Medea. Matrix, ein Parcours zwischen Enter und Exit

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Das Theater der Susanne Kennedy unterläuft gängige Erwartungen. Das Publikum wird zum Mitspieler. Kennedys Inszenierungen verlangen eine Bereitschaft, nicht nur Platz zu nehmen und zuzuschauen, sondern sich durch Bühnenräume bewegend in die Aufführung einzufühlen.

Für Inszenierungen bei der Ruhrtriennale hat sie ihre Idee eines theatralen, installativen Parcours entwickelt. Dafür wählt sie Räume aus, in denen die fragmentarischen Sequenzen nach ihren textanalytischen Untersuchungen von mythologischen Stoffen, auf Kernaussagen reduziert, widerhallen. Das war 2015 mit der Inszenierung von Orfeo (vgl. Eurydike untot, Orpheus desorientiert – eine künstlerische Versuchsanordnung vom 22.08.2015, daselbst) so, als sie die Mischanlage Kokerei Zollverein Essen mit dem ehemaligen Wiegeturm zu einem Orpheus-Eurydike-Unterwelt-Parcours verwandelte.

Für ihre Medea-Interpretation zusammen mit dem Künstler Markus Selg nutzt Kennedy jetzt die Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg-Nord. Gedränge am Einlass; grüppchenweise geht es über Eisentreppen nach oben. Enter! leuchtet ein Signalpfeil auf. Der Parcours beginnt auf der Bühne. Auf einem der  Video-Screens, die von der Decke hängen sowie vier Bogenfenster bespielen, ist Psalm 42, 5 aus der Bibel zu lesen: Was betrübst Du Dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?

Der Weg führt entlang von verwelkten Blumen und Früchten, von abgelegten Kleidern und Müllresten (der Geschichte?). Frauen in Ganzkörpermasken, wie Kennedy sie auch in Orfeo verwendet hat, säumen in antikisierenden Kostümen von Lotte Goos den Weg. Bedeutungsvoll rollt ein Ei in einer Blechschüssel, die einige Frauen in den Händen halten. Auf den Screens wechseln fremdartige Schriftzeichen mit Abbildungen der Medea-Sage auf Sarkophagen, Urnen oder Gemmen von griechischen und römischen Künstlern, untermischt von Meeresrauschen.

Auf einem Podest neben einer Projektionsfigurine, erhöht, liegt Medea. Ihr Blick ist nach oben in den wie eine Kathedrale anmutenden Raum gerichtet. Passend dazu wird mit anhaltendem  Glockengeläut der Aufführungsbeginn angezeigt.

Birgit Minichmayr erhebt sich; sie ist Medea. Angetan mit einem schwarzen Bikini und einer Schwangerschaft assoziierenden Bauchattrappe, steht sie fortan breitbeinig in Front zu den Zuschauern während der 60 Minuten dauernden Aufführung. Die Screens inklusive derjenigen, die die Bogenfenstern bespielen, zeigen einen Wald in Slow Motion, der von historischen Filmdokumenten abgelöst wird. Menschen in übervoller Enge irgendwo in Asien auf Booten und mit Transportkarren zu Land sind zu sehen.

Minichmayr spricht überwiegend im indirekten Dialog mit dem Chor der Frauen Texte der Bibel, von Euripides und Seneca, von Friedrich Nietzsche, Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, von Lars von Trier, aus dem Tibetanischen Totenbuch sowie aus verschiedenen Internetforen. Nur wenige Male wendet sie sich mit einer Kopf- oder Körperdrehung dem Chor direkt zu. Aus dem Off werden die Stimmen bis zu einem unentschlüsselbaren Rauschen elektro-akustisch überlagert und deformiert. Teilweise ist Textverständlichkeit nur über die eingeblendete englische Übersetzung zu erreichen. Über diesem Stimmen-Tohuwabohu erhebt sich Minichmayrs mit nonchalantem Unterton erzählende, nüchtern analysierende Stimme; nur selten verströmt sie einen Hauch von erregt betroffener Emotionalität.

Texte und Bilder überfluten wie nummerierte Vortragsmanuskripte die Wahrnehmung des Publikums. Keine Medea-Erzählung in mythologischer Nähe zu Euripides, Seneca oder nachfolgenden literarischen oder auch psychoanalytischen Versuchen, einen Medea-Komplex zu formulieren.  Kennedy und Selg transformieren die über 2.500 Jahre alten, unterschiedlich konnotierten Medea-Erzählungen in eine von ihnen entwickelte dramaturgische Struktur: Medea.Matrix. Die kultische Welt versus die digitale Welt.

Die Bezeichnung Matrix in ihrer Doppeldeutigkeit – technisches Ordnungsraster als auch Wortbedeutung der lateinischen Mater, die Mutter, die Gebärende – fokussiert Medea auf die Gegensätze als Mythos der ratwissenden Zauberin, Rächerin, Priesterin und Liebenden sowie als Frau heute, die die Archaik des Lebens zwischen Gebären und Zerstören, von Schöpfen und Vernichten selbstbestimmt überwindet.

Die dramaturgische Intention, mit der mythologisch ambivalent aufgeladenen Figur der Medea Möglichkeiten, eine leidenschaftliche Frau mit einem Anspruch auf Selbstbestimmung darzustellen, verkümmert letztlich aber in einer polemischen Einbahnstraße, die von Schlaglöchern übersät ist. Allein die Löcher zu stopfen, ist weder hinreichend noch nachhaltig.

Medea.Matrix ist eine inszenatorische Kraftanstrengung, die dem Publikum mit blauem Scheinwerferlicht, das zwischen Bühne und Zuschauer schwenkt, mit ausufernden Bildmetaphern und am Ende mit infernalisch lauten Klängen ihren Überzeugungskosmos brachial vor Auge, Ohr und Herz des Publikums stellt.

Pain says: Run away!, von Medea-Minichmayr angesichts fremd zugemuteter Wehen wie ein Schlachtruf mit Unterstützung des Chores formuliert, ist niemand in der Aufführung in falsch verstandener Spontaneität gefolgt.

Ob sich die vom Dramaturgen Vasco Boenisch nach der Einführung ausgegebene Erwartung, Medea, die Zerstörerin der Welten erwartet Sie! erfüllt hat, verhallt am Ende im pathetischen Kirchenglockenklang ungehört. Exit! Zeigt, wo es in die Alltagswelt, nach draußen geht.

19.09.2016

 

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Über Peter E. Rytz Review

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