Dada? – Dada! bei den Festspielen Zürich

@ Peter E. Rytz 2016

@ Peter E. Rytz 2016

Wie kann über Kunst geredet werden, die kein Kunst sein will? Am 14. Juli 2016 sind es genau 100 Jahre her, dass Hugo Ball beim 1. Dada-Abend das Eröffnungs-Manifest im Zunfthaus zur Waag in Zürich vortrug. Von der ehrwürdigen Zürcher Zunftstube ging ein Fanal aus, die die Kunst radikal in Frage stellte.

Dada ist eine neue Kunstrichtung…. Dada Weltkrieg und kein Ende, Dada Revolution und kein Anfang. Dada ihr Freunde und Auchdichter, allerwerteste Evangelisten. Dada Tzara, Dada Huelsenbeck, Dada m’dada, Dada mhm‘ dada, Dada Hue, Dada Tza, deklamierte Ball mit pathetischer Inbrunst.

Zürich war zu Zeiten des 1. Weltkriegs der Zufluchtsort von Emigranten verschiedener kultureller und künstlerischer Couleur. Dada war in gewisser Weise eine Reaktion auf die von einzelnen Künstlern selbst erlebten Unmenschlichkeiten auf den Schlachtfeldern. Die Dadisten um Ball, Huelsenbeck, Hausmann, Janco und Tzara hatten  nichts weniger vor, als die, wie sie meinten, gesellschaftsferne Bilderwelt des Expressionismus und der Moderne durch eine neue zu ersetzen. Direkt, unmittelbar, unverstellt gelte es, die brutale Wirklichkeit mit ihren Geräuschen, Klängen, Farben und Rhythmen mit dadaistisch anti-künstlerischer Überzeugung auszudrücken.

Lautgedichte anstatt Verse aus gereimten Worten, nicht Klangschönheit sondern alltagsstimmige Klangbilder, Écriture automatique sowie rhythmisiertes Collagieren anstatt konzeptionell arrangierte Darstellungsformen, Tanz als aus dem Unterbewusstsein gespeister Ausdrucksformen des Körpers sind dadaistische Grundkonstanten, die nach dem Zürcher Auftakt vor allem in Paris und Berlin den künstlerischen Diskurs beeinflussten.

Zum Abschluss der Festspiele Zürich 2016 DADA – Zwischen Wahnsinn und Unsinn unternahmen der Lyriker Durs Grünbein und der Autor und Kurator Stefan Zweifel (vgl. Dada war da, bevor Dada da war vom 18.03.2016, daselbst), moderiert von Daniel Binswanger am historischen Ort im Zunfthaus zur Waag den Versuch, das Anti-Künstlerische, das temporär Flüchtige, die Attitüde von Dada zwischen Poesie und Revolte zur Sprache zu bringen.

Klug umgingen sie die Untiefen, die dadaistischen Idee erklärend zu rekonstruieren. Zweifel argumentierte kenntnisreich und intelligent das Umfeld aus der Perspektive von Friedrich Nietzsche bis Andre Breton, insbesondere für die Avantgarde in Paris. Dada, Surrealismus, abstrakter Expressionismus, die sich, so eigenständig und abhängig sie sich auch entwickelten, aber auch immer wieder berührten und beeinflussten.

Launig verwies Zweifel darauf, dass die mit Dada damals verbundenen und beabsichtigten Provokationen heute Teil des Unterhaltungskonsums sind. Wir sind gegenüber Provokationen immun geworden. Das Entscheidende von Dada, Wirklichkeit aus dem Blickwinkel einer Art Kindlichkeit zu begreifen, ist getragen von einer griechisch intendierten Philosophie der Skepsis. Zweifel argumentierte mit dem Hinweis auf Georges Bataille, dass der Dadaismus vor allem als eine innere Erfahrung zu verstehen sei. Heute ist ein immer stärkerer Rückzug ins Private, ins Idiotische zu beobachten, wo der ständige Konsum von Event-Spektakeln nur noch wenig Raum für mögliche, dadaistisch implizierte Erfahrungen lässt.

Demgegenüber kaprizierte sich Grünbein mehr als raumgreifender Welterklärer und Protagonist von dadaistischen Haltungen in der Kunst heute mit einem geschmäcklerischen Hinweise auf Jonathan Meese. Sein lyrisches Selbstverständnis im Kontext der dadaistischen Praxis kam dagegen zu kurz. Seine Einordnung von Berlin innerhalb der dadaistischen Bewegung hatte, abgesehen von emphatischen Beurteilungen, wie, Hannah Höch sei die größte Collagistin, wenig neue Erkenntnisse zu bieten.

Daniel Binswanger memorierte teilweise mehr als das er moderierte. Seine Moderation war eine Mischung von eigen geprägter Kontext-Erzählung, mitunter vorschneller Bestätigung von Grünbeins selbstreferentiellen Beiträgen und Kommentareifer bei Zweifels Argumentationen, die in ihrer feinsinnig geschliffenen Sprachkultur für sich standen.

Kompositionen von Erwin Schulhoff, anfangs seine Parodie auf die deutsche Nationalhymne sowie sein Opus 40, Die Wolkenpumpe zum Abschluss der Dada-Soirêe III im Zunfthaus zur Waag konnte man als assoziativen Referenzpunkt zu der Kammermusik-Nacht Dada? – Dada! wenige Tage zuvor in der Tonhalle hören.

Symbolträchtig um 19:16 Uhr beginnend und den Schlusspunkt um 23:16 setzend, konnte man dort etwas von dem Dada-Geist nach-spüren, nach-sehen und nach-hören. Von der Collage Tonschönheit ist Nebensache mit dem trio oreade und dem Schauspieler Claudius Körber bis zu den Auftritten der wunderbaren Stimmkünstlerin Salome Kammer sowie dem instrumentalen Traum-Match von Mauricio Kagel, aufgeführt vom Ume Duo mit improvisatorischem Verve, bekam man eine eindrucksvolle Ahnung von der Anti-Kunst Dada.

Die Kammermusik-Nacht zog mit Fünf Stücke für Streichquartett (1923) von Erwin Schulhoff, mit So sterben wir von Hugo Ball und Emmy Hennings, mit Ausschnitten von Erik Saties Gymnopêdies bis zu Hans Zenders Hommage Cabaret Voltaire eine dadaistische Linie, die in der Dada-Soirêe III mit Talk-Touch ihre interessante Ergänzung fand.

Man darf gespannt sein, wie die Festspiele Zürich 2017 nach der dionysischen Dialektik vom Wahnsinn und Unsinn ihre Akzente neu justieren werden.

24.06.2016

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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