Edgar, ein szenische Opernaufführung zweigeteilt

©Buelent Kirschbaum

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In der Pause der szenischen Aufführung von Giacomo Puccinis Oper Edgar im Rahmen von KlangVokal Musikfestival Dortmund im Konzerthaus Dortmund lächeln sich einige Zuhörer fragend zu. Irgendwie ist es doch lauter als üblich. Es ist, als würde Puccinis durchgängig dramatisch forciertes Fortissimo der ersten zwei Akte unmittelbar in die Tonhöhe der Pausengespräche übergehen.

Alexander Joel am Pult des WDR Funkhausorchesters Köln lässt es jedenfalls gehörig krachen. Nach der Uraufführung 1889 nur wenige Male gespielt, 2008 erstmals in einer Neuausgabe von Linda Fairtile (Version Mailand 1889) in der Urfassung mit vier Akten zum 150. Geburtstag Puccinis in Turin wieder auf einer Opernbühne inszeniert, meint Joel offenbar, mit einem laut dröhnenden Klang auf das bisherige Versäumnis aufmerksam zu machen. Das mag für die Arena di Verona angemessen sein, im Konzertsaal deckt das Orchester, unterstützt vom WDR Rundfunkchor Köln, die Solisten eher zu, als das sie sich durchgängig hörbar artikulieren können.

Im Lautstärkerausch einer Überwältigungsmusik gehen immer wieder Akzente und Betonungen, solistische und chorische Nuancierungen unter. Da man schon alle Mühe hat, dem kruden, exzentrischen Libretto von Ferdinando Fontana zu folgen, es irgendwann aufgibt, um sich stärker auf die Musik zu konzentrieren, verliert auch dort das Ohr in ihrer mitunter lärmenden Gipfelstürmerei seine Orientierung.

Erzählt wird eine Geschichte aus Flandern zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Edgar, ein unsicherer Träumer, mehr Einfalt als Klarheit, wird unversehens gefordert, Farbe zu bekennen. Fidelia, ein liebreizendes, keusches Bauernmädchen weckt mit Mandelblüten bei ihm zärtliche Gefühle. Das will die bösartige Tigrana, die Edgar versprochen ist, verhindern. Am Ende wird sie Fidelia ermorden. Zuvor gelingt es Edgar mit einem Trick – offiziell im Kampf gefallen, steht er verkleidet als Mönch vor seinem eigenen Sarg – Tigrana als Lügnerin zu überführen. Sie wird daraufhin auf dem Schafott hingerichtet.

In den ersten zwei Akten bis zu Edgars Auszug in den Krieg dominiert in der Partitur Tigrana in höhnisch machtbewusster Attitüde, die Edgar in die Defensive drängt. Rachele Stanisci singt Tigrana in Kampfstellung. Über der linken, nach vorn geschobenen Schulter spitzt sie ihren Mezzosopran in divenhafter Pose zu. Mit dramatischen Überschwang steilt sich ihr Stimme dämonisch auf, stellenweise kreischend mit Temperament ihr Recht einfordernd.

Gustavo Portas Tenor sucht zu Beginn einen nachhaltigen Edgar-Ton zu finden. Bis zur Pause vertraut er einem rezitativischen, wenig betonten Gesang. Von einer Italinita mit für Puccini typischer erotisch aufgeladener Brachialgewalt ist erst einmal wenig zu spüren.

Auch die anderen Solisten sind in den ersten Akten auf der Suche nach einer stimmlichen Typen-Balance. Latonia Moore scheint Fidelia aus der klanglichen Perspektive vom Gershwins Porgy and Bess zu entwickeln. Ihr erster Einsatz O fior del giorno hat eine gospelartige Tonfärbung. Ihr Koloratursopran drängt ohne Umwege in die Höhe. Zu hören ist, kommentiert vom Chor, ein Schöngesang, den Puccini in allen seinen Opern anstrebt.

Allein Evez Abdulla als Frank, der Bruder Fidelias und Bogdan Taloş, als Gualtiero, sein Vater überzeugen in ihren Nebenrollen von Anfang an. Abdullas Bariton hat eine sonore Frische, wie der Bass von Taloş kultiviert grundiert ist.

Selten hat eine Konzertpause den chorischen und Orchesterklang sowie die Solisten so erfrischt wie an diesem Abend. Gelang Joel zumindest in der Ouvertüre und den Sinfoniae in der Art italienischer Ländler zwischen den Akten Puccinis Preziosen hörbar zu machen, differenziert sein Dirigat jetzt Fortissimo und Pianissimo Edgar zu einem erstaunlich narrativen Klang. Pastoraler Orgelklang, Oboe und Fagott sowie Harfe wie hingetupfter Blütenstaub, der Edgars Sinne vernebelt, entlockt Joel in tänzerischer Anmutung dem Orchester schillernde Klangfarben.

Das liegt nicht nur daran, dass ihm mit dem Kinderchor der Chorakademie Dortmund eine weitere chorische Farbe zur Verfügung steht. Es ist vor allem Latonia Moore, die beginnend mit Addio, mio dolce amor! bis zum letzten Hauchen Mio Edgar! Io t’amo! mit ihren Sopran viel emotionale Energie entwickelt. Sie gibt Fidelia eine lyrisch und poetisch sinnliche Stimme, auf die sich Gustavo Porta verlassen und manchmal sogar stützen kann. Seinem Tenor fehlt eine durchgängig verlässliche Balance in der Tonhöhe. Wo Moore mühelos forciert, sie Puccinis effektvoll komponierten Schönklang deklamiert, atmet Porta angestreng: No…No! Sicomme il tuo sara eterno il mio amor!   

Mit einer Reprise der fünf Glockenschläge der Ouvertüre setzen Streicher und fulminantes Blech einen stimmungskräftigen Schlusspunkt unter dieses szenische Opernkonzert. Nach einem Klangüberschuss zu Beginn ist der anhaltende Applaus am Ende ein versöhnliches Zeichen.

30.05.2016  

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Über Peter E. Rytz Review

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