Sphärisches Raunen, mystische Verklärung

@ Bettina Stöß 2016

@ Bettina Stöß 2016

Wer ist Rued Immanuel Langgaard, mag sich mancher in der Philharmonie Berlin gefragt haben? Der dänische Komponist, der von ehrgeizigen Eltern als Wunderkind zu Beginn des 20. Jahrhunderts geformt und ins Wettrennen der klassischen Musik geschickt wurde, ist heute fast vergessen.

Seine Komposition Sfaernes Musik für Orchester, Chor und Soli, 1916 – 18 komponiert und 1921 in Karlsruhe uraufgeführt, ist eine musikalisch radikale Reflexion der Folgen des 1. Weltkrieges. Avantgardistisch ambitioniert. Richard Wagner im Nacken, Arnold Schönberg im Visier. Von György Ligeti in den 1960ger Jahren nach jahrzehntelangem Dornröschenschlaf als legitimen Vorläufer für die neue Musik wiederentdeckt, hat sie Donald Runnicles mit dem Orchester der Deutschen Oper Berlin jetzt im Rahmen des Musikfestes Berlin mit viel Engagement aufgeführt.

Sfaernes Musik verlangt aufführungspraktisch mit großem Orchester, inklusive vier Pauken, einem kammermusikalischen Fernorchester sowie Chor noch drei Solistinnen einen immensen Aufwand. Gleichzeitig ist Langgaards Spärenmusik nichts groß genug. Sie ist nichts weniger als der Versuch, das Universum und seine fernen Galaxien mit einem endzeitlichen Erdenbewusstsein zu verbinden.

Tomi Mäkelas musikgeschichtliche, im Programmheft abgedruckte, extra für das Konzert in der Philharmonie verfasste Einordnung der Komposition kann man als Ausdruck einer gewissen Unsicherheit hinsichtlich ihres kompositorischen Stellenwerts lesen. Es macht jedenfalls grundsätzlich misstrauisch, wenn die Bedeutung von Kunstwerken durch ausführliche Erklärungskontexte legitimiert wird.

Runnicles entgeht von Anbeginn der Pathetik von Sfaernes Musik. Empathisch sucht er in den über eine schier unendliche Zeit an- und abschwellenden extremen Pianissimo-Passagen einen Mittelweg von mystischer Verklärung und kraftvollem Aufleuchten. Das Orchester folgt ihm bis in die kaum noch hörbaren  Spärenschichten, wie es auch in den Fortissimo-Kaskaden die Tonspur hält. Obwohl es nicht leicht ist, in Langgaards symbolisch aufgeladener Komposition Kurs zu halten, sich nicht in synästhetische oder krypto-religiöse Untiefen zu verlieren, verliert Runnicles nie die Übersicht. Er macht die Partitur durchscheinend hörbar.

Für Solisten und Chor ist Sfaernes Musik keine wirklich dankbare Aufgabe. Ihre klangliche Farbigkeit und dramatische Akzentuierung schien Langgaard offenbar konzeptionell wesentlich, ohne sie überzeugend einzulösen. Am Ende ist viel Aufwand und Engagement, viel Weltraunen zu rekapitulieren, ohne zu überzeugendem Vollklang zu gelangen.

Ist Runnicles bei Langgaard einer pathetischen Tongrundierung entgangen, gelingt ihm das bei der konzertanten Aufführung des 1. Aktes von Richard Wagners Oper Die Walküre nicht uneingeschränkt. Das ist vor allem dem Tenor Peter Seiffert geschuldet. Seiffert braucht zu Beginn einige Zeit, um sich als Siegmund zu finden. Nicht von Anfang an hoch konzentriert, kompensiert er seinen Gesang mit einem pathetischen Überschuss. Je länger das Konzert dauert, umso mehr gewinnt er jene tenorale Ausdruckskraft und -vielfalt, die ihn als exzellenten Wagnersänger auszeichnet.

Gravitationszentrum des Konzerts ist eine unvergleichliche Anja Harteros in Hochform an diesem Abend. Ihr rotes Oberteil wirkt wie ein Fehdehandschuh, den sie Seiffert und Georg Zeppenfeld in den Walküren-Ring wirft. Ihr Sopran hat eine geschmeidige Wärme, vermischt mit einem Carmen-Temperament, der ihrerSieglinde eine unwiderstehliche Strahlkraft gibt. Von Wagner so vielleicht nicht gedacht, von Harteros mit großer Selbstverständlichkeit präsentiert.

Zeppenfeld, von vielen als der diesjährige Bayreuth-Liebling ausgemacht, ist ein extraordinärer Bassist. Auch wer ihn noch nicht auf der Bühne erlebt hat, wird gleich beim ersten Ton in seinen Bann gezogen. Hohe Textverständlichkeit, wie sie auch bei Harteros zu hören ist, und sein sonor vibrierender Bass verleihen Hunding eine verhängnisvoll überschätzte Souveränität. Zeppenfelds sängerische Artikulation mutet an, als würde er Hundings Persönlichkeit Ton für Ton zerbrechen.

Runnicles lockert nach einer kraftvoll aufpeitschenden Ouvertüre die Zügel. Mit einem differenzierten Orchesterklang gemeindet er die Solisten in Wagners  Walkürenwelt ein. Dramatisch hochfahrend wie auch im lyrischen Adagio innehaltend, navigiert Runnicles das Orchester der Deutschen Oper Berlin sowie Harteros, Seiffert und Zeppenfeld souverän durch Wagners Partitur. Runnicles verzahnt das Walküren-Leitmotiv antizipatorisch mit dem Siegfrieds in einem ahnungsvollen Klangkosmos.

Gern wäre man ihm mit dieser dirigistischen Handschrift in die nächsten Akte gefolgt. Aber auch so gibt es zu Recht am Ende einen überschwänglichen Applaus.

10.09.2016

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Über Peter E. Rytz Review

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