Das Atmosphärische in der Kunst von Markus Lüpertz

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Wann immer über Markus Lüpertz und seine Kunst gesprochen wird, steht seine Person im Mittelpunkt der Betrachtungen. Als Malerfürst, Salonlöwe, Bohemien à la Giacomo Puccini, Lebemann, Medienliebling oder Marketingprofi bezeichnet, ist er ein omnipräsenter Protagonist, der weit über den Kunstbereich hinaus wirkt. Er selbst ist zur Kunstfigur geworden. Die Inszenierung als selbsternanntes Genie ist untrennbar mit seinem Werk verbunden. Die Väter seiner Exzentrik heißen Dada und Dandyismus.

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Bei Ausstellungen, wie jene derzeit im Museum Küppersmühle Duisburg (noch bis 29.05.2016), stellt sich jedes Mal wieder die Frage: Was macht Lüpertzs Kunst aus? Was ist ihr immanent? Gibt es ein unverwechselbares  Alleinstellungsmerkmal? Peter Weibel argumentiert im Katalogbeitrag Malerei in der Manier von Markus Lüpertz oder der Dandyismus der Existenz?  komplex: Lüpertz übertrug radikale Motive der Moderne, von der schwarzen Romantik bis Dada, in seine Malerei und auch den philosophischen Wahrheitswillen.

Geht man mit dieser Perspektive durch die Ausstellung, die programmatisch mit Kunst, die im Wege steht titelt, verbirgt sich hinter dem puristisch emphatisch anmutenden Malgestus der Arbeiten ein philosophischer Subtext. Das 1966 veröffentlichte Dithyrambische Manifest ist eine Wegweisung zu seiner Kunst in mehrfacher Hinsicht.

Mit dem Begriff des Dithyrambischen, Glückstrunkenheit von Begeisterung,  macht er sich ein altgriechisches Kulturlied auf Dionysos zu Eigen, das Friedrich Nietzsche in Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik als eine Verwandlung der profanen, mittelmäßigen Welt in den Status des Erhabenen als die künstlerische Bändigung des Entsetzlichen beschreibt.

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Arbeiten wie Baumstamm – dithyrambisch (1965), Bilder aus dem Zyklus Tod und Maler – dithyrambisch (1973), Schiene – dithyrambisch oder Dädalus-Zyklus (2002), einschließlich von Die Toten-Tanz-Reliefs (1989/90) sowie die Skulptur Prometheus (1989) sind Ausdruck seiner glückstrunken inspirierten Malerei und Bildhauerei. Gleichzeitig zeigen sie, wie Lüpertz sich immer wieder neu erfunden hat.

Was vor mehr als 50 Jahren in Berlin begann und im Wege stand, steht heute nach wie vor kraftvoll und allumfassend so da. Insbesondere seine Malerei ist als Rache am Banalen zu erleben. Lüpertz hat sich ohne jeden falschen Respekt der Kunstgeschichte vom 17. Jahrhundert mit Nicolas Poussin bis ins 20. Jahrhundert mit Pablo Picasso anverwandelt und sich kreativ an ihr gerieben. Gemeinsam mit Gerhard Richter, Sigmar Polke, Günther Uecker, Georg Baselitz und Anselm Kiefer ist er eine der Gallionsfiguren, die der nach 1945 vielfach totgesagten Malerei neues Leben eingehaucht und mit ihrer elementaren Entfesselung von Farben und Formen außerordentliche Bilder geschaffen haben. In den Arbeiten Selbstbildnis als Raucher (1984) oder Gegen Abend besetzen Störche Lüpolis von 1977 ist von diesem unbedingten Ausdruckswillen viel zu spüren.

Die ausgestellten Werke korrespondieren auf direktem Weg mit Lüpertzs genialischem Selbstverständnis. Imperativisch unmissverständlich tönte er mit Findet Euch ab mit mir. Es geht kein Weg vorbei. Es gibt keine Mittel gegen mich. bereits in jungen Jahren. Kunst, die im Wege steht, die in Duisburg mit repräsentativen  Werken aus der Sammlung Ströher einen Bogen zu der gleichnamigen, ersten Lüpertz-Ausstellung 1964 in der Selbsthilfegalerie Großräschen 35 in Berlin schlägt, deckt in einmaliger Geschlossenheit Lüpertz Werk in seiner Komplexität ab.

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Lüpertz steht für das Selbstverständnis eines nie zufriedenen Künstlers. Nur kurz unterbrochen, um Luft zu holen, so scheint es, wenn man vor Angst im Walde (1997) steht, um sich im nächsten Moment in Landschaft aus dem gleichen Jahr zu verirren. Unablässlich unterwegs, um die Welt in Bildern zu fassen. Die Ausstellung erzählt davon, wie er seine individuelle Perspektive mit jedem Bild nachjustiert.

Nach dem Rundgang durch die Ausstellung bleibt eine gewisse Skepsis, ob Lüpertzs Werk nicht ein großes Missverständnis sein könnte. Es scheint, als sei sein künstlerisches Tun an dem einem Projekt orientiert, die Zukunft des Werkes als Vergangenheit zu sichern. Ein Werk zu schaffen, das ein herausragender Teil einer vergangenen Zeit-Ordnung ist. Die Zukunft, sagt Lüpertz, ist in den Bildern, die auch mir fremd ist. Vielleicht ist diese geheimnisvolle Aura, die atmosphärische Spannung seiner Bilder, die verstört und gleichzeitig in den Bann zieht.

photo streaming Markus Lüpertz

03.05.2016

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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