Krebbers antagomorpher Kosmos

@ Peter E. Rytz 2016

@ Peter E. Rytz 2016

Antagomorph? Was heißt das, mag sich mancher fragen, der die so bezeichnete Ausstellung von Gereon Krebber im  Museum DKM Duisburg besucht. Um Krebbers Arbeiten auf die Spuren zu kommen und den Titel zu decodieren, hat der Ausstellungsbesucher Zeit bis zum 5. März 2017.

Die Ausstellung resümiert nicht abschließend die bisherige Arbeit Krebbers. Sie will eine fragende sein. Fragen, die sich angesichts der verwendeten, auf den ersten Blick erheblich gewöhnungsbedürftigen, armen bis widerlich anmutenden Materialien dem Ausstellungsbesucher konfrontativ stellen. Antagomorph, eine, wie Krebber zitiert wird, anspruchsvolle Wortbildung, zusammengesetzt aus antagonistisch und morphologisch,  die  auf die Gegenläufigkeit seiner Arbeiten in Form und Materie rekurriert. Mitunter sind es organoide Formen, die mit ihren amorphen Überwucherungen proto-figurative Assoziationen nahelegen. Die generieren ihrerseits neue Formen, die sich kategorialen Beschreibungen entziehen.

Krebbers Arbeiten sind ein Vexier- und Versteckspiel, das beim Betrachter Zweifel aufkommen lassen kann, ob er seinen Augen noch trauen sollte. Formlose Raumgebilde als temporär installierte Raumkörper, wie Ynx (2013), ein durch mit kilometerlangem Klebeband umwickelte Sterilisationsfolie geformtes, raumgreifendes Gebilde, das eine eigentümliche synästhetische und visuelle Präsenz hat. Zugleich abstoßend erschrocken und anziehend neugierig machend. Gespiegelte Gegensätze, die alltagsgesättigte Wahrnehmungen untergraben.

Dass Kunst ihrem Selbstverständnis nach eher Fragen stellt, als schlüssige und eindeutige bis eindimensionale Antworten gibt, hinterfragt Krebber mit dem Mobile Willst Du das wirklich? (2015) in situ. Mit der Zusatzbezeichnung Dreikörperproblem verweist er auf  grundsätzliche Wahrnehmungsfragen. Drehung, Spiegelung, Balance, Gleichgewicht garantieren nicht mehr als ein instabiles Übergangsmoment. Bild und Abbild verlieren sich in unendlicher Varianz.

Wenn man sich länger in der Ausstellung bewegt, keimt irgendwann unterschwellig eine nagende Identifikationssehnsucht auf, die sich nicht wirklich einfach so erfüllt, erfüllen will, vielleicht auch nicht erfüllen kann.

Eigenwillig und unkonventionell, ähnlich dem programmatischen Minimalismus des Museums DKM und ihrer Gründer Dirk Krämer und Klaus Maas selbst, öffnen sich die Arbeiten Krebbers anfänglich in minimalistischer Unbestimmtheit. Erst nach und nach schimmert ahnungsvoll in, hinter und auf den skulpturalen Gebilden ein wie durch gebeugtes Licht sich formendes skulpturales Etwas.

Es macht den Eindruck, als würde sich hinter der verwendeten Materialvielfalt der Arbeiten ein Bedeutungsgeheimnis verstecken, das sich bewusst einer aufklärenden Beschreibung mit Worten einzieht. Die Arbeiten antworten nicht. Sie verweigern allerdings auch nicht das Gespräch. Dass Gereon Krebber, der sich durchaus als Bildhauer versteht, mit den ausgestellten Arbeiten die Skulptur zu installativen Raumordnungsfragen erweitert, die die Wahrnehmung massive irritieren und den Betrachter immer wieder in Sackgassen führen, ihn allein lassen, scheint für sein künstlerisches Selbstverständnis programmatisch zu sein.

So verschlossen und rätselhaft sich seine Arbeiten geben, so eloquent und reflektiert kann er über sie sprechen. Launig, mit professoralem Understatement gibt er auf entsprechende Fragen über Hintergründe und Anregungen bereitwillig Auskunft, ohne die Arbeiten zu erklären. Keine museumspädagogischen Statements, sondern ontologische Assoziationslinien, die die alltäglichen Unmittelbarkeiten zwischen Sein und Schein umkreisen.

Wer vor der Installation aus angekohltem Holz Das kommt davon (2012) steht und sich fragt, wovon was kommt, wird auch vor Ontö von 2015, einer Installation aus Stahl, Polyurethanleim, Stoff, Fäden, Sprühfarbe und Lack, die drei Jahre später entstanden ist, genauso wenig eine Antwort darauf finden. Aber mit Ontö im Wahrnehmungsgepäck könnte die imperative Behauptung, dass das, was immer es auch sei, davon kommt, ein konjunktiver Hoffnungsträger sein. Wirklichkeit hat viele Möglichkeitsformen. Antagomorph und gegenläufig hinsichtlich geläufiger Erfahrungen.

21.10.2016
photo streaming antagomorph

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Über Peter E. Rytz Review

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