I like Fortschritt fortschreitend reloaded

Winfred Gaul_I like FORTSCHRITT_1964

Das Ruhrgebiet macht in Sachen Pop Art mobil. Schon seit Januar in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen (American Pop – Originale, doch keine Unikate: Trotzdem Kunst, vom 25.02. 2016, daselbst) folgte ab März im Kunstmuseum Alte Post Mülheim German Pop Reloaded (noch bis 08.05.2016).

Während die Oberhausener Ausstellung mit dem Untertitel Meisterwerke massenhaft den programmatischen Verzicht des Unikats der Pop-Art-Arbeiten verdeutlicht, legt die Mülheimer Ausstellung mit ihrem Titel I like Fortschritt eine Spur von den amerikanischen Vorreitern der Pop Art zur deutschen Fortschrittsgläubigkeit der 1960/70ger Jahre. Jahre, die von gesellschaftlichen Aufbruchs- und Protestbewegungen geprägt sind, wo das Private politisch und das Politische privat wurde.

Die Tatsache, dass beide Ausstellungen im Wesentlichen auf private Sammlungen, ist mehr als nur eine sachliche Feststellung. Man mag es Ironie der Geschichte nennen oder als Paradoxie mit einem süffisanten Lächeln zu Kenntnis nehmen. Die Sammler, der Düsseldorfer Rechtsanwalt Heinz Beck sowie der Psychoanalytiker Hartmut Kraft sind Gewinner der sich nach dem 2. Weltkrieg relativ schnell entwickelnden westdeutschen Wohlstandsgesellschaft. Sie haben Pop Art eine Kunstart gesammelt, die sich mit der wohlfeilen Waren-Konsum-Orientierung weiter Teile der Bevölkerung kritisch auseinandergesetzt hat.

Winfred Gauls titelgebende Arbeit I like Fortschritt von 1964 ist, als würde man in einen blinden Spiegel schauen, in dem sich das Bild von einer Fortschrittsgarantie der Modernisierung verzerrt. In ihrem Verweigerungsgestus knüpft die Arbeit an eine dadaistische Formensprache nach dem 1. Weltkrieg an. Ähnlich wie damals mit exzessivem Eskapismus einer überbordender Vergnügungssüchtigkeit die Schrecken von Tod und Zerstörung vielfach verdrängt worden sind, nahmen die deutschen Pop-Artisten eine mehr oder weniger unkritische, vornehmlich ökonomistisch orientierte Bürgergesellschaft der Boom-Jahre in den Fokus.

100 Jahre nach der Gründung von Dada im Cafe Voltaire in Zürich (Dada war da, bevor Dada da war, vom 18.03.2016, daselbst) liest sich die Ausstellung I like Fortschritt wie eine Notate dazu.

Wer den Ausstellungsrundgang in der 2. Etage beginnt, durchkreuzt mehr oder weniger bewusst die ausstellungsdidaktische Wegvorgabe. German Pop als Kunst für alle ist paradox und antithetisch. Als Ausstellungsbesucher ist es deshalb durchaus programmatisch angemessen, die ausgestellten Arbeiten so zu kreuzen, als würde man an einer Wegkreuzung eine Richtung auswählen, die einem dialogfähig erscheint.

Versucht man auf Walk/Talk (o. J.), einer gelben Kunstofffolien-Fahne von Ferdinand Kriwet die schwarzen Druckbuchstaben zu entziffern, ergeben sich nur lautmalerische Zeichen. Demgegenüber, der Malerei Glühsense (1972) von Jobst Meyer zugewandt, verunsichert die Bezeichnung der Arbeit, sie ordentlich wahrzunehmend einzuordnen. Schweift der Blick von da zu einem Kunststoffobjekt in einem verglasten Holzkasten Programmiert, Verkabelter Kopf (1974) von Siegfried Neuenhausen, mutet die Arbeit neben dem prophetischen Aspekt damals aus heutiger Sicht gläserner Facebook-Amazon-Menschen geradezu naiv und unschuldig an. Big brother is watching you, 1944 von George Orwell in seinem Roman 1984 formuliert, ist inzwischen wirklicher denn je geworden.

Den Grafikraum des Museums, der thematischen Blickachse – Der neue Blick auf Politik und Gesellschaft vorbehalten, durchquert an diesem sonnigen, ruhigen Aprilnachmittag laut polternd eine Besuchergruppe. I like Fortschritt und German Pop blicklos ignorierend, unterwegs zur Sammlung Karl Ziegler: Wenn schon Kunst, dann muss es schon spektakulär die Avantgarde sein. Keine Zeit für die Frage auf Klaus Staecks ausgestelltes Offset-Plakat Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten? 1971 gestellt, steht sie manchem offenbar immer noch unangenehm im Weg. Auch Wolf Vostells Objektgrafik B 52 – Lippenstiftbomber von 1969 macht heute ebenfalls noch ein schlechtes Gefühl, wenigstens ein nachdenkliches Gewissen.

Die Hängung von Arbeiten Sigmar Polkes aus dem Museumsbestand des Kunstmuseums o. T. (Kopf), 1968 neben Wochenendhaus, 1968 aus der Kraft-Sammlung zeigt, wie sich eine Privatsammlung zusammen mit dem Sammlungsbestand eines Museums instruktiv ergänzen können (in Oberhausen funktioniert das kuratorische Prinzip ebenso überzeugend).

Im Eingangsbereich angekommen, dem Statement von Winfred Gaul zunickend – Massenware und Massengeschmack haben sich als neue Stimulanz erwiesen -, flüstert ein Ausstellungsbesucher vor o. T. (Blüte), 1968, Spritztechnik auf Metallplatte von Gernot Bubenik seiner Begleiterin halblaut bedeutungsvoll zu: Ziemlich wilde Phantasie! Sie offenbar eher an technischen Details interessiert, berührt umstandslos prüfend die Arbeit: Das hat der auf eine Metallplatte gemalt. Im nächsten Augenblick waren sie fortgeschritten. Ob sie I like Fortschritt fortschreitend mitgenommen haben, muss ungewiss bleiben.

22.04.2016

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Über Peter E. Rytz Review

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