Argerich und Barenboim – Harmonie in Perfektion

@ Holger Kettner

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Es gibt in der jüngeren Konzertgeschichte keine vergleichbaren Biografien, wie die von Martha Argerich und Daniel Barenboim. Seit ihren Kindertagen, den 1940/50ger Jahren in Buenos Aires, sind sie sich immer wieder begegnet. Unabhängig voneinander haben sie ihre frühreifen Begabungen als Wunderkinder parallel in eine glanzvolle Weltkarriere als Pianisten verstetigt. Ihre gemeinsam herausragenden pianistischen Meisterschaften hat Barenboim noch durch eine ebensolche als Dirigent komplettiert.

In den letzten Jahren haben sie sich wieder häufiger zu beeindruckenden Konzerten verabredet, wie zuletzt bei den Festtagen 2016 Berlin. Anlässlich von Argerichs 75. Geburtstag haben sie sich am Sonntagnachmittag in der Philharmonie Berlin zu einem Benefizkonzert zugunsten der Sanierung der Staatsoper Unter den Linden getroffen. In der Philharmonie knistert es vor Konzertbeginn wie lange nicht mehr.

Nicht nur die Erwartungen sind, wie sich zeigt, außerordentlich. Eine atmosphärische Spannung, die nach mehreren sommerlich schwülen Sonnentagen über der Stadt liegt, entlädt sich Minuten vor Konzertbeginn in heftigen Regenschauern. Selbst eine meteorologische bedingte Verzögerung von 15 Minuten reicht nicht aus, dass alle Konzertbesucher rechtzeitig ihre Plätze finden. In der kurzen Umbaupause, in der das zweite Klavier der zuvor gespielten Sonate für zwei Klaviere in D-Dur, KV 448 von Wolfgang Amadeus Mozart, mit Beifall versenkt wird, drängen weitere Zuspätgekommende in den Saal.

Sie müssen sich zwar damit abfinden, Martha Argerich und Daniel Barenboim in der Sonate nicht erlebt zu haben. Sie werden aber auf eine ganz eigene Weise entschädigt und, wenn auch verspätet, in die Konzert-Feiergemeinschaft aufgenommen. Während Argerich noch mit der Justierung ihres Klavierhockers vor dem Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur, op. 19 von Ludwig van Beethoven beschäftigt ist, setzt Barenboim mit der Staatskapelle Berlin zu einem Geburtstagsständchen für sie an. Entspannte Heiterkeit im Publikum lässt Argerich, die für einen Moment überrascht aufschaut, umgehend mit einem Lächeln in die Tasten greifen. Mit einem verschmitzten Lächeln nimmt sie die musikalischen Glückwünsche  Happy Birthday to you entgegen. Auch Barenboim freut sich sichtlich über seinen Überraschungscoup.

Umarmungen, Küsschen, zunickendes Lächeln machen für alle eine vitale,  erfrischende Zuneigung füreinander sichtbar. Unverstellt herzlich sollten sie an diesem Sonntagnachmittag nicht die letzten Zeichen dafür sein, mit welchem Respekt in Liebe zur Musik sie sich gleichzeitig auch als Freunde zu erkennen geben.

Am Ende des Konzerts lässt es sich der Maestro nicht nehmen, den obligatorischen Blumenstrauß der Jubilarin Martha Argerich selbst zu überreichen.

Mit der Mozart-Sonate präsentieren Martha Argerich und Daniel Barenboim eine hellwache Klaviergemeinschaft. Zwei Pianisten, vier Hände vereint in einem Klang. Harmonie in höchster Vollendung, in der zwei Solisten zu einem einzigen vierhändigen verschmelzen. Jugendlich frisch Argerich, souverän akzentuierend Barenboim ergibt zusammen einen Mozart-Klang, der mit magischen Kräften angefüllt ist. Forscher wollen im Rahmen einer Studie signifikant stimulierende Effekte dieser Sonate nachgewiesen haben. Wie auch immer, in der Philharmonie lässt die Argerich-Barenboim-Klangmagie den Atem anhalten.

Beginnend mit einer fanfarenartigen Einleitung pulsieren die Achtelnoten flirrend, verschachteln sich klangintensiv so miteinander, dass man glaubt, ein ganzes Orchester Allegro con spirito zu hören. Sich die Einsätze zu lächelnd, reichen sie sich das Zepter gegenseitig zu. Melodiebögen umschließen in fließenden Übergängen Wiederholungen, die wie ein Echo zurückgeworfen werden. Mitunter fließen die Klänge der einzelnen Klavierparts unisono fast ununterscheidbar zusammen.

Die sich in der Programmfolge anschließenden ersten zwei Klavierkonzerte von Ludwig van Beethoven sind noch deutlich von seinem großen Vorbild Mozart geprägt. Mit dem 3. Klavierkonzert findet Beethoven dann jenen eigenständig majestätisch kraftvollen Ton, der die Klavierkonzerte Nr. 3 bis 5 berühmt gemacht hat.

Im Benefizkonzert wird das Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur, op. 19 programmatisch vor dem Klavierkonzert Nr. 1 in C-Dur op. 15 gespielt. Die zeitliche Werkreihenfolge hat drucktechnische Gründe, die verdecken, dass das Klavierkonzert Nr. 1,  parallel zum 3. komponiert, sich schon viel mehr als das 2. vom Einfluss Mozarts befreit.

Nachdem Barenboim als Pianist mit souverän gestaltender Spielkultur überzeugt hat, fasziniert er am Pult übergangslos ebenso. Im Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur dirigiert er die Staatskapelle Berlin suggestiv sparsam, gleichwohl punktgenau das Orchester vehement fordernd. Er zündet im Orchester ein Fortissimo-Feuerwerk, wie er Pianissimo-Stellen gestisch eindeutig dämpft. Beethoven verzichtet in diesem Konzert auf Pauke, Klarinette und Trompete. Die kammermusikalische Tonlage reizt Barenboim differenziert aus. Lyrische Grundtonlagen alternierend mit Uniso-Passagen rollen mit der Solo-Kadenz der Solistin einen Teppich aus, auf dem sie ihre virtuosen, pianistischen Fähigkeiten überragend zeigt

Dem Adagio entlockt Argerich eine außerordentliche emotionale Dichte. Die Musik wird pianissimo eins mit dem Raum der Philharmonie. Für Momente verwandelt er sich in einen Meditationsraum andachtsvoller Stille. Interessant zu beobachten, wie sie sich auf ihre Einsätze vorbereitet. Mit der rechten Hand lockert sie ihre üppige Haarpracht auf, legt sie über die linke Schulter. Es ist, als wolle sie kampfbereit, in ihrem Kosmos eingesponnen, die Arena erobern. Nicht mit pianistischen Gaukeleien, sondern mit einer charismatischen Charmeoffensive vom Klavier aus.

Mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 in C-Dur op. 15 gelingt Argerich und Daniel Barenboim ein Dialog von Klavier und Tutti, der das Glanzvolle und Majestätische Beethoven’scher Musikkunst wunderbar zum Klingen bringt. Barenboim dirigiert mit harmonisch rhythmischer, einladender Geste. Seine Hände schwingen vom Orchester zum Klavier hinüber. Seine linke Hand, mit der nach oben geöffneten Handfläche mutet wie eine elegante Einladung an: Zeig‘ was Du kannst! Argerichs Spiel flutet einmal kaskadenartig kraftvoll wie ein Wasserfall, wechselt augenblicklich in leises Sommerzirpen, beruhigt sich in einem von ihr in königlicher Eleganz zelebrierten Largo.

Am Ende schlägt die Welle der Begeisterung über sie zusammen. Immer wieder kommt die Grande Dame des Klaviers auf die Bühne und verbeugt sich, von Barenboim Gentleman like begleitet,  in mädchenhafter Anmut. Es ist ein Bild von nachhaltiger Symbolkraft, wie Barenboim inmitten seiner Staatskapelle sitzend, Argerichs Zugabe aufmerksam, verträumt lächelnd zuhört. Sein lebhafter Applaus danach ist mehr als nur vornehmer Respekt. Er ist Ausdruck einer lebendigen Künstlerfreundschaft auf Augenhöhe – mitten im Leben.

07.06.2016

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Über Peter E. Rytz Review

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