Der Diener zweier Herren – ein Slapstick-Stückl

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Die Bühne dreht sich im Minutentakt. Türen klappern unentwegt. Mannigfach wiederholte Pistolenschüsse. Wenn schon Goldoni, dann chaplinesk, hat sich offenbar Christian Stückl gedacht. Seine Goldoni-Inszenierung in der Fassung des Burgtheaters Wien von Der Diener zweier Herren eröffnet die 70. Ruhrfestspiele in Recklinghausen.

Herausgekommen ist ein leichtgewichtiger Unterhaltungsboulevard. Eine Mischung von Slapstick, Akrobatik und Klamauk, die aber gleichzeitig auch gesellschaftskritisch sein will. Das geht nicht wirklich zusammen. Die Inszenierung schielt durchweg auf den Gag, auf Schenkel klopfende Lachsalven. Wiener Schmäh und bajuwarische Bierzeltfröhlichkeit zusammen garantieren eine Gaudi.

Goldoni ist als derjenige Dramatiker am Ausgang des 18. Jahrhunderts anerkannt, der aus Stereotypen Menschen aus Fleisch und Blut auf die Bühne brachte. Bei Christian Stückl wird das sinnlich menschliche Moment zugunsten des prototypisch Komödiantischen weitestgehend verdrängt. Vordergründig witzige Wortspiele befeuern Lachsalven des mehrheitlich aus  NRW-Polit-Prominenz und führenden Vertretern des Hauptsponsors dominierten Premierenpublikums.

Die Dialoge folgen vielfach einem Cabaret-Nummernprogramm. Markus Meyer in der Rolle des doppelten Dieners Truffaldino zeigt sich als vollendeter Artist mit Spagat- Ambitionen, der als Stichwortgeber dramaturgisch funktionalisiert wird: Ich gehe zu Post. – Ab die Post! Im Verlauf der Aufführung verselbständigen sich Szenen in einem anmutendem Slapstick furioso. Wenn er den von der Tischunterkante abgeklaubten Kaugummi erst im Mund elastisch durchkaut und dann versucht, einen Brief damit zu versiegeln, wähnt man sich im Zirkus statt im Theater.

Die überbeansprucht zelebrierte, retardierende Servierszene zusammen mit dem spielerisch hölzernen Stefan Wieland als Kellner Luigi erscheint im Nachhinein, als wäre sie eine Ouvertüre zum anschließenden Premierenbankett: Die Minestrone ist auch nicht ohne.

Peter Simonischek spielt den Pantalone de Bisognosi als Grandseigneur, der seine eigene Bedürftigkeit (ital. i bisognosi, der Bedürftige) mit labiler Selbstsicherheit kaschiert. Auch Simonischeks Pantalone spielt auf der Leier abgenutzter Wortspiele. Aushalten? – Ich habe deine Mutter ein ganzes Leben ausgehalten!, antwortet er seiner verstört zickigen Tochter Clarice auf ihre Anklage: Du armer alter Mann! Irina Sulavers Clarice stöckelt auf ihn zu: Ich bin zwar blond aber nicht blöd.

Dass Stückl den Goldoni mehr oder weniger auf eine kabarettistische Lachnummer reduziert, mag noch angehen. Wenn die Inszenierung allerdings zeitkritische Versatzstücke als Gag-Nummern unterschiebt, wird es ärgerlich. Mavie Hörbiger soll als vertrocknetes Kindermädchen Smeraldina gleichzeitig auch dramaturgisches Frauenpower-Sprachrohr sein. Als Schauspielerin überzeugt sie durch Sprachmodulation und durch minimalistisch versetzte gestische Beweglichkeit. Die Rollendramaturgie legt ihr allerdings Sätze in den Mund, die angeblich ein immerwährendes, aus der Balance geratenes  Traumtheater begründen: Weil die Gesetze von Männern gemacht sind. Ihre weitere Rede – wenn man all den bösen Männern die Schwänze abschneiden würde, versänke Venedig im Blut – provoziert mit Erfolg Szenenbeifall.

Neben dem solide, typengerecht spielenden Johann Adam Oest als Dottore Lombardi und Christoph Radakovits als sein Sohn Silvio spielt Andrea Wenzl die Hosenrolle der Beatrice als ihren Bruder Federigo Rasponi mit überzeugender spielerischer Verve. Ihren exzentrischen  Liebhaber Florindo, der sie in der Verkleidung lange nicht erkennt, spielt Sebastian Wendelin nuanciert mit dem Sinn für Sprachpausen.

Auf der Umschlagsseite des Programms ist eine Original-Goldoni-Textpassage des Truffaldino zu lesen: In der Kunst des Arrangements stehe ich nicht einmal dem Zeremonienmeister vom Papst in Rom nach. In der Stückl-Inszenierung reimt Truffaldino in schönster Banalität: Dem Arrangeur ist nichts zu schwör.

Sich von diesem Theaterabend zu verabschieden, fällt der Mehrheit im Unterschied zum Schreiber dieser Zeilen hörbar schwör. Superamüsant sei das, versichern sich einige Zuschauer schon zur Pause. Am Ende gibt es großen Applaus für die Schauspieler und das Team von Christian Stückl.

06.05.2016

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Über Peter E. Rytz Review

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