Kammermusiktage in Ahrenshoop – Rekreation und Kreation

@ Peter E. Rytz 2016

@ Peter E. Rytz 2016

Das Wetter meint es in diesen Oktobertagen mit dem Ostseebad Ahrenshoop nicht gut. Windig und regnerisch treibt es letztlich auch diejenigen Strandwanderer in die warme Stube, die trotz steifer, auffrischender Windbrisen ihren Optimismus nicht sofort aufzugeben bereit sind.

Aber es gibt in Ahrenshoop nun schon zum 6. Mal eine kulturelle Alternative. Schon am Ortseingang flattert unübersehbar die Ankündigung 6. Ahrenshooper Kammermusiktage, 15. – 23. Oktober 2016 über der Straße. Engagierte Männer und Frauen, die das Erbe des 1889 von den Malern Paul Müller-Kaempff und Oskar Frenzel begründeten Künstlerdorfes in der Verbindung von Kunst, Lesung, Film und Musik nachhaltig lebendig halten wollen, haben um den Vorsitzenden der Kulturstiftung Ahrenshoop e.V, Martin Wiemann die Kammermusiktage ins Leben gerufen. Mit dem Pianisten Cristian Niculescu hat die Stiftung einen künstlerischen Leiter gefunden, dem es immer wieder gelingt, sowohl renommierte als auch aufstrebende Musiker, die erst am Beginn ihrer Karriere stehen, nach Ahrenshoop zu holen.

Zwei Konzertabende mögen das stellvertretend für die kammermusikalische Vielfalt sowie für die Virtuosität und Spielfreude an verschiedenen Aufführungsorten verdeutlichen. Im vor einem Jahr eröffneten, von dem Berliner Architekten Volker Staab entworfenen Kunstmuseum spielt der 25jährige Alexey Stadler ein Cello Solo Programm zwischen Tradition und Moderne. Umrahmt von Johann Sebastian Bachs Suiten für Violoncello solo Nr. 1, BWV 1007 und Nr. 3, BWV 1009, ergänzt mit der Zugabe der Sarabande aus der 2. Suite, überzeugt Stadler mit ausdruckstarker Interpretation der Sonate für Violoncello allein, op. 25/3 (1922) von Paul Hindemith und der Sonate pour Violoncelle Seul, c-moll, op. 28 (1924) von Eugène Ysaÿe. Er verknüpft damit Tradition und Moderne, wie sie für das Kunstmuseum selbst stehen, musikalisch assoziativ.

Obwohl Stadler trotz seines jungen Alters schon mit großartigen Musikern wie Gidon Kremer, Yuri Bashmet oder Christian Tetzlaff zusammen musiziert hat, ist dieser Abend  ein besonderer. Erst seit wenigen Tagen hat der Künstler durch die Gönnerschaft Hamburger Musikliebhaber ein Cello des Augsburger David Tecchler von 1715 zur Verfügung. Es ist mit diesem Instrument seine Premiere bei den Kammermusiktagen in Ahrenshoop. Obwohl es in der Regel eine geraume Zeit braucht, bis Cello und Musiker zu einer Klanggemeinschaft zusammenwachsen und ihren ganz eigenen Ton finden, ist das Klangerlebnis respektabel überzeugend.

Davon ist offenbar auch ein 11jähriges Mädchen begeistert, die, wie sie dem neben ihr sitzenden Rezensenten verrät, selbst seit fünf Jahren Cello-Schülerin ist. Immer wieder strahlt sie ihren Vater zunickend an. Wie Stadler Bachs Harmonik genussvoll in Crescendo-Betonungen lyrisch zelebriert, so leiht er expressiv kraftvoll der Hindemith’schen Weltzertrümmerungswucht bis zum letzten, dezidiert gesetzten Ton eine aggressive Cello-Vibrato-Energie. Bei Ysaÿe scheint Stadler sein neues, altes Cello schon ziemlich im Griff zu haben. Die Kontraste der Sonate setzt er im Wechsel von Presto und Adagio abgestimmt und ausgewogen nebeneinander. Im Foyer des Kunsthauses breitet sich ein dichter Ysaÿe-Klang aus, der wie ein philosophischer Exkurs mit Musik anmutet.

Das Kammerkonzert mit Maurizio Baglini, Klavier und Silvia Chiesa, Cello am nächsten Tag im Hotel The Grand ist ein doppeltes Kontrastprogramm. Wo am Abend zuvor das Kunsthaus einen stimmiger kammermusikalischen Raum bot – das Gemälde Die Badende auf Hiddensee von Ivo Hauptmann aus dem Jahr 1931 konnte man im Selbstverständnis der Kammermusiktage, die Künste miteinander zu verbinden, als assoziative Kommentarebene  zu Stadlers Musizieren sehen -,  will sich dieses inspirierende Flair im Hotel The Grand nicht einstellen. Die Kleinbühne,  in einem Eckraum eher versteckt als repräsentativ einladend, wirkt merkwürdig unterkühlt. Man vermisst jene kammermusikalische, intime Klangatmosphäre, die die  Kammermusiktage eigentlich versprechen.

Den zweiten Kontrastpunkt bietet ein musikalischer Vergleich. Chiesa spielt ebenfalls die Bach-Suite Nr. 1 wie tags zuvor Stadler. Bei Stadler eine impressionistische Klangfülle, die das Expressive seines Tecchler-Cellos in situ erkundet, versinkt Chiesa fast in meditativer Trance mit geschlossenen Augen vollständig  in den Klangkosmos ihres Grancino-Cellos von 1697. Körper und Instrument verwachsen im Spiel zu einer untrennbaren Einheit. Stadlers offener Spielhorizont ist bei Chiesa gesättigt und abgeklärt. Es ist Ausdruck einer über Jahrzehnte gewachsenen Spielkultur, die sich schon zu Konzertbeginn in Kleine Suite für Violoncello und Klavier op. 23 von Ferrucio Busoni mit ihrem langjährigen Duo-Partner Baglini offenbart. In zehn Jahren haben sie mehr als 200 Konzerte gemeinsam gespielt.

Dass sie beide exzellente Solisten sind, beweist nach Chiesas Bach-Solo auch  Baglini mit drei sehr unterschiedlichen Kompositionen von Busoni. Dedicated to Busoni zu seinem 150. Geburtstag demonstriert Baglini Busonis Gespür für Bachs Musik. Baglini bringt den Tonfarbenreichtum von Busonis Rekreation des Choral-Präludiums Nun komm‘ der Heiden Heiland zum Leuchten, wie die Chaconne aus der Partita Nr. für Violine  Solo, d-Moll unter seinen Händen zu einem atemberaubenden Parforceritt über die gesamte Klaviatur gerinnt. Aber Busoni konnte nicht nur Bachs kompositorische Vielfalt befeuern und gewissermaßen modern dechiffrieren. Die Habanera der Carmen von Georges Bizet jubiliert schmerzlich leidvoll wie gleichzeitig himmelhoch jauchzend. Es scheint, als würde Busoni mit Baglini Bizet auf einer Klangwolke in den Komponistenhimmel selbst entführen.

Die 6. Ahrenshooper Kammermusiktage bieten mehr als nur eine warme Stube bei unwirtlichem Wetter. Sie sind ein kreativer Kontrapunkt, der Ahrenshoop als Rekreationsort im umfassenden Sinn beschreibt.

Es wäre zu wünschen, dass bei den nächsten Kammermusiktagen weiter kleine, aber feine Veranstaltungsorte gefunden werden können. Die gewissermaßen die Intimität der kleinen Hausmusikrunden für 50 bis 70 Zuhörer erweitern können.

20.10.2016

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Über Peter E. Rytz Review

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