Alexander Calder & Fischli/Weiss – in der Fondation Beyeler balanciert und bilanziert

@ Peter E. Rytz 2016

@ Peter E. Rytz 2016

Wer nach Basel reist und an bildender Kunst interessiert ist, wird mit wechselnden Ausstellungen der  Fondation Beyeler in Riehen immer wieder aufs Neue von der Atmosphäre von Raum und Kunstwerk fasziniert sein. Sowohl von Renzo Pianos transparenter Architektur, als auch von den häufig überraschenden Perspektiven  sehr unterschiedlicher Ausstellungsprojekte.

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Häufig stellen die ausgestellten Arbeiten eine Kommunikation mit dem das Museum umgebenden Park und einer weitläufigen Wiesenlandschaft her.

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So wie Park und Sammlung mit Alexander Calders Werken von Anfang an nobilitiert sind, so sind die Arbeiten von Peter Fischli und David Weiss als Synonym für eine wichtige Facette schweizerischer Kunst der Moderne beim Übergang ins 21. Jahrhundert  zu verorten. Gemeinsam ist ihnen mit dem eine Generation jüngeren Calder das Interesse an labilen Gleichgewichten, genauer gesagt, bis zu welchem Punkt sie sich ausbalancieren und ein glückliches Ende verheißen. Und was passiert, wenn diese Stabilität sich als prekär erweist, sie verloren geht und sich eigendynamische Bewegungen vollziehen.

Wie und in welcher Form sich solche Gewissheiten als scheinbar gesichert zeigen, davon erzählt die Ausstellung Alexander Calder & Fischli/Weiss in der Fondation Beyeler noch bis zum 9. September 2016. Für Calder geht es dabei darum, diese Bewegungen zu harmonisieren und so eine neue Schönheit zu ermöglichen. Sein so entstandener dynamischer Kosmos dinghafter Mobile, die Jean–Paul Sartre einmal als lyrische Geschöpfe bezeichnet hat, wirkt, je länger man durch die Ausstellung geht, wie eine assoziative Steilvorlage für die Arbeiten von Fischli/Weiss.

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Wo Calder den Dialog mit dem Betrachter durch seine Formensprache sucht und manchmal hintergründig ironisch auch provoziert, ist der Dialogfür das schweizerische Künstlerduo mit gemeinsamen Wurzeln in der Punkbewegung der 1970/80ger Jahre gewissermaßen der essentielle Ausgangspunkt ihrer Kunst. Ihre Equilibres-Arbeiten wie Der Blütenzweig, 1986 oder Stiller Nachmittag, 1984 sowie Filmstills aus dem 16-Millimeter-Film Der Lauf der Dinge von 1987 antizipieren formal und suggestiv die Struktur der verdrahteten Figuren aus dem Cirque Calder wie Josephine Baker IV, um 1928 und The Brass Family, 1929. Die Lust am Versteckspielen sowie die damit einhergehende Irritation von Wahrnehmung ist wie ein Band, das die Arbeiten durchwirkt.

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Die lustvolle, unermüdliche Suche nach der Balance, die immer nur ein tempotemporärer Zustand sein kann, überträgt sich unmittelbar auf die Ausstellungsbesucher. Mit zustimmenden Kopfnicken und schmunzelndem Lächeln machen sie sich gegenseitig auf die irgendwie merkwürdig schwerelos wirkenden Verzauberungen einzelner Arbeiten aufmerksam.

Calders ausgeklügelte Gleichgewichte korrespondieren, respektive dialogisieren mit den fulminanten Formspielen von Fischli/Weiss. Fragilität als Moment von Ungewissheit und Unsicherheit, die vielen Arbeiten eigen ist, desavouiert gleichzeitig ihre Bedeutungshorizonte kontrapunktisch. Nichts muss so bleiben, wie es scheint: Pantha rhei.  Gleich dem Leben, das immer Prozess ist, hat Calder die Skulptur neu erfunden. Er hat sie, befreit von ihrer statischen Zentrierung, dynamisiert.

Wer eben noch vor Small Sphere and Heavy Sphere (1932/33) staunend stehen geblieben ist, wird im zentralen Ausstellungsraum von einem Calder-Skulpturen-Garten überwältigt. Die sich durch ihn bewegenden Besucher verlebendigen die einzelnen Arbeiten. Bewegte Bewegung: Densités, Circulation, Gémissement oblique.

Den Arbeiten von Fischli/Weiss haftet eine suchende Neugier an.  Nicht die Suche nach der richtigen Balance, sondern nach etwas, was mehr ist, nach einem eigentümlich Schönen prekärer Zustände, ist das Movens ihrer Arbeiten. Was passiert, passiert. Beinahe planlos, aber nicht zufällig.

Wer sich unvoreingenommen, nicht auf verlässliches Gleichgewicht hoffend auf Alexander Calder & Fischli/Weiss einlässt, hat die Chance aus der Fondation Beyeler mit einem neu justierten Gleichgewicht in den Alltag zurückzukehren.

31.07.2016

photo streaming Alexander Calder & Fischli/Weiss

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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