, wie er den orchestralen Linien danach als Protagonist absoluter Musik im Sinne von Strauss folgt.  Das zweite Hornkonzert, das Strauss fast 60 Jahre nach seinem ersten im Gedanken an seinen Vater geschrieben hat, entwickelt sich im Finalsatz Rondo. Allegro molto zu einem kleinen Trio-Hornkonzert mit den zwei Hörnern des Orchesters innerhalb des Hornkonzerts.

Der große Applaus am Ende mutet wie eine Liebeserklärung an Tomáš Netopil und die Essener Philharmoniker an. Zu recht!

03.04.2016

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Über Peter E. Rytz Review

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