Apocalypse now?

Wolfram Koch, Elisabeth Zumpe, Ingo Günther @ Thomas Aurin

Wolfram Koch, Elisabeth Zumpe, Ingo Günther @ Thomas Aurin

Das Theater ist immer eine Behauptung. Herbert Fritsch behauptet in seiner Inszenierung Apokalypse – nach der Offenbarung des Johannes, mit der die  Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in einer Uraufführung bei den Ruhrfestspielen am 09.06.2016 gastierte (in Berlin am 22.06.2016), einen neuen Hör-Text aus der alten Schrift des Johannes.

Wolfram Koch spricht in einem 90minütigen Monolog nicht nur das Johannes-Original nach. Er dekonstruiert den Text durch extemporierte Betonungen, durch Sprechen in variablen Stimmlagen vom Falsett bis zum Bass-Brummen, durch pointierte Generalpausen sowie mit einem exzellenten, gestisch akrobatischen Ganzkörperspiel.

Auf die in gelbes Stroboskoplicht getauchte Bühne wirft sich Koch in einem gelbgrün changierenden Showmaster-Anzug aus einer rechteckigen Versenkung in seinen johanneischen Dauerlauf. Nonchalant, fast wie nebenbei, spricht er die Eingangssätze. Ich bin das Alpha und das Omega, spricht Gott der Herr, setzt in überdehnter Vokalbetonung fort mit: Der da ist und der da war und der da kommt. Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft sind Zeiten, die im neutestamentlarischenVerständnis als Ausdruck der Allmacht Gottes eins sind. Wer Ohren hat, der höre.

Die biblische Grundkonstante liest Fritsch germanistisch sedierend. Abhold religiösem Pathos, gewissermaßen vom göttlichen Überbau befreit, legt er die jedem Text  immer auch innewohnende Ironie frei.

Es ist faszinierend zu beobachten, wie Koch scheinbar mühelos den Text repetiert. Allein der Umfang seines abrufbaren Text-Speichers lässt ungläubig staunen. Ihm zur Seite steht Elisabeth Zumpe als soufflierende Vorleserin. Aber sie ist in der Dramaturgie von Carl Hegemann noch viel mehr. Mit dem aufgeschlagenen Textbuch weicht sie Koch nicht von der Seite. Sie folgt seiner Gestik und den Bühnenläufen in fast einer synchronen Parforce.

Vielleicht noch mehr beeindrucken Koch und Zumpe mit ihrem präzis aufeinander abgestimmten Zusammenspiel von Vorlesen und Spielen. Sie überlässt und vertraut ihm mit souveränem Überblick für Rhythmik von Sprache und Bewegung solange allein, bis sie ihm wieder die folgende Passage vorspricht. In der Regel ist ihre Stimme leise aber deutlich vernehmbar. Sie hängt Koch wie ein Sprachschatten an. In Szenen, in denen er lautkräftig im hohen Diskant tremoliert, überlagern sich Vorlesen und schauspielerisches Sprechen zu einem babylonischen Sprachgewirr.

Fritsch hat mit der Vorleserin Zumpe eine Figur kreiert, die Bilder von mehr oder weniger gedankenlosem Nachplappern religiöser Texte assoziiert. Wer glaubt, vertraut nicht auf Wissen sondern auf überirdische Hoffnung. Dazu mischt Ingo Günther als weitere stumme Figur Musik von seinem Tablet aus. Ergänzend zu den elektronisch erzeugten Musikstücken schlägt er Gongs oder reißt Saiten der Harfe zu interreligiösen Sound-Clustern an.

Kochs Entschweben als Engel, der am Ende des ersten Teils noch auf Erlösung und Erneuerung der Menschen hoffen lässt, ist nicht nur effektvoll inszeniert. Es markiert durch ein gefühltes, mehrere Minuten andauerndes Nichts auf der Bühne den Beginn der eigentlichen Apokalypse.

Im rot violetten Licht, begleitet von rhythmisch ratterndem Staccato fährt Koch auf einer goldenen Himmelsleiter-Treppe herab. Dreifach Schatten werfend zelebriert er die Botschaft der drei Engel. Vollführt Veitstänze, die er sprachakrobatisch und gestisch gerade noch ausbalanciert, ohne dass man gewiss sein kann, dass er den sichernden Haltepunkt noch findet: Und betet an den, der gemacht hat Himmel und Erde und Meer und die Wasserquellen.

Er entledigt sich im Schutz der Himmelstreppe seines Entertainer-Anzugs und erscheint im Narrenkostüm. Immer atemloser mischt Koch den Text auf, wie Meeresbrandungen Ufer unterspülen und die sandige Uferlinie verschleifen. Suggestiv magisch treibt Koch die Offenbarung des Johannes vor sich her.

Am Ende ist zu hoffen, dass Fritsch und sein schauspielerischer Handlager Koch von der Drohung der OffenbarungWenn jemand etwas hinzufügt, so wird Gott ihm die Plagen zufügen, die in diesem Buch geschrieben stehen – auch zukünftig verschont bleiben. Aber selbst ein einziges zaghaftes Buh beim Applausjubel der Uraufführung  hat nichts Bedrohliches. Fritsch & Co werden mit Sicherheit weiterhin ihre Behauptungen via Schauspielbühne der Welt mitteilen.

12.06.2016

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Über Peter E. Rytz Review

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