Dada Afrika, mehr als eine exotische Randnotiz

Sophie Taeuber-Arp Abstraktes Motiv (Masken), 1917 Gouache auf Papier; 34 x 24 cm Stiftung Arp e.V., Berlin/Rolandseck

Sophie Taeuber-Arp
Abstraktes Motiv (Masken), 1917
Gouache auf Papier; 34 x 24 cm
Stiftung Arp e.V., Berlin/Rolandseck

100 Jahre nach der Ausrufung des Dada-Manifestes in Zürich: Dada Afrika? Der eine oder andere mag sich skeptisch fragen, ob damit das Museum Rietberg Zürich mit der Ausstellung Dada Afrika. Dialog mit dem Fremden (noch bis 17. Juli 2016; anschließend  vom 5. August bis 7. November 2016 in der Berlinischen Galerie) mehr oder weniger nur mit einer exotischen Variante auf den Zug der Dada-Offensive in Museen und von Festspielen im deutschsprachigen Raum aufgesprungen ist.

Spätestens nach dem Besuch der Ausstellung wird klar, dass das Ausstellungsprojekt Dada Afrika, eine Kooperation von Museum Rietberg und der Berlinischen Galerie ein erhellender Dialog auf Augenhöhe zwischen außereuropäischer Kunst und den Dada-Arbeiten ist. Die Ausstellung zeigt eindrucksvoll, welche katalysatorische Wirkung die Wahrnehmung der außereuropäischen Kunst auf die dadaistische Nicht-Kunst in ihren Artikulationen hatte.  Afrika galt den Dadaisten in Negation einer eurozentrischen Sinngebung des Lebens als Keimzelle eines neuen Menschseins.

Was wir Dada nennen, ist ein Narrenspiel aus dem Nichts, in das alle höheren Fragen verwickelt sind….eine Hinrichtung der posierten Moralität und Fülle, hat Hugo Ball am 12. Juni 1916 in seinem Tagebuch notiert.

Dada Afrika markiert den Weg von da (Afrika) nach da (Zürich, Berlin, Paris)  als einen Dialog mit dem Fremden. Rezeptionsgeschichtlich eine Spurensuche nach den Wurzeln von Dada. Jahrzehnte nach dem dadaistisch dionysischen Ausbruch der Instinkte in der Anmutung von Friedrich Nietzsches Verneinungskontext wird Tristan Tzara 1962 nach einem Besuch im südlichen Afrika resümieren: Man muss tatsächlich bis ans Ende der Welt reisen……die außergewöhnlichsten Dinge zu finden, von denen man vor dreissig, vierzig Jahren nur träumen konnte….

In Dada Afrika stehen nicht die museal kuratierten Reflexionen der visuellen, literarischen und performativen Aktivitäten der Dadaisten im Fokus, sondern die Suche nach dem eigenen Fremden. Zahlreichen Ausstellungen widmen sich in diesem Jubiläumsjahr Dada – die Zürcher Ausstellungen Dadaglobe Reconstructed im Kunsthaus, Dada Universal im Landesmuseum oder DADA anders im haus konstruktiv (Dada war da, bevor Dada da war vom 18.03.2016, daselbst) sowie Genese Dada im Arp Museum Bahnhof Rolandseck (Dada – gestern, heute, morgen vom 24.05.2916, daselbst) als auch die Veranstaltungen der Festspiele Zürich (Neues von den Neuen Vocalsolisten Stuttgart vom 16.06.2016; Dada? – Dada! bei den Festspielen Zürich vom 24.06.2016, daselbst).

Exemplarisch für die Suche, in der Auseinandersetzung mit dem Fremden im Verständnis einer ars una andere poetische Ausdrucksformen als die tradierten zu finden, ist das Deckblatt des thematisch zielführend layouteten und außerordentlich erkenntnisreichen Katalogs. Mit der Collage Denkmal I: Aus einem ethnologischem Museum Nr. VIII (1924 – 28) in der hybriden Zusammensetzung aus dem Kopf einer gu-Maske, dem Torso der Göttin Uma und der Fotografie des Fußes der Schauspielerin Lilian Harvey provoziert und überschreitet Hannah Höch in bester Dada-Manier ästhetische Normen.

Die dialogische Inspiration, die die Dadaisten aus der Unmittelbarkeit der außereuropäischen Kunst  gewannen, ist in den bildkünstlerischen, skulpturalen Arbeiten in der Gegenüberstellung beispielsweise von Marcel Jancos Entwurf für eine Dada-Plakat (1916) und einer Männlichen Figur, lefem aus der Bagwa-Region (um 1900) sowie auch in den Lautgedichten, die die Klänge einer afrikanische Sprache zu neuen Text- und Sprechstrukturen primitivieren, nachvollziehbar.

Ein bisher wenig beleuchter Aspekt der dadaistischen Eruption zeigt sich in der Rolle des Jazz. Mit den amerikanischen Soldaten des 1. Weltkriegs kam diese Nicht-Musik aus New York und traf sich in Paris mit der Nicht-Kunst Dada. Improvisation und Eigensinn, wild und ungezügelt, als ungestüme Lärmmusik wahrgenommen, schien das Subversive und Ikonoklastische des Jazz Wasser auf die  dadaistischen Mühlen. Da die Jazzmusik mit ihrer futuristisch bruitistischen Anmutung afrikanischer Perkussionmusik und phonetischer Poesie neue Hörerfahrungen bot, wurde sie als ein dadaistisches Readymade antizipiert.

In Francis Picabias Arbeit L’œil Cacodylate (1921) findet dieser Tumulte noir mit dem von seiner Frau Gabrielle Buffet-Picabia auf die Leinwand geschriebenen Text – A Francis Picabia qui raconte des histoires de négre – einen interessanten Ausdruck. Interessant insofern, da noch bis zum 25. September im Kunsthaus Zürich die Ausstellung Francis Picabia. Eine Retrospektive zu sehen ist.

Wer sich auf den Weg macht, das eigene Fremde in sich selbst zu entdecken und sich angesichts globaler Wanderungsbewegungen vielleicht besser als bisher zu orientieren, hat in Dada Afrika über die ohnehin spannende Dada-Geschichte hinaus die Chance, eine dadaistische Perspektive in den Alltag mitzunehmen. Wer es nicht mehr in Zürich schafft, dem sei Berlin unbedingt empfohlen.

10.07.2016

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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