Super Meta Maxi ist super!

@ Peter E. Rytz 2016

@ Peter E. Rytz 2016

Selten kann man so unbeschwert, geradezu mit spielerischer Lust durch eine Kunstaustellung wandeln, wie jetzt im Museum Kunstpalast bei Jean Tinguely. Super Meta Maxi in Düsseldorf (noch bis 14. August 2016).

Es geht den Besuchern in Düsseldorf so wie immer mit den Arbeiten von Tinguely. Noch bevor sie zu sehen sind, sind sie zu hören. Quietschend, ratternd, scheppernd tönt es aus allen Ecken. Laut und heiter als würden sie sagen: Hier bin ich! Schaut mich nicht nur an, sondern setzt mich in Bewegung!

Um etwas von Tinguelys Poetik seiner Maschinenskulpturen zu spüren, muss man sie leibhaftig sehen, hören und wahrnehmen können. Ihr märchenhafter Zauber ist mit keiner bildlichen oder filmischen Dokumentation wiederzugeben. Allein für diese optisch akustische Ermöglichung ist dem Museum Kunstpalast in Kooperation mit dem Stedelijk Museum Amsterdam sowie in enger Zusammenarbeit mit dem Museum Tinguely in Basel zu danken.

Dass Tinguelys Performances im öffentlichen Raum teilweise nur temporär bestanden, sie allein filmisch dokumentiert sind, ist Teil seiner Kunst, die die Fläche durch Bewegungen in eine dreidimensionale Räumlichkeit transformiert und ihr parallel dazu eine ortsbestimmte Zeitstruktur gibt. Das ist so, wenn die Skulpturen per Knopfdruck ihr Nonsens-Spiel beginnen, wie die spektakulären, auto-destruktiven Aktionen nicht wiederholbar, einmalig sind und nur als Filmsequenzen festgehalten wurden.

Jahrzehnte nach Tinguelys Tod haben seine mobilen Meta-Matics nichts von ihrem lebendigen Charme und ihrem irritierend fröhlichen Spektakel verloren. Ihr interaktiver Charakter brach damals und bricht heute weiterhin mit dem elitären Raum Museum. Seine Kunst will Kunst und Leben nicht nur zusammen denken, sondern zusammen bringen. Seine machines a penser wollen zum Nachdenken anregen, den Blickwinkel metaphorisch verrücken – um dadurch ver-rückt zu werden.

Wenn Eltern ihren Kindern im Museum mehr oder weniger freie Fahrt geben können und dürfen, sie sich gemeinsam fröhlich staunend auf einzelne Arbeiten aufmerksam machen, Maschinenskulpturen in Bewegung setzen, verliert sich von vornherein eine distanziert räsonierende, schwergewichtige Ernsthaftigkeit. Super Meta Maxi ist dann einfach nur noch super – und ist unter der Hand doch noch viel mehr.

Ver-rückte Wahrnehmung bewegter Objekte gibt jedem, wie an der im Vergleich mit normal arrangierten Ausstellungen – Don’t touch me! – zu erlebenden, fröhlichen Spielbereitschaft der Besucher zu beobachten ist, die Chance, sich wenigstens für einen Moment die immer straffer gezurrte, ökonomisierende Schlinge zu lockern.

Wer seinen Vorrat an Lachen, Schmunzeln und Staunen während des Rundgangs schon fast aufgebraucht, ihn die Fülle sinnlicher Eindrücke an den Rand des noch Wahrnehmbaren gebracht hat, von dem fällt alles Müde angesichts der monumentalen Assemblage Grosse Méta-Maxi-Maxi-Utopie (1987) ab. Über Leitern steigt man in die Skulptur, wird vom spielerisch schöpferischen Geist Tinguelys gefangen genommen, wird von immer wieder neuen Sichtsachsen und Perspektiven  einer merkwürdigen Aneinanderreihung von Kitsch-Objekten in der Suche nach Sinnhaftigkeit irritiert.

Diese Suche wird 100 Jahre nach dem dadaistischen Manifest von Andre Breton und Tinguelys Manifest Für Statik vergeblich bleiben. Das Absurde, als Teil des Lebens ist für Tinguely näherungsweise nur durch entmaterialisierte, verspielte Bewegung assoziativ darstellbar.

Aber Tinguely wusste spätestens nach seinem schweren Herzleiden um die Endlichkeit des Lebensspiels. Sein Altarensemble Mengele-Totentanz (1986) lässt ahnen, wie Tod und Vergänglichkeit nicht nur ihn umtrieben. Manchmal sind Ereignisse, wie der von ihm erlebte Brand eines Bauernhauses in seiner unmittelbaren Nachbarschaft, Initiationen eigener Endlichkeit.

Insofern erweist sich Tinguelys Welt im Museum Kunstpalast Düsseldorf als eine verrückt zauberhafte Entdeckungsreise vom Anfang bis zum Ende.

14.06.2016

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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