Persian Love Songs limitless

©Buelent Kirschbaum

©Buelent Kirschbaum

Manchmal wird ein Wunsch schneller zur Wirklichkeit, als man zu träumen wagt. Noch ganz beseelt von der Klangfaszination der klassischen persischen Musik des Alireza Ghorbani Quartetts im Rahmen von KlangVokal in der St. Marienkirche Dortmund, wünscht man sich, mehr davon zu hören. Sie mit nach Hause zu nehmen. CDs gibt es keine. Es muss so vorerst beim Nachlauschen bleiben. Auch gut.

Aber dann passiert etwas Wundersames. Erst will man es nicht glauben, was  da im Autoradio zu hören ist. Eingeschaltet WDR 3 mit der Sendung Jazz & World, ist persische Musik zu hören. Zwei junge iranische Musikerinnen, Golfam Khayam und Mona Matbou Riahi sind das Naqsh Duo. Ein Kontrast der besonderen Art, wobei sowohl das Quartett als auch das Duo der persischen Klangkultur verpflichtet sind. Die gemeinsame Musiktradition wird allerdings komplett verschieden interpretiert.

Der charismatische Sänger Alireza Ghorbani, der von Saman Samini und Milad Mohammadi, auf der Kamantsche, einer iranischen Stachelgeige, und auf der Langhalslaute sowie von Hussein Zahawy auf einer persischen (Daf) und einer maghrebinischen Rahmentrommel (Bendir) begleitet wird, singt persische Balladen, die tief in der Kultur des Landes wurzeln. Das Naqsh Duo paraphrasiert mit einer ungewöhnlichen Besetzung von klassischer Gitarre und Klarinette traditionelle Harmonien und grundiert sie im Kontext von world music zu improvisierten Klangabenteuern.

Das Konzert in der St. Marienkirche ist, im Nachhinein betrachtet, eine harmonikale Klangerfahrung, die so ganz anders als die westeuropäische Musik. Die Konzertbesucher in Dortmund sind somit doppelt beglückt. Einerseits hat ihnen das Alireza Ghorbani Quartetts einen für westeuropäische Ohren ungewöhnlichen, gleichwohl klangschönen Kosmos authentisch und unmittelbar eröffnet.  Andererseits sind sie für den Zauber fremdartig anmutender Musik sensibilisiert worden, der es ihnen leichter macht, im Fremden auch das Eigene zu entdecken.

Ghorbanis Gesang und die rhythmischen Zäsuren von Kamantsche, Tar und Rahmentrommel klingen angesichts des abendländischen Altarbildes im gotischen Chorraum der romanischen Kirche wie der orientalische Sound zu der christlichen Urerzählung im Morgenland. Beleuchtet von wechselndem Licht (von Rot zu Violett), erzählen die modernen Glasfenster des Chores von den kriegerischen Verwüstungen und dem Leid der Menschen. Dass muslimische Musiker in einer christlichen Kirche musizieren, ist heute in Zeiten globaler Wanderungsbewegungen und ihren häufig damit verbundenen, religiös dogmatischen, unheilvollen Ingredienzien mehr als nur musikalisch bemerkenswert. Grenzenlos titelt das  Festivalmagazin von KlangVokal 2016. Zu Recht, ist man nach diesem Konzert geneigt, zu unterstreichen.

Choreografisch folgen die einzelnen Lieder einem musikalisch dramaturgischen Muster von ausbalancierter Dynamik und temperamentvollem Ausdruck. Milad Mohammadi intoniert auf der Tar ein musikalisches Grundmuster, das von Saman Samini, der auch viele Lieder komponiert und arrangiert hat, mit der Kamantsche, die teilweise an die Spielweise einer barocken Gambe erinnert, weiter dramatisiert wird. Kraftvoll bis lyrisch zart umrahmt Hussein Zahawy mit verschiedenen Rahmentrommeln die Musik, bevor Alireza Ghorbani ähnlich einem falsettierten Oberton-Gesang klagend bis sehnsuchtsvoll seine Stimme dazu mischt. Zu hören ist eine betörend entrückte und gleichzeitig eine schwermütig wiewohl gleichzeitig auch befreiende Musik, die ins Überirdische reicht.

Mohammadis leuchtende Augen, Saminis fast körperliche Verschmelzung mit der Kamantsche, Zahawys geschmeidiges Ganzkörperspiel und Ghorbanis meditativ aufgeladener Gesang werden wohl lange als ein ganz außergewöhnliches Konzert in Erinnerung bleiben.

19.05.2016

Advertisements

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Konzert veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s