Dada – gestern, heute, morgen

 @ Peter E. Rytz 2016

@ Peter E. Rytz 2016

Wer sich auf Dada einlässt, muss verrückt sein. Auch 100 Jahre nach dem Kunst-Spektakel im Cabaret Voltaire in Zürich hat der Un-Sinn  nichts von seiner charmanten Sinnlichkeit verloren. Wer bereit ist, seine vertraut verlässlichen Perspektiven für einige Momente zu verrücken, um auszuprobieren, wie es ist, verrückt zu sein, dem eröffnen sich neue Welt-Wahrnehmungen. Die Ausstellung Genese Dada im Arp Museum Bahnhof Rolandseck hat dafür noch bis zum 10. Juli 2016 einen entsprechenden Übungsparcours aufgebaut.

Die Ausstellung reiht sich in die Dada-Ausstellungen in Zürich im Kunsthaus, im Museum Rietberg und im haus konstruktiv ein, wo alles begann (Vgl. Dada war da, bevor Dada da war vom 18.03.2016, daselbst). Aber Genese Dada ist nicht nur eine weitere Ausstellung im Dada-Gedenkjahr. So räumlich kleindimensional sie auch ist, ergänzt und kommentiert sie mit ihrer Konzentration auf die Ausgangsorte, dem Cabaret Voltaire und der Galerie Dada, die wesentlichen Dada-Referenzpunkte in 12 Kapiteln die Zürcher Ausstellungen.

Jeder, der eine Ausstellung im Arp Museum besucht, muss durch die Tunnelröhre mit Barbara Trautmanns Lichtinstallation Kaa, die Schlange gehen. Sie verbindet den spätklassizistischen Bahnhof Rolandseck mit dem 2000 eröffneten Museumsneubau des Architekten Richard Meier.

Wer in diesen Wochen auf dem Weg zu Genese Dada die Röhre betritt, löst einen Kontakt aus, der ihn direkt in den Dada-Sprach-Verwirrungskosmos leitet. Aus versteckten Lautsprechern in der sogenannten Dada-Schleuse sind Stimmen von Hugo Ball, Tristan Tzara, Raoul Hausmann, Hans Arp oder  Richard Huelsenbeck mit ihren Texten und Lautgedichten zu hören. Mein Schatten wird immer größer, größer. Ich selbst werde immer kleiner, kleiner. Sie sind das Eintritts-Hör-Billett der Ausstellung.

Im Fahrstahl zur Ausstellungsebene folgt der ver-rückten Hör-Einstimmung eine visuelle, comic-artige Vorstellung der Künstler, die die Geburtshelfer von Dada waren. Ganz im Sinne von Dada den guten Geschmack hinter sich lassend, betritt man die Ausstellung. Ab jetzt ist die Einbildungskraft gefragt. Großformatig aufgezogene Fotografien, die die Spiegelgasse und den Paradeplatz vor 100 Jahren rekonstruieren, rahmen den thematischen Rundgang als dadaistisches Treppensteigen.

@ Peter E. Rytz 2016

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Von Magie über Religion führt der Weg an der Aufklärung vorbei bis zum Dada-Gipfel: I am art! Von Hilla von Rebays Composition I, 1915 bis zu Hans Arps Konfiguration. Portrait Tristan Tzara, 1916 sowie Mary Wigmans Hexentanz, vorbei an Siegmund Freuds Couch und dem Reliquiaren einer Holz-Figur aus Gabun bis zu dem in Flaschen abgefüllten, grünen, haarstärkenden Kopfwasser Dada von heute entfaltet sich ein Kosmos, der mit keiner Kategorie der Kunst zu fassen ist.

@ Peter E. Rytz 2016

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Entlang von Imperativen, die sich in Kreisbewegungen dem Kern von Dada zu nähern suchen, öffnen sich ausstellungsdidaktisch gebaute, ver-rückte Blickwinkel. Dada ist kein Stil! Da ist eine Selbstbezichtigung! Dada kann nicht sterben!

@ Peter E. Rytz 2016

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Was auf den ersten Blick kopflastig scheint, erweist sich in der Ausstellung als eine gelungene Balance von Sinn und Unsinn. Oder wie die an diesem Wochenende eröffneten Festspiele Zürich titeln: Dada – Zwischen Wahnsinn und Unsinn.

Vielleicht fasziniert in der Ausstellung insbesondere das Unsinnige, dem mit einer ordnenden Logik nicht Beizukommende angesichts einer heute von vielen ohnmächtig erlebten Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Der damit verbundene aufkeimende Verdacht, so höchstwahrscheinlich an der Wirklichkeit haarscharf vorbei zu schrammen, würde manchen Ausstellungsbesucher, wenn er denn könnte – aber so viel Dada ist auch in dieser Ausstellung nicht erlaubt! -, gern mit dem Griff nach dem Dada-Kopfwasser wegwaschen.

@ Peter E. Rytz 2016

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So findet man sich am Ende des Ausstellungsrundgangs doch eher wie Hugo Ball im kubistischen Kostüm (Fotografie 1916) eingezwängt in die Maske eines Mit-Spielers wieder. Dass von Dada keine künstlerische Innovation sondern eine Irritation kanonischer Lebenshaltungen ausging, heißt im Umkehrschluss aber nicht, sich den Möglichkeiten eines gelingenden Lebens nicht zu stellen.

Wenn Dada schon da war, bevor Dada da war, ist eine Zukunft ohne Dada nicht denkbar. Das mit Genese Dada ins Bewusstsein geholt zu haben, ist nicht hoch genug anzuerkennen.

24.05.2016

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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