Eine Tonhalle-Geschichte von Düsseldorf über Zürich nach Köln

@ Peter E. Rytz 2016

@ Peter E. Rytz 2016

Immer wieder überraschend, wenn sich Orte und Zeit duplizieren und sich ein überraschender Zusammenhang ergibt. Am Vormittag hat der Intendant der Tonhalle Düsseldorf, Michael Becker das Programm des Schumannfestes 2016 vorgestellt. Am Abend spielt das Tonhalle-Orchester Zürich unter seinem Chefdirigenten Lionel Bringuier in der Kölner Philharmonie ein Meisterkonzert der Westdeutschen Konzertdirektion Köln.

Es gibt aber, ob Zufall oder, anders formuliert, aufgrund einer fokussierten Wahrnehmung eine weitere Duplizität, die sich noch viel überraschender unmittelbar in der Musik des Konzerts wiederfindet.  Das Thema des Schumannfestes in Düsseldorf Das Jahr ohne Sommer erinnert daran, wie nach der Explosion des indonesischen Vulkans Tambora 1815 ein Jahr später eine riesige Aschewolke den Himmel über Europa apokalyptisch verdunkeln ließ und wie Künstler diesen Sommer in ihrem Werk spiegelten.

Das Programm des Kölner Konzerts mit Werken von Jörg Widmann, Edvard Grieg und Antonin Dvořák beschwört in ausgewählten Passagen und Sätzen Assoziationen wie Feuer, Eruption und Leuchtkraft. Widmanns Komposition Con brio, Konzertouvertüre für Orchester von 2008, die das Konzert eröffnet, bildet mit der musikalischen Vortragsbezeichnung con brio, mit Feuer, eine programmatische Klammer mit der abschließenden Sinfonie Nr. 8 G-Dur op. 88 von Dvořák. Mit dem 1. Satz, der mit Allegro con brio bezeichnet ist, schließt sich die Feuer-Metaphorik.

Was in der programmatischen Perspektive auf den ersten Blick angestrengt anmutet, ist in den unterschiedlichen Konzerten wie eine durchgehende Grundierung zu hören. Widmanns Con brio übersetzt Bringuier mit präzis strukturierten Klangflächen in ein eruptives Donnern, um im nächsten Moment ein leicht gegeneinander versetztes, lyrisches Pianissimo dagegenzustellen. Hinter dem apokalyptischen Dunkel schimmert lichte Hoffnung. Musikanalytisch ist Widmanns Komposition vielfach im Kontext von Beethovens sinfonischer Arbeitsweise betrachtet worden. Asymmetrie und Transfer sind kompositorische Eckpunkte, die Widmann antizipiert und die Bringuier mit dem Tonhalle-Orchester Zürich konzentriert auf den Punkt bringt.

Im balladenhaften Adagio der 8. Sinfonie von Dvořák ist beispielhaft zu erleben, wie Bringuier die Töne der Komposition zu einem Tonhalle-Orchester-Klang zusammenbindet, der seine Handschrift trägt. Mit vorgebeugtem Oberkörper und grabenden Armbewegungen hebt er einzelne Tonfolgen aus der Partiturtiefe wie einen Schatz und wirft sie mit fordernder Geschmeidigkeit ins Orchester. Von dort steigen sie, klangbewusst geformt, in den Konzerthimmel auf. Klar artikulieren Oboe, Flöte Fagott und das Blech gemeinsam mit den Streichern die interpretativen Vorstellungen ihres Dirigenten.

Mit der elegischen Eröffnung Allegro con brio, die von melodischer Erfindungskraft Dvořáks souveräner Gelassenheit zeugt, es klanglich strömen zu lassen, ist Bringuier mit vitaler Gelassenheit in seinem dirigistischen Element. Er legt der Musik eine nachhaltig überlegte Spur, ohne sie zu überwältigen. Wenn es manchmal scheint, als überließe er das Orchester sich selbst, wird darin vor allem ein großes Vertrauen zwischen Dirigent und Musikern spürbar. Hellwach beobachtend überzeugt er mit minimalistischer Zurückhaltung: energisch eindeutig.

Im Scherzo gelingt ihm eine tänzerische Melodieführung voller folkloristischem Esprit, wie sie mit der Zusatzbezeichnung Allegretto grazioso nicht eindrücklicher sein könnte. Im Finale Allegro ma non troppo entwickelt Bringuier mit dem Orchester eine ungemein suggestive Kraft. Die Trompetenfanfaren des Anfangs beschließen in strettahafter Wiederkehr tutta la forza das Konzert.

In der Mitte zwischen den Orchesterkonzerten, in gewisser Weise auch als Höhepunkt des Konzertabends, spielt Jean-Yves Thibaudet das Konzert für Klavier und Orchester a-Moll op. 16 von Edvard Grieg. Es ist ein Solitär im kompositorischen Schaffen von Edvard Grieg, sein einziges Klavierkonzert. Solistisch als auch orchestral herausfordernd, besticht es durch eine ambitionierte Architektur der Komposition. Orientiert am Lisztschen Klaviersatz, dreisätzig, nahe bei Schumanns Klavierkonzert,  springt das Klavier sofort in medias res. Das Konzert schlägt  in der weiterführenden Introduktion einen ganz eigenständigen skandinavischen Ton an. Subtil in der Durchführung gibt es dem Solisten viel Gestaltungsspielraum.

Thibaudet nimmt Griegs Konzert als Steilvorlage. Er imponiert mit einem überlegt zupackenden,  zwischen Pianissimo und Fortissimo souverän changierenden Spiel. Technische Perfektion verbindet er mit romantischem Verve zu einem beglückenden Konzerterlebnis. In wunderbar koordinierter, leicht hingetupfter Abstimmung mit Bringuier, reiht er Note für Note wie auf einer Perlenschnur.

Gedehnte Phrasierungen, betonte Pausen, die sich für Momente im Unhörbaren verlieren, um sich danach in vollgriffigen, rhythmisch prägnanten Kaskaden Allegro molto moderato auftürmen, dehnen den Spannungsbogen der aufgereihten Ton-Perlen. Das verstärkte Tonhalle-Orchester-Blech ist wesentlich für eine subtile und klare Tongebung verantwortlich. Es befeuert Thibaudet zu fulminanten Klavierläufen.

Im Adagio des 2.Satzes, von einer hochemotionalen, romantischen Empfindung getragen, gibt Grieg dem Solisten die Chance, seine lyrische Seite zu zeigen. Thibaudet überzeugt hier mit dosiertem, innigem Sentiment, ohne sentimental zu sein. Das abschließende Finale nimmt er nicht nur allegro moderato molto, sondern stürzt sich in das Feuer, wie angegeben, e marcato.

Ohne sich umständlich zu zieren, spielt er als Zugabe von Robert Schumanns Träumerei so emotional, dass es anschließend schwer fällt, sich aus dem Sessel zur Pause zu erheben. So wie der Abend mit Schumann assoziativ begann, endet er mit ihm unmittelbar musikalisch.

16.04.2016

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Über Peter E. Rytz Review

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