Neues von den Neuen Vocalsolisten Stuttgart

@ Martin Sigmund

@ Martin Sigmund

Gestern Abend tönt es in der Rigibahn zur Tramstation ungewöhnlich fröhlich und laut. Eine Gruppe jugendlicher Konzertbesucher imitiert lustvoll den Auftritt von Neuen Vocalsolisten Stuttgart im Theater Rigiblick im Rahmen von Festspiele Zürich: Dada –  Zwischen Wahn und Unsinn. Noch die avantgardistische Grundierung von gezischten, überdehnten, gehauchten Vokalisen und die lautmalerischen Scat-Fragmenten im Ohr hat das Konzert offenbar zu einem interaktiven Feedback herausgefordert. Besseres kann man von einem Konzert eigentlich nicht erwarten.

Ambitioniert und selbstbewusst bezeichnen sich die sieben Stuttgarter Konzert- und Opernsolisten als neue Vocalsolisten. Meint das ihr besonderes Engagement für neutönerische Klangprozesse, wie sie es im Konzert mit sechs Kompositionen von Georges Aperghis, Gabriel Dharmoo, Mischa Käser, Friedrich Cerha, Carola Bauckholt und Christoph Ogiermann, die alle nach 2000 entstanden sind, ausdrucksvoll demonstrieren? Oder widerspiegelt sich in dem Neuen die Alltagsrealität von Sprechen und Hören in anderen Klangstrukturen, die eine immer wieder neu zu sensibilisierende, hörende Wahrnehmung reflektiert?

Das Konzert ist ein nachhaltiges Plädoyer dafür, beide Aspekte zusammen zu bringen. Im Hören die sich permanent verändernde, global vernetzte Welt zu erlauschen. Schon vor dem Beginn ist unterschiedliches Raunen von Konzertbesuchern zu vernehmen.

Drei ältere Damen versuchen, die Kommunikationsdaten ihrer Mobiltelefone abzugleichen. Hör- und Sehprobleme – Ich glaube, Du brauchst ein neues Glas! – machen die Sache kompliziert. Es reicht heute nicht mehr aus, in alten Bahnen zu hören, wenn man nicht ins Abseits abgeschoben werden will. Nie war die Vielfalt von Geräuschen und Tönen so gross wie heute.

Demgegenüber vergewissern sich musikalische Insider mit Iannis Xenakis Text Kontrolle und Zufall unter dem Arm gegenseitig über die Differenzierungen von Musik-Design und Performance, über Unterschiede zwischen Musik-Programmierer und Konzeptkünstler über Komponisten, die Klänge erfinden sowie existierende Musik-Ideen hinterfragen. Nicht nur vorab entsteht der Eindruck, man ist unter sich.

Die unterschiedlichen Fraktionen der Konzertbesucher machen in der Pause schon den Eindruck, Teilnehmer eines Familientreffens zu sein. Auch diejenigen, die nicht im engeren Sinne dazu gehören, fühlen sich offenbar als akzeptierter Teil des Ganzen.

Sind die ersten drei Kompositionen – Vittriool (2006) von Aperghis; norte meute für fünf Solostimmen (2012) von Dharmoo; Präludien 3, Buch (Nr. 1 – 8) für 6 Stimmen (Uraufführung) von Käser – von einer artifiziellen, akademischen Kunstfertigkeit gekennzeichnet, steht in den nach der Pause folgenden Werken – Zwei Szenen für sieben Stimmen (2010/11) von Cerha; Nein allein ffür fünf Stimmen (1999 – 2000) von Bauckholt; Parole (2012) von Ogiermann – ihre musiktheatralische Präsenz stärker im Mittelpunkt. Allen gemeinsam sind allerdings lautmalerische Artikulationen, die die Konzertbesucher immer wieder zum Schmunzeln oder zu lautstarkem Lachen animieren. Sie erinnern an die vor 100 Jahren in Zürich in die Welt gesetzten dadaistischen Sprachexperimente und zeigen, dass Dada da war, bevor Dada da war und es auch heute noch ist (vgl. Dada da war, bevor Dada da war, vom 18.03.2016 daselbst).

Summ, summ, Schlummer intoniert der Bassist Andreas Fischer bei Vittriool den Schlusspunkt. Klicklaute, wie sie die Sprache der südafrikanischen Zulu- und Xhosa-Kulturen kennen, fiktionalisiert notre meute. Bei Käsers Präludien vereinigen sich vertraute und exotisch befremdliche Klänge zu ritualisierten Rufen.

Cerhas deitektische Sprachfiguren, die sogenannten Zeigwörter verwenden, funktionieren dagegen in den Zwei Szenen als musiktheatralische Erzählform. Der Countertenor Daniel Gloger brilliert mit Stimme und Gestik mit aktionistischer Verve.

Durch phänomenal arrangierte Sprechrhythmik, die die Ja-Nein-Kontraste einer ostentativen Kommunikation durch Zwischen- und Untertönen verdeutlicht, findet Bauckholts Nein allein für fünf Stimmen in den Neuen Vocalsolisten Stuttgart kongeniale Interpreten. Genüsslich lassen sie das F im Gemüseauflauf zischen. Sprachen wie Singen ist mehr als nur straight ahead sprechen und singen.

Die abschliessende Aufführung von Ogiermanns Parole fällt insofern aus dem Kontext des Programms, da sie programmierte Text-Cluster mit in situ gesprochenen Textfragmenten zu einem babylonisch globalisierten Tohuwabohu mixt. Am Ende steht die fragende Behauptung Ich bin der Chef!?

Unten an der Tramstation tönt das Konzert in den jugendlichen Nachsing-Versionen weiterhin nach. Selbst der quietschende Halt der Tram wird Teil des Nachtgesangs.

16.06.2016

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Über Peter E. Rytz Review

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