Die Fremden im Staub der Zeit

@ Peter E. Rytz 2016

@ Peter E. Rytz 2016

Wo vor einem Jahr noch malocht wurde, hat die Ruhrtriennale 2016 diesen Ort als Spielstätte entdeckt. Die Kohlenmischanlage, Zeche Auguste Victoria, Marl war über Jahrzehnte eine Adresse, die den Bergleuten und ihren Familien ein einträgliches Einkommen sicherte. Wenig gutes Geld, verdient unter noch weniger guten Arbeitsbedingungen. Für einige die Staublunge gratis dazu.

An diesem für die allermeisten Theaterfreunde fremden Ort dekliniert Johan Simons den Begriff der Fremdheit durch. Wer ist fremd? Wie wird jemand in der Wahrnehmung anderer zum Fremden? Sind wir letztlich nicht alle Fremde in dieser Welt? Nur heimisch für eine begrenze Lebenszeit, wo auch immer, rieselt der Sand im Stundenglas bis zu letzten Moment.

Leer geräumt bis auf eine riesige, mobile Trommel, ist jetzt die Kohlenmischanlage. Allein der Kohlenstaub hat den Kulturwandel überstanden. Jeder Besucher von Simons‘ Inszenierung Die Fremden wirbelt mit jedem Schritt den Staub auf. Er legt sich im Laufe der Aufführung, wenn die Schauspieler ihn durch die Hände rieseln lassen und ihn mit ihrem aktionistischen Spiel zu einer Wolke verdichten, als schwärzlicher Film auch auf die Zuschauer. Ebenso auf die Musiker des Ensembles Asko/Schönberg mit ihrem Dirigenten Reinbert de Leeuw und ihre empfindlichen Instrumente. Dass sich die Schauspieler, aber insbesondere die Musiker auf das Spiel mit und im Staub eingelassen haben, erklärt sich offenbar allein durch die argumentative Kraft  von Simons Inszenierungsperspektive. Soviel Staub ist nirgends.

In der Inszenierung nach dem Roman Der Fall Mersault – eine Gegendarstellung von Kamel Daoud besitzt der Staub eine doppelte Metaphorik. Leben, verstanden als Entstehen und Vergehen, ist die Materialisation von winzigen Zellen zu einem lebendigen Organismus bis zu ihrem Zerfallen. In der Bibel heißt es: Denn der Staub muss wieder zu der Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat.

Gleichzeitig assoziiert der durch Schiene begrenzte, mit Staub bedeckte Raum einenStrand, an dem der Araber von einem Franzosen namens Mersault aus einer Laune heraus erschossen worden war. So hat es Albert Camus in seiner 1942 veröffentlichten Erzählung Der Fremde beschrieben. Das Opfer, ein namenloser Mensch, irgendein Araber, der für die französische Kolonialbehörde auch im Mersault-Prozess nur ein Fremder ohne Namen ist.

Daouds literarische Gegendarstellung ist eine beeindruckende Paraphrase, als würde ein Zeigefinger auf die Fremden, auf das Fremde im Eigenen zurückweisen. Das Eigene muss so gut gelernt sein, wie das Fremde, zitiert das Programmheft Friedrich Hölderlin – und damit Simons Überzeugung. Seine Inszenierung Die Fremden zeigt auf eindrucksvoll nachhaltige Weise, wie die von nicht wenigen Menschen ausgemachten Fremden auf sie selbst verweisen.

Die Fremden ist eine Versuchsanordnung, in der die faktische Absurdität des Lebens mit sich religiöse heilvoll gebenden und unheilvollen, individuellen Vorteil gegenüber anderen suggerierenden Glücksversprechungen abgeglichen wird. Das ist in der theatralen Artikulation durchaus brisant. Blasphemische Akzentuierungen nicht scheuend: Ich hasse alle Religionen, bekennt der von Daoud erfundene Haroun, der Bruder von Moussa, dem Opfer.

Simons‘ Inszenierung, so holzschnittartig und stereotyp sie mitunter schwächelt, stellt uns essentielle Fragen auf dem Hintergrund der globalen Wanderungsbewegungen überwiegend aus arabischen Kriegs- und afrikanischen Konfliktgebieten, ohne einfache Antworten vorschnell zu geben.

Das Schauspielerensemble um Sandra Hüller mit Pierre Bokama, Benny Claessens, Elsie de Brauw und Risto Kübar wird der Dimensionalität des Raumes und des Themas nicht durchgehend mit seinem Spiel gerecht werden. Vielleicht auch nicht werden kann, weil es mit merkwürdig unmotiviert anmutenden, choreografierten Tanzbewegungen in Stereotypen der Inszenierung gefangen ist?

Hüller & Co spielen Haroun in fünf Varianten. Haroun ist Subjekt und gleichzeitig intersubjektive Perspektive, die den Einzelfall zum allgemeinen durch Hüllers Meriem, die Analytikerin auf den Spuren des namenlosen Arabers, projiziert. Den Blaumann unter blauem Himmel, wie sie sich als Dienstleister in Arbeitskleidung, hinter der die Individualität verschwindet, in den klischiertes Anfangsbildern zeigen, ziehen sie ihn, den Blaumann bald aus. In der Fremden-Vielfalt wird der Einzelne jetzt sichtbar.

Die Gewalt und den Zynismus hinter den Camus-Dahoud-Texte unterstreichen bildmächtig Bild- und Filmsequenzen aus dem Algerienkrieg der französischen Kolonisatoren. Im 2. Teil fährt die mächtige Maschine in den Hintergrund, auf über 200 Meter vergrößert sich der Raum in ein kathedrales Universum. Ein Breitwand-Screen senkt sich und zeigt in der Halle Filmsequenzen von Aernout Mik. Kontrastreich überhöhen sie das Exemplarische des einzelnen, des fremden Arabers, Moussa in ein Heute-Tableau. Man sieht Menschen in provisorischen Unterkünften, bewacht von Polizei und Security, wobei die Szenerie nicht eindeutig zuzuordnen ist.

Flüchtlingsunterkunft und Obdachlosenheim zugleich, ein transitorischer Unort, dessen Bewohner irgendwie als Gestrandete anmuten. Gestrandet diesseits und jenseits eines imaginären Strandes, dessen Bewohner auch wir sind?

Text und Bild werden durch das Orchester Asko/Schönberg musikalisch justiert,  eingerahmt durch Musik von Mauricio Kagel, Die Stücke der Windrose, und das Kammerkonzert (1969 – 1970) von György Ligeti, emotional und kognitiv reflektiert. Ist Reinbert de Leeuw bei diesen Kompositionen mit seinem Gespür für Tonhöhe und Kontrast zu dem gesprochenen Wort, das die Musik immer wieder zäsuriert, ein empathischer Dirigent, gelingen ihm mit Bouchara für Sopran, Ensemble und Tape (1981) von Claude Vivier meditativ inspirierende Spannungsbögen. Katrien Baerts legt ihren Sopran geschmeidig und kraftvoll auf die orchestrale Klangfläche. Diese Magie der Musik lässt die Halle fernab von alltagsstaubigen Ressentiments funkeln.

Das beklemmend Dichte, die unfassbare Unmittelbarkeit des Lebens zwischen Fremdheit und Vertrautheit unterminieren durch das Sounddesign von Will-Jan Pielage mit beiläufigem Meeresrauschen und Schiffsignal die Hoffnung, einen lebenslang sicheren Ankerplatz zu finden.

Der Staub lässt sich auch nach Verlassen der Kohlenmischanlage, Zeche Auguste Victoria, Marl nicht einfach abschütteln. Die fremde Auguste Victoria bleibt solange bei uns, wie wir sie allein als Kohlenmischanlage, als eine technische Maschine verstehen. Auguste Victoria kann auch ein Mensch sein, wie Johan Simons mit Die Fremden zeigt.

12.09.2016

photo streaming Die Fremden

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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