Manuskript zum Audiobeitrag Norma für Opernnetz (Schnitt und Ton: Michael Zerban)

@ Peter E. Rytz 2016

@ Peter E. Rytz 2016

Teaser:
Eingespieltes Team – Essen – Sie haben bereits mehrere Opern gemeinsam inszeniert. Am 8. Oktober stellen die Schauspielerin Imogen Kogge und der Kostüm- und Bühnenbildner Tobias Hoheisel ihre nächste Arbeit, diesmal am Aalto-Musiktheater, vor. Peter E. Rytz hat mit beiden über die Besonderheiten ihrer Regie und die Herausforderungen von Vincenzo Bellinis Norma gesprochen.

Headline:
Tatort Gallien

Musik 1
Norma, Ouvertüre

Hoheisel 1:
„In jeder normalen Theaterarbeit gibt es einen Regisseur, da gibt es einen Bühnenbildner. Und die beiden besprechen sich, erforschen das Stück im Vorfeld und entwickeln dann ihre Ideen. Und bei uns ist das nicht anders. Nur, es ist insofern anders, als dass wir natürlich, wie vielleicht bekannt, nicht in erster Linie Regisseure sind, sondern in meinem Fall eben Bühnen- und Kostümbildner und in Imogens Fall Schauspielerin.“

Autor 1:
Bei der Inszenierung von Vincenzo Bellinis Oper Norma setzt das Aalto-Musiktheater Essen zur Eröffnung der Spielzeit auf eine ungewöhnliche Lösung. Intendant Hein Mulder hat Imogen Kogge und Tobias Hoheisel beauftragt, die Geschichte der gallischen Druidin neu zu erzählen.

Kogge 1:
„Die Vorgehensweise unterscheidet sich eben nicht wirklich, nehme ich an, von anderen. Vielleicht sind unsere Blickwinkel bisschen anders eingestellt, ja? Manchmal. Vielleicht. Ich bin ja nicht in anderen Menschen drin.“

Autor 2:
Imogen Kogge ist einem Millionenpublikum unter anderem als Kriminalhauptkommissarin Johanna Herz an der Seite von Polizeihauptmeister Horst Krause und seinem Hund aus der Fernsehserie Polizeiruf 110 bekannt. Weniger geläufig ist, dass sie mit Hoheisel bereits etliche Opern inszeniert hat wie etwa Ariodante und Madama Butterfly in den Niederlanden, die Entführung aus dem Serail und Zwei Witwen in Schottland oder zuletzt Anna Bolena in Köln. Hoheisel, der vor allem in England für seine Bühnen- und Kostümausstattungen bekannt ist, sieht die Rolle des Bühnenbildners weiter gefasst.

Hoheisel 2:
„Als Bühnenbildner ist man immer auch Regisseur. Auch wenn das vielleicht nicht so bekannt ist. Aber speziell in der Oper spielt das Visuelle eine, würde ich mal sagen, größere Rolle als im Sprechtheater. Und in dem Augenblick, in dem man Räume erfindet, und zwar natürlich in Zusammenarbeit mit dem Regisseur, ist man auch Regisseur. Und es ist ja auch nicht so, dass ein Regisseur zum ersten Treffen mit dem Bühnenbildner kommt und sagt: Also der Raum ist grün, und die Türen sind links. Das entwickelt sich ja im Laufe der gemeinsamen Arbeit. So zumindest in meiner Erfahrung und so, wie ich gerne arbeite. Also ist das immer eine letzten Endes untrennbare Arbeit.“

Kogge 2:
„In unserem Falle gibt es keine Aufteilung bei der konkreten Inszenierungsarbeit. Also es ist nicht so, dass ich jetzt mich um die Sänger kümmere und Tobias um das Übrige, sondern, nein, es wird alles, was die Inszenierung angeht, gleichermaßen gemacht.“

Musik 2
Norma, Casta diva, Callas

Autor 3:
Die Entscheidung, ob die Titelrolle mit einem Sopran und Adalgisa, ihre Gegenspielerin, mit einem Mezzosopran zu besetzen sei oder umgekehrt, ist für viele Menschen seit 1948 geklärt. In diesem Jahr trat Maria Callas zum ersten Mal als Norma auf. Für Hoheisel und Kogge stellte sich die Frage nicht, weil die Rollenbesetzung vom Haus vorgenommen wurde. Aber gerade damit zeigen sich die beiden hochzufrieden.

Hoheisel 3:
„Also Katia Pellegrino ist deutlich ein Sopran. Und die Bettina Rank, die die Adalgisa singt, ist eindeutig ein Mezzosopran. Trotzdem sind meiner Meinung nach die Stimmen gut kontrastiert, weil Bettina eine sehr junge Sängerin ist, die sich auch zum ersten Mal in dieses Fach wagt. Und Katia eine unvorstellbare Erfahrung mit dieser Partie hat. Die hat sie nämlich in vielen Inszenierungen und viele Jahre gesungen. Was, wie man so schön im Englischen sagt, Money in the Bank ist, weil diese Partie ist so komplex in jeder Beziehung, also stimmlicher, musikalischer, aber auch emotionaler Weise. Also insofern geht das hier, finde ich, sehr schön auf.“

Musik 3
Norma, Adalgisa

Autor 4:
Wenn Imogen Kogge an die Musik denkt, die vom jungen Giacomo Sagripanti und den Essener Philharmonikern interpretiert wird, bringt sie die Kunst dieser Belcanto-Oper auf den Punkt.

Kogge 4:
„Er ist ein sehr junger Dirigent. Sehr gut vorbereiteter, sich sehr gut auskennender Dirigent, der eben auch das, wirklich in unserem Sinne, das vorwärtstreibt, indem er die Spannung, das Federnde, das Spannende, die Akzente, also nicht das Soßige, sage ich jetzt mal überspitzt oder das Sentimentale, sondern das Differenzierte, das Aufgeregte dazwischen und die starken Kontraste herausarbeitet. Und das ist einfach wesentlich für diese Arbeit. Weil es doch, sagen wir mal, eine relativ vom Optischen her doch eine relativ statische Angelegenheit ist. Und je mehr Lebendigkeit vorhanden ist, desto mehr hilft es einem und bereichert es.“

Autor 5:
Auch Tobias Hoheisel verlässt sich zunächst einmal ganz auf die Wirkung der Musik.

Hoheisel 4:
„Für mich als Bühnenbildner ist sowieso Musik in erster Linie der Zugang zu einem Werk. Das erweitert sich natürlich im Laufe der Arbeit. Dass man selbstverständlich sehr genau und akribisch den Text lesen wird, dass man sich um das Umfeld der Komponisten bemüht und sieht, was haben die gehört, was haben die gesehen, was wurde gebaut, was wurde gemalt, was wurde gelesen. Aber die Musik ist der erste Zugang in dieser Arbeit. Und ich kann für mich nur sagen, wenn das nicht funktioniert, dann lasse ich auch lieber die Finger davon.“

 Autor 6:
In seiner achten Oper wollte Bellini Text und Musik als unauflösliche Einheit erscheinen lassen und schuf damit eine neue Musik, die einige Jahre brauchte, bis sie den gewünschten Erfolg zeitigte. Umso wertvoller erscheint Kogge die Arbeit damit in der Gegenwart.

Kogge 3:
„Für alle, die sich für Opern interessieren, ist das einfach ein Juwel, was man sich angucken sollte. Zumal diese Oper an sich ja lange Zeit nicht so unbedingt auf dem Spielplan zu finden war. Jetzt verstärkt, vermehrt. Aber das tut ja dem Werk keinen Abbruch. Es ist eine etwas krude Handlung, aber durchaus verständlich, und das geht einher mit einer bezaubernden, fantastischen, einzigartigen Musik.“

Musik 4
Norma, Kriegschor Nr. 12

Autor 7:
Wenn es so etwas wie eine Botschaft der Norma gibt, dann ist es vielleicht für die heutige Zeit die, dass Kinder über allen Konflikten der Erwachsenen schützenswert sind. Egal, ob sie aus Gallien, Syrien oder Afghanistan stammen. Peter Rytz für Opernnetz

07.10.2016
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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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