Extrakonzert mit dadaistischen Zwischentönen in der Tonhalle Zürich

Foto: Tonhalle Orchester/Priska Ketterer

Foto: Tonhalle Orchester/Priska Ketterer

Obwohl das Konzert des Tonhalle-Orchesters unter Leitung von Lionel Bringuier mit der Violinsolistin Lisa Batiashvili als Extrakonzert im Rahmen der Festspiele Zürich angekündigt ist, spürt man zur Pause eine gewisse Desorientierung beim Publikum. Offenbar noch ganz gefangen von emotionalen Hochgefühlen einer eben gehörten, überaus überzeugenden Interpretation von Dvoráks Violinkonzert, gilt vielen Konzertbesuchern die Pause als Auszeit, um durchzuatmen und sich für die anschliessende 1. Sinfonie Mahlers zu konditionieren.

Doch das Programm durchkreuzt das übliche Pausen-Procedere.Im Foyer erwartet die Konzertbesucher der dadaistische Kurzfilm Entr‘ acte von René Clair mit der Musik von Erik Satie nach einer Idee von Francis Picabia. Dada – Zwischen Wahn und Unsinn, so der programmatische Titel der Festspiele, ist, vom Produktionsjahr des Films 1924 aus betrachtet, eine Blick zurück. Die Uraufführungen des Violinkonzerts a-Moll op. 53 von Antonín Dvorák 1883 und der Sinfonie Nr. 1 D-Dur von Gustav Mahler 1889 sind Jahrzehnte früher entstanden.

Dvorák und Mahler ahnten von dem, was später die Welt mit dem 1. Weltkrieg in ihren Festen erschüttern sollte, kaum etwas. Ebenso wenig von den künstlerisch dadaistischen Reaktionen als Anti-Kunst. In Dvoráks und Mahlers Kompositionen spiegeln sich Freude und Trauer, vermischt mit Weltschmerz, zu heroisch bis pathetisch in überhöhten Stimmungsbildern. Es ging ihnen vor allem um Tonschönheit. Die Dadaisten verdammten Schönheit mit pathetischer Pose als Nebensache.

Die Zäsur mit Entr‘ acte – groteske Bilder, luzide Filmschnitte, Saties minimalistische Musik mit hämmernden Marschrhythmen – in der Programmfolge des Extrakonzerts, mag manchen Konzertbesuchern obsolet erscheinen. Man kann sie allerdings auch als einen akzentuierten Hinweis dafür nehmen, dass tonschöne Musik von Dvorák, Mahler und den Komponisten ihrer Generation nicht per se selbstverständlich sein kann und muss.

Selbstverständlich ist das jedenfalls auch für Lisa Batiashvili und Lionel Bringuier nicht. Wie ihnen im Konzert dann aber die apostrophierte Leichtigkeit res severa verum gaudium gelingt, lässt, je länger das Konzert dauert, einfach nur noch staunen. Nachdenklich lakonisch rollt Bringuier mit dem hellwachen Tonhalle-Orchester Batiashvili einen lyrisch düsteren Teppich aus. Souverän nimmt sie das Angebot Allegro an. Durchkämmt mit differenziertem Bogenstrich die an eine Kadenz erinnernden solistischen Passagen mit Unterstützung exzellent koordinierter Bläser.

Dem Kopfsatz, häufig als orginell ausfransend komponiert beschrieben, folgt mit einem feinsinnig gestimmten Adagio der eigentliche Hauptsatz des Konzerts. Bringuier und Batiashvili zelebrieren ihn in klangschöner Resonanz von Orchester und Violine. Eine verstörende Magie von Klangschönheit.

Elastisch und kraftvoll beugt sich Batiashvili in Rückenlage, Bogen und Blick auf die gemalten Heroen an der Decke in der Tonhalle gerichtet. Nur für einen kurzen Augenblick macht es den Eindruck, als wolle sie sich den musikalischen Segen von dort oben holen.

Aber die Zustimmung steht leibhaftig neben ihr auf dem Pult. Mitunter ist es nur ein kurzes Hochziehen der Augenbrauen oder ein leichtes Kopfnicken, mit denen Bringuier die Abstimmung von Orchester und Solistin temperiert organisiert. Lächelnd nicken sie sich immer wieder bestätigend zu. Ein selten gehörter Klangzauber versetzt die Tonhalle in Schwingungen. Es ist gefühlt, mehr als ein technisch gut organisierter Dialog. Es ist Ausdruck einer tiefverbindenden Liebe zur Musik.

Das Finale. Allegro giocoso ma non troppo gestaltet sich schlussendlich zu einer musikalischen Hochglanz-Apotheose. Batiashvili spielt wie im Rausch. Prägnant gesetzte Übergänge lassen die Musik perlen. Bringuier entwickelt mit ihr eine traumwandlerische Spiellinie, die jubilierend noch in der Zugabe mit Auszügen aus Dvoráks 9. Sinfonie lange nachhallt.

Welches ausdrucksstarke Potential Bringuier in seiner relativ kurzen Zeit als Chefdirigent mit dem Tonhalle-Orcheste schon entwickelt hat, wird in der Sinfonie Nr. 1 D-Dur von Gustav Mahler überdeutlich hörbar. Wunderbar gelingt es ihm, zwischen Pianissimo und Fortissimo zu charakterisieren. Insbesondere mit den Blechbläsern organisiert Bringuier einen eigengestimmten Tonhalle-Klang.

Zu Beginn des 1. Satzes intonieren die Trompeten vom Rang hinter einer geschlossenen Tür aus. Wie ein Naturlauf – im Anfang sehr gemächlich, hat Mahler in die Partitur geschrieben. Bringuier übersetzt die Mahlersche Anmerkung kongenial in einen schlüssigen Klangkosmos.

Die wellenförmigen Wechsel von eruptivem Aufbrausen und stillem Innehalten, bei dem die Töne bis an die Grenzen des Noch-Hörens reichen, verwandelt er in durchsichtig klare Klänge. In den Passagen, wo die Musik ekstatisch anschwillt, dirigiert Bringuier kraftvoll expressiv. In den kontrapunktisch gesetzten Pianissimo-Stellen ist es, als würde er den Orchesterklang intrinsisch ins Reich der Magie führen.

Stürmisch bewegt, ist der 4. Satz überschrieben. Die Waldhorn-Musiker geben im Stehen den Auftakt für ein stürmisches Finale dall’inferno al paradiso. Der Ausbruch der Verzweiflung eines im Tiefsten verwundeten Herzens, hat Mahler dazu geschrieben.

In traumwandlerisch ausbalancierter Souveränität setzt Bringuier den Punkt unter ein denkwürdiges Konzert. Wohl selten hat man eine so intuitive Nähe von Sinfonie und Solokonzert eines Dirigenten mit seinem Orchester gespürt, wie an diesem Abend in der Tonhalle Zürich. Chapeau!

18.06.2016

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Über Peter E. Rytz Review

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