Fahllichtiger Trübsinn

@ Enrico Nawrath

Wer zu Trübsinn neigt, dem ist Katharina Wagners Tristan und Isolde in Bayreuth eher nur mit Vorbehalt zu empfehlen. Fahles Blaulicht taucht die Bühne in ein mystisches Halbdunkel. Nur für wenige Momente wird die Bühne ganz ausgeleuchtet. Es ist, als würden Vorhänge bewegt, um das Nachtdunkel, in dem sich Tristan und Isolde verbarrikadiert haben, mit dem Licht eines hoffnungsfrohen Tages zurückzudrängen. Alle Brücken nach draußen, ins Leben sind von Anfang abgebrochen. No Exit!

Der Augenblick, als sie sich in die Augen schauen, besiegelt ihr Schicksal: sie können dem Tod nicht mehr entgehen. Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, ist dem Tod schon anheimgegeben, heißt es im Gedicht Tristan von August von Platen. Für Richard Wagner ist Tristan und Isolde eine Handlung, die er musikalisch als innere Seelenbewegungen beschreibt.

Sie hat eine Zäsur in der Musikgeschichte gesetzt, die ihre Wirkung bis heute zeitigt. Nicht nur, weil Wagner kompositorische Motiv-Technik hier in besonderer Weise zu einer tiefen Emotionalität führt. Mit Tristan und Isolde macht Wagner seine Liebe zu Mathilde Wesendonck öffentlich auch zu einem öffentlichen Spektakel.

Fast alle äußere Handlungen, die auf der Erzählung Gottfried von Straßburgs fußen, sind nur narrativer Rahmen. Wagners Oper ist das immer wieder aufs Neue staunenswertes Ergebnis, für das Schweigen und Verschweigen angesichts des Unsagbaren an der Grenze zwischen Leben und Tod einen mythisch aufgeladenen, psychopathologischen Klangkosmos von grandioser Überzeugung geschaffen zu haben.

Katharina Wagners Inszenierung sucht für das Nicht-Sagbare eine Bildsprache, die letztlich ambivalent im Ungefähren stecken bleibt. Im 1. Akt irrt Tristan in einem an Escher-Räume mit ihren verschränkten Wahrnehmungsperspektiven erinnernden Unraum umher – Treppen, die ins Nichts führen oder temporär als Brücken-Mobile funktionieren. Tristans auswegloses Auf und Ab begleitet Isolde mit sehnsüchtigem Hoffen. Der zwischen lyrisch perlendem Sentiment und explosiv fordernder Expression changierende Sopran von Petra Lang, der in den Höhen mitunter etwas schrill überdehnt klingt, zeichnet Isolde als die aktiv Fordernde, wohl wissend um die im Leben unauflösbare Dialektik: Mir erkoren – mir verloren.

Als Brangänes heimlicher Todes-Liebestrank-Tausch wirkt, leuchtet das Bühnenlicht wie ein letzter Hoffnungsschimmer auf. Claudia Mahnkes Brangäne übersetzt Isoldes tödliche Sühneanmahnung an Tristan in eine empathische, mezzosoprane Klangsprache. Souverän und selbstbestimmt, wie es ihr in der Rolle möglich ist, gelingt Mahnke zusammen mit dem nachhaltig intonierenden Bariton Iain Paterson als Kurwenal, gepaart mit einem sparsam reduzierten gleichwohl nuancierten Spiel eine ambitionierte Rollengestaltung neben den Heroen des Abends.

Je unauflöslicher sich Tristan und Isoldes Seelen-Gefangenschaft entwickelt, um so größer scheint Katharina Wagners Bildernot zu werden. Eingesperrt in einen engen Raum, finden Tristan und Isolde für ihre Liebesbekenntnisse keinen Schutz. Die überdimensionierten, chromglänzenden Türgriffe an den Wänden erweisen sich als falsche Fluchthoffnungen. Selbst diesen Attrappen der Wirklichkeit können Tristan und Isolde nicht mehr entkommen. Von Wächtern auf der Wandkrone umstellt, die zu Beginn des 2.Aktes mit Licht-Spots das sich im Halbdunkel ihrer Liebe offenbarende Paar verfolgen, suchen sie im Schutz einer improvisierten Plane mit kleinen Lampen ihr eigenes Licht scheinen zu lasen. Kann man diesem Bild als Paraphrase auf den gläsernen Menschen des Medienzeitalters noch folgen, wird es auf dem musikdramatischen Höhepunkt immer abstruser. Mit dem von einem Opernbesucher in der Pause lautstrak als zusammen gefalteter Fahrradständer identifizierten Gebilde, das sich während Tristans und Isoldes Versprechen auf immerwährende Vereinigung im Tod bühnentechnisch in einen Käfig mit Brennelementen verwandelt, verläuft sich Wagner in der Ikonografie christlicher Erlösungsbilder.

Warum Tristan und Isolde, während sie in hymnischer Ekstase bekennen, nur um der Liebe willen zu leben, in Distanz zueinander mit den Brennelementen hantieren, bleibt Katharina Wagners Geheimnis. In pathetischer Pose heben Tristan und Isolde ihre Hände in die Höhe und zeigen ihre Wundmale. Allein die brillante Gesangskultur Stephen Goulds als Tristan zusammen mit Petra Langs Isolde rettet in dieser Szene die Oper musikalisch vor sich selbst.

Wie überhaupt, die Musik unter Christian Thielemann über allem zu schweben scheint. Das Festspielorchester folgt ihm bis in die extrem gedehnten Generalpausen, die insbesondere dem Tristan-Akkord eine nachhaltige, orchestrale Farbe geben. Das Blech glänzt triumphierend. Einzelne Takte forciert Thielemann allerdings mitunter im Fortissimo und deckelt den solistischen Gesang.

Die Enttarnung Tristans vor Marke gestaltet sich derweil vielleicht sogar zu dem sängerischen Glanzpunkt des Abends. Georg Zeppenfelds Bass als Marke hat insbesondere in den helleren Stimmfarben eine warme Grundierung und ist gleichzeitig verblüffend textverständlich. Zeppenfeld präsentiert sich sowohl als ein kompletter Sänger als auch als Schauspieler mit einem ausdrucksstarken Repertoire. Gould, der anders als die anderen Solisten ebenfalls textverständlich singt, gibt Tristan mit seinem Tenor eine tragische Sympathiefärbung.

Nach dem eskapistischen Aktionismus des 2. Aufzugs findet Katharina Wagner für Tristans Fieberphantasien im Abschlussbild assoziative Bildangebote, die man sich als durchgängiges Konzept gewünscht hätte.
Nach den technizistischen Bühnenbildkonstruktionen der ersten beiden Akte von Frank Philipp Schlößmann und Matthias Lippert reicht ein spartanisches Lagerfeuer am Rande der leer geräumten Bühne aus, um mit einer überzeugenden Lichtregie von Reinhard Traub Tristans Isolde zu imaginieren. Dreieckige Raumkörper, in denen Tristans Halluzination Isolde als Variationen von Puppen und Doppelgängerinnen sichtbar werden, scheinen temporär auf. Gould beeindruckt nach den bis dahin schon souverän gemeisterten Kraftanstrengungen mit charismatischem Gesang ohne Substanzverlust.

Mit der letzten Szene widerspricht Katharina Wagner ihrem Urgroßvater. Isolde bleibt nicht mild und leise beim toten Tristan. Marke zerrt sie vom Todeslager und geht mit ihr in ein dunkles Nichts. Das begeistert bis frenetisch applaudierende Publikum lächelt milde ihre Regietheater-Attitüde weg. Nach mehreren Bravi-Vorhängen für alle Solisten, wobei neben Lang und Gould Zeppenfeld besonders gefeiert wird, freut sich auch Thielemann über jubelnde Zustimmung für seine musikalische Leitung. Während des letzten Vorhangs versuchen einige wenige Buhs sich Gehör zu verschaffen. Es erscheint wie ein zaghafter Versuch, wider den Stachel zu löcken und Katharina Wagner auf die Bühne zu rufen. Es bleibt beim Versuch.

07.08.2016

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Über Peter E. Rytz Review

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