Spiritualität, tempi passati

@ Peter E. Rytz 2016

@ Peter E. Rytz 2016

Die Ruhrtriennale 2016 breitet ihre Arme aus. Mit dem Motto des diesjährigen Programms Seid umschlungen will sie – ihrem selbst verfassten Anspruch – nach die Menschen im Ruhrgebiet dezidiert erreichen. Das klingt vollmundig, aber so ganz vertraut sie diesem Motto allumfassend wohl selbst nicht.

Das Konzert Carré von Karlheinz Stockhausen in der Jahrhunderthalle Bochum mutet man dem Publikum nicht so ohne weiteres zu. Das künstlerische Produktionsleitungsteam um Martina Weber glaubt einen Ausweg aus diesem Dilemma gefunden zu haben. Unverhofft findet man sich in einem musikpädagogischen Weiterbildungsseminar wieder. Vor Konzertbeginn erklärt der Chefdramaturg der Ruhrtriennale Jan Vandenhouwe, Stockhausens kompositorische Überlegungen.

Um Stockhausens Idee einer musikalischen Raumskulptur besser verstehen und hören zu können, würde, so Vandenhouwe mit bedeutungsvoller Betonung, Carré nach der Pause ein zweites Mal zu hören sein. Das Publikum möge den Platz wechseln, um die langsamsten Veränderungszeiten und weitesten Räume differenziert nachzuhören.

Ein merkwürdig oberlehrerhaft klingender Hinweis, der außer Betracht lässt, dass auch jedes Konzert mit gängiger Orchester-Publikum-Raum-Anordnung von unterschiedlichen Plätzen aus unterschiedlich gehört wird. Der Raumklang eines jeden Live-Konzertes ist insbesondere durch die Architektur geprägt. Inwieweit es dabei auch gleichzeitig klangskulpturale Anmutungen gibt, sei dahin gestellt.

Ob Stockhausens Intention – Ich wünschte, diese Musik könnte ein wenig innere Stille, Weite und Konzentration geben; ein Bewusstsein dafür, dass wir viel Zeit haben, wenn wir sie uns nehmen – mit dem 1960 für vier Orchester und vier Chöre komponierten Stück Carré in der ehemaligen Werkhalle 4 an diesem Abend in Erfüllung geht, muss bezweifelt werden.

Der Komponist hat nach dem Ende des 2. Weltkrieges sowohl in der Kompositionstechnik als auch in der Musikpraxis die Stunde Null ausgerufen. Die bis dahin akzeptierte Konzertpraxis, in der Orchester und Publikum sich gegenüber sitzen, wollte Stockhausen durch eine  musikalisch skulpturale Rauminstallation aufgehoben sehen. Die Anordnung der Musiker um das Publikum oder vice versa sollte den Klang in einem Raum-Zeit-Kosmos kreisen lassen.

Unter denen, die sich an diesem Abend von Stockhausens Musik umschlingen ließen, ist nach subjektiver Beobachtung kaum ein Konzertbesucher auszumachen, der sich seinen selbstdefinierten Raummelodien, Raumintervallen oder Akkordketten zugemutet hat.

Selbst manchem sich kenntnisreich gebenden, laut applaudierenden Besucher steht nach dem Konzert eine gewisse Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben. Der leicht verzögerte, zaghafte beginnende Applaus mag Ausdruck für eine allgemeine Verunsicherung sein, ob denn jetzt wirklich das Konzertende erreicht sei.

Wer während des Konzerts die Augen durch den Raum schweifen lässt, sieht noch Teile der technischen Infrastruktur, wie die Laufkatze mit Hebewerkzeugen. Mit ein wenig Phantasie können die Arbeitsgeräusche einer vergangenen Arbeitswelt abgerufen und in Form von musique concréte mit Carré und einer gehörigen Portion guten Willens zur Deckung gebracht werden.

Die Bochumer Symphoniker, ebenso wie das ChorWerk Ruhr viergeteilt, auf vier Podien in den Ecken eines Karrees platziert und von den Dirigenten Rupert Huber, Matilda Hofman, Florian Helgath sowie Michael Alber geleitet, übersetzen die mathematisch kalkulierte Komposition stringent wie ein Uhrwerk. Carré, Musik wie aus der Tiefkühltruhe. Sie mag technisch perfekt instrumentiert sein, aber mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrer Uraufführung ist Carré heute so wenig provokant wie inspirierend. Es bleibt ein distanziertes Staunen über die Kunstfertigkeit des Zusammenspiels.

Eingerahmt vom Gesang der Jünglinge, eines von Stockhausens ersten Werken seiner neuen Musikauffassung aus dem Jahr 1955, das als Kultwerk der elektronischen Musik gilt sowie einer seiner letzten Kompositionen Cosmic pulses, der 13. Tag seines nicht vollendeten Tag-Nacht-Zyklus KLANG von 2007, erweist sich seine radikale Durchbrechung traditioneller Kompositionen. Er verstand sie als musikalisch spirituelle Aneignung galaktischer Universen.

Der Gesang der Jünglinge, von ihm in aufwendiger Handarbeit erstellt, indem er mehrere Tonspuren zu einer sogenannten Klangskulptur zusammengeklebt hat, ist musikhistorisch bemerkenswert. Das Band, jetzt gemeinsam mit den wartenden Musikern als Konzert zu hören, ist nicht mehr als eine respektvolle Reminiszenz. Beim zögernd zeitversetzten Applaus stellt sich Frage: Wem wird hier applaudiert? Der Maschine? Den Technikern am Mischpult?

Mit Cosmic pulses greift Stockhausen im wahrsten Sinne zu den Sternen. Nichts Geringeres als mit der Form eines Sternensystems, das von 24 Planeten umkreist wird, sucht er einen höheren Bewusstseinszustand zu evozieren. Er begreift sich mit Cosmic pulses als Empfänger und Transmitter höherer, überirdischer Vibrationen, wie im Programmheft zu lesen. Reine elektronische Musik, die vom reinkarnierten Reinheitsstreben des Stundengebets katholischer Klöster inspiriert ist. Die Komposition mutet wie eine Glossolalie als musikalische Variante an.

Nach mehr als 30 minütiger Abspieldauer ist der Spirit unterwegs verloren gegangen. Spiritualität, tempi passati.

19.08.2016

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Über Peter E. Rytz Review

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