Eröffnungskonzert des Schumannfest 2016 zwischen Kunst und Entertainment

© Susanne Diesner

© Susanne Diesner

Knickt das 14. Schumannfest Düsseldorf vor dem Event des Feuerwerks zum Abschluss des Japan-Tags ein? Oder ist es nur ein weiterer Ausdruck einer grassierenden Zurückdrängung der Kunst gegenüber einem sich populistisch anbiedernden Entertainment?

Der Intendant der Tonhalle Düsseldorf, Michael Becker überrascht am Ende seiner Begrüßung zur Eröffnung des Schumannfestes mit vorauseilendem, charmantem Understatement. Da Mikhail Pletnev das Klavierkonzert a-Moll in der Regel op. 54 sehr langsam spiele, könnte es zu spät für das Feuerwerk werden. Die Sonate für Violine und Klavier a-Moll op. 105 wird kurzerhand aus dem Programm gestrichen. Dass Gidon Kremer und Mikhail Pletnev am Ende eine Duo-Zugabe spielen, kann das Geschmäcklerische der Programänderung nicht wirklich  tilgen.

Wie sich dann zeigt, wird das von Teilen des Publikums nicht nur goutiert, sondern nimmt das Konzert selbst als Vorspiel für das Feuerwerksspektakel. Irritiert und verwundert, schaut Pletnev ins Publikum, als es nach dem 1. Satz des Klavierkonzerts a-Moll op. 54 frenetisch applaudiert. Seine Versuche, mit eindeutigen Gesten zu beruhigen, um konzentriert Intermezzo: Andantino grazioso weiterzuspielen, werden nicht sofort verstanden. Sein von den Lippen abzulesendes Ticho (russisch: leise) wird erst recht nicht verstanden.

Ungestümer Applaus, der schon die letzten Klänge des Klavierkonzerts überdeckt, ernüchtert in der Erkenntnis, dass das Konzertpublikum an diesem Abend vor allem sich selbst feiern will. Musikalisch eigentlich der Höhepunkt des Eröffnungskonzerts wird es von Teilen des Publikums als Auftakt für das folgende Feuerwerk  draußen vor der Tür vereinnahmt. Dass das titelgebende Feuerwerk des Schumannfestes Das Jahr ohne Sommer in der Tonhalle stattfindet, geht an jenen Feierwilligen jedenfalls offensichtlich vorbei.

Vergleiche hinken, wie die Erfahrung zeigt, und sind nicht unbedingt aussagekräftigt, wenn sich eine Kritik zwar auf das gleiche Konzert bezieht, aber Ort und Zeit andere sind. Mit dem Klavierkonzert a-Moll op. 54 drängt er sich aber geradezu auf. Im Herbst 2014 stand Pletnev am Pult des Russian National Orchestra  und Martha Argerich war die Solistin des Schumann-Konzerts in der Kölner Philharmonie (vgl. Das seltene Glück, zwei Höhepunkte in einem Konzert zu erleben – Martha Argerich und  Mikhail Pletnev mit dem Russian National Orchestra in der Kölner Philharmonie vom 23.11.2014, daselbst).

Dass Pletnev ein ebenso begnadeter Pianist wie Dirigent ist, ist deutlich zu spüren. Auf Augenhöhe im Kontakt mit Alexander Sladkovsky, der am Pult des Russian National Orchestra in der Tonhalle steht, co-dirigiert er die orchestralen Parts verinnerlicht sowie gestisch bewegt mit. Im a-Moll-Klavierkonzert gehen seine solistischen und dirigistischen Ambitionen Hand in Hand. Während er in Düsseldorf vom Klavier aus mit dem Orchester eine Resonanz erzeugt, schuf er sie in Köln vom Pult, indem er auch die Klavier-Soli häufig mit-dirigierte.

Wer eine typisch Schumann’sche Melancholie auszumachen glaubt, findet sie in Pletnevs Interpretation des Klavierkonzerts reichlich vorhanden. Seine gedehnten, präzis betonten Tempi im 1. Satz versetzen die Tonhalle in eine atemlose Andacht. Jeder Ton eine romantisch verzauberte Offenbarung. Pletnev und das Russian National Orchestra symbiotisch miteinander verbunden, eröffnet Intermezzo und Finale ohne Pause mit Reminiszenzen des lebhaften Hauptgedankens. Subtil gestaltetend verdichtet Pletnev das Konzert mit bravouröser Souveränität zu einer gefühlvollen Schumann-Romantik.

Mit der Manfred-Ouvertüre es-Moll op. 115, eine Schauspielmusk nach Lord Byrons gleichnamigen Gedicht zu Konzertbeginn ist gewissermaßen der thematische Auftakt des Schumannfestes. Es sind tragisch leidende Traumbilder des Helden, die Schumanns Komposition mit thematischen Gegensätzen ausmalt. Alexander Sladkovsky am Pult des Russian National Orchestra entwickelt eine lebendige Bildsprache durch sein zupackendes Dirigat. Energische Tempobeschleunigung wechselt sich mit nobler Zurückhaltung ab.

Große Erwartungen verbinden sich vorab mit dem von Gideon Kremer gespielten Violinkonzert a-Moll nach dem Cellokonzert op. 129. Kompositorisch eigentlich weniger konsequent als das richtige Violinkonzert von 1850, spielt es Gideon Kremer in der erst 1987 wieder aufgetauchten Version für Violine und Orchester. Sein romantisch kantabler Ton bleibt allerdings merkwürdig blass. Kremer spielt bis auf den letzten, mit sehr lebhaft bezeichneten Satz, vor allem in der vom Orchester gestützten Kadenz in der Tonhöhe zurückgenommen.

Obwohl  Sladkovsky bemüht ist, der Violine reichlich Klangraum einzuräumen, macht Kremer  relativ wenig daraus. Es mag sein, dass die Violine generell hinsichtlich der tonalen Ausdrucksintensität gegenüber dem Cello im Nachteil ist. Grund für eine lange Zeit vermisste Spielfreude Kremers  ist das allerdings nicht.

Sladkovsky leitet das Orchester mit wiegenden Akzentgebungen seines Körpers. Zu hören ist ein Klang, der von innen her zu kommen scheint. In der orchestralen Abstimmung mit dem Solo-Instrument ist Sladkovsky allerdings über weite Strecken auf sich allein gestellt. Kremer spielt konzentriert und konsequent vom Blatt. Eine Kommunikation mit dem Dirigenten findet erkennbar nicht statt. Er gibt auch an diesem Abend den bescheidenen Schüler, der noch im Alter stets ein lernender zu bleiben scheint.

Ich habe erst in den letzten Jahren die Musik von Mieczysław Weinberg kennenglernt, bekennt Kremer bevor er als Zugabe eines von 24 Präludium für Cello von ihm spielt. Sein Zusatz – Für Musik ist es nie zu spät – ist ein versöhnlicher Abschluss seines einige Wünsche übrig lassenden Konzerts.

23.05.2016

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Über Peter E. Rytz Review

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