Mirna – viel Lärm um nichts

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Bevor Mirna kommt, wird angestanden. Brav wie die Lemminge wartet das Gros der Zuschauer im Foyer der Stadthalle Mülheim an der Ruhr darauf, ins Studio geführt zu werden. Allein darf niemand seinen Weg nehmen. Brandschutz, Gebäudesicherheit, welche Sicherheit auch immer steht dem freien Zugang zur Aufführung von Sibylle Bergs gleichnamigem Text des Maxim Gorki Theaters Berlin bei Stücke 2016 entgegen.

Das Gefühl, eingesperrt zu sein, wird man auch als Zuschauer in den folgenden 80 Minuten nicht los. Vier junge Frauen verrenken sich erst in lautlosen Tanz- und Hüpfbewegungen, bevor sie sich bedeutungshuberisch mit Worthülsen traktieren – Damals war ich noch jung – und nach Gründe suchen, warum es jetzt Zeit ist, das Muttersein auszuprobieren: Wir brauchen starke Visionen und ein authentisches Mitgefühl.

Aber das ist komplizierter, als gedacht. Es wäre nicht Sibylle Berg, wenn der Text nicht mit einem Stolperstein provozieren würde. Warum will ich so gern Mutter sein, wenn ich doch meine Mutter hasse? Die Antwort ist nicht wichtig. Wichtiger ist die verzweifelt groteske Argumentationsnabelschau, ob sie sich damit nicht in die Reihe der ständig beleidigten Frauen einreihen würden (vgl. Der Bart ist ab vom 05.03.2016, daselbst; Sebastian Nüblings Inszenierung von Sibylle Bergs Text Viel gut essen am Schauspielhaus Zürich).

Irgendwie, irgendwann ist die Mutterschaft dann nach unsäglich leer laufendem Gelabere – mit und ohne männliche Direkthilfe, denn wozu gibt es Spermabanken, – geschafft.  Mirna ist da. Die ausgeleierten, wohl handgestrickten Schlabberpullis werden abgeworfen. Ein bisher darunter verdeckte Blümchen-Sommer-Kleid verleiht den jungen Müttern einen Hauch von erotischem Laissez-faire zwischen verweigerter Verantwortung für das Kind und geträumter, aber nie gelebter, hippiesker Unabhängigkeit (Kostüme: Ursula Leuenberger).  Eingezwängt in die Gefangenschaft ein neues Lebens, von dem keine weiß, was das ist oder sein sollte.

Es wird weiter räsoniert, palavert: Ich habe mich für mein Leben nicht entschieden. Ich bin da so hineingerutscht.  Währenddessen ist die inzwischen 10jährige Mirna sich selbst überlassen. Sie entsorgt derweil, von der Mutter nicht beachtet, Bücher, Spielsachen, Haushaltsgegenstände über die Bühnenrampe ins Parkett. Es ist, als würde damit der ganze Seelenmüll dem Publikum fragend überantwortet. Wer kann mir helfen?

Sebastian Nübling hat Bergs Textfläche, die es der Inszenierung frei lässt, auf wie viele Rollen sie dramaturgisch verteilt wird, vervierfacht. Suna Gürler, Rahel Jankowski, Cynthia Micas und Çiğdem Teke spielen die Mutter in vier mehr oder weniger geklonten Varianten mit Brille. Politisch korrekt mit interkulturellem Raunen inklusive. Die Kinder Mirna als ebensolche vier Klone mit Brille sowie weißer Bluse und blauen Shorts (Sarah Böcker, Fée Mühlemann, Annika Weitzendorf, Aydanur Gürkan) übernehmen wie die Mütter in der Dramaturgie von Katja Hagedorn die Funktion des Chores im klassischen griechischen Theater.

Rede und Gegenrede, Meinungen und Überzeugungen stehen sich gewissermaßen als Sprachrohre eines Milieus von selbstgewählten Alleinerziehungsideologinnen im Erschöpfungszustand gegenüber. Sogenannte hetero-normative Zusammenhänge werden als ein talentfreies Dasein in Selbstmitleid resümierend beschworen. Rhetorische Floskeln reihen sich aneinander. Sie drehen nur das Rad des immer gleichen Schwadronierens weiter.

Wenn nichts mehr hilft, um Verantwortung für das Leben mit anderen und Kindern in der Stadt zu übernehmen, könnte vielleicht Landflucht helfen. So schnell wie sich das Holzhaus mit einer Veranda am Morgen romantisch verklärt, zerstiebt es als Traumgespinst im Abendlicht.

Am Ende reichen sich wieder Ernüchterung – Ich werde nur ein kleines mittelmäßiges Leben haben – und Verzweiflung – Wie soll man damit klar kommen? – die Hände.

Nüblings Inszenierung ist ein ermüdendes Selbstmitleid-Lamento im Projektformat von jungen Frauen, die Mütter sein wollen. Dass die von den Kindern eingeforderte, aber von den Müttern nicht übernommene Verantwortung letztlich von ihnen notgedrungen selbst getragen wird, ist eine Überforderung für alle. Wenn man das exemplarisch als Menetekel einer neuen, oft gelangweilten Mittelschicht, die, wie es heißt, vielfach vom Geld ihrer Eltern leben, versteht, könnte diese Inszenierung einen Ausweg aus der Gefangennahme einer selbstverliebten Gesellschaft andeuten. Tut sie aber nicht.

16.05.2016

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Über Peter E. Rytz Review

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