Witwen-Galopp

@ Peter E. Rytz 2016

@ Peter E. Rytz 2016

Spätsommerliches Hoch über Potsdam. Der Pfingstberg ist in ein romantisch verklärtes  Abendsonnenlicht getaucht. Ein ideales Arrangement, um die Seele baumeln zu lassen. Der Wettergott hat es besonders gut mit Primadonna, dem Autonomen Frauenzentrum Potsdam an diesem Abend gemeint. Die Steilvorlage dieser grandiosen Kulisse kann das 20. Frauenfestival mit der szenischen Lesung Witwendramen allerdings nicht wirklich nutzen.

Drei Thalbach-Frauen-Generationen, angeführt von der Vollblutschauspielerin Katharina zusammen mit Tochter Anna und Enkelin Nelly, mischen einen Witwen-Cocktail aus einem ziemlich einseitigen Männer-Bashing. Männer sind der doofe, dämliche Ballast, den die Witwen mit dem Tod des Ehegatten abgeworfen haben. Jetzt endlich kann die Frau befreit durchatmen und durchstarten. Ihr Mann ist tot. Er lässt Sie grüßen.

Eugen Roth wird ebenso genüsslich zitiert – Witwen sind Frauen, die immer wissen, wo ihr Mann gerade ist -, wie die bis dahin gelebte Ehe als Desaster ausgemacht wird: Ein anständiger Mann stirbt mit 40, damit die Frau noch ein Leben hat. Überhaupt sei das Zusammenleben mit dem Mann ein Sterben aller Illusionen auf Raten gewesen. Deshalb ist es gut, dass das Sterben mit dem Tod des Mannes ein Ende hat.

Angestachelt durch einige Kleine Feiglinge, inszeniert Katharina Thalbach kabarettistische Kabinettstückchen, die die großzügige Lachbereitschaft des Publikums befeuern. Ihre Tochter Anna, aber insbesondere ihre Enkeltochter Nelly kann diesem schauspielerischen Furor kaum folgen. Sie sind über weite Strecken häufig nicht mehr als Stichwortgeberinnen. Am Ende die mokante Ernüchterung: Ich war ein kleiner Feigling.

Die nächste Botschaft lautet deshalb: Witwen müssen Trauerarbeit mit therapeutischer Unterstützung leisten. Kleiderschrank auf und sich riechend des Verflossenen zu erinnern, um Kraft zu tanken, ihn nachgelassen zu verlassen, ist das nächste Kapitel überschrieben. Denn, wie man weiß, leben Tote länger; vor allem im Kopf. So geht es in einem fort. Die Zielscheibe ist justiert. Die abgeschossenen Pfeile durchlöchern den Männerkopf auf ihr.

Möglich, dass es den Thalbach-Frauen bei der Programmkonzeption irgendwie klar geworden ist, dass es nicht genügt, eine Lachnummer an die andere zu reihen. Es werden  dem Cocktail Künstlerbiografien, witwenfixiert in grobem Holz geschnitten, beigefügt.

Yoko Ono ist Heroin und Hetäre zugleich, die John Lennons Werk gegen feindliche Übernahmen, beispielsweise von Paul McCartney, hartnäckig verteidigt. Alma Mahler-Werfel, die von Gustav Mahler nach der Hochzeit eingenordet wurde – Ich Komponist, Du lebende Gefährtin – nahm das selbstbewusst wörtlich und liebte sich durch die künstlerische Avantgarde. Das Ergebnis: Mahler wurde impotent.

Helene Weigel wiederum entschlüsselte Bert Brechts Gedicht Der Rauch als Zeichen an seine Geliebte: Sturmfreie Bude. Jetzt hasse ich das Gedicht, ihr bitterböses Resümee, dem Mann Brecht nachgeworfen.

Allein der aufflackernde Schein, Männern wenigstens ein Mindestmaß an Respekt zu zollen, verliert sich im teilweise kreischenden Lachen, mit dem nächsten Spruch. Was ist ein Mann in Salzsäure? Ein gelöstes Problem.

Letztlich bleiben Männer, was sie angeblich aus der Witwenperspektive schon immer sind: Fliegen, die gegen die Fensterscheibe klatschen –  nicht mehr als Sex-bessesene Kleingeister. Zu guter Letzt treffen sich drei Frauen zum gleichen Termin beim Testamentsvollstrecker. Mit Roy Blacks Schlager Schön ist es auf der Welt zu sein kolportieren Katharina und Anna – Nelly mimt kopfnickend Zustimmung – die Witwendramen aus einer unausgewogenen, mitunter die Grenzen des guten Geschmacks streifenden Gleichberechtigungsperspektive. Eine vergebene Chance, dem Thema zumindest ein wenig Respekt und Ernsthaftigkeit zuzugestehen. Und wie werden die Witwen im Publikum sich dabei tatsächlich gefühlt haben?

08.09.2016

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Über Peter E. Rytz Review

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