Wie Baselitz und Vedova miteinander tanzen

@ Peter E. Rytz 2016

@ Peter E. Rytz 2016

Es gibt in vielen Biografien Zeiten, die Freundschaften entscheidend geprägt haben. Künstlerfreundschaften sind allerdings eine besondere Spezies. Das  eigene Ego ist per se Fundgrube sowie Steinbruch künstlerischer Emanationen in einem und nicht teilbar. Wenn es allerdings eine gemeinsam geteilte Überzeugung gibt, die die jeweiligen individuellen Erdungen respektiert, ohne sie in der Suche nach Schnittmengen desavouierend zu verkürzen, kann sich eine Künstlerfreundschaft unabhängig von Generationsgrenzen kreativ artikulieren.

Wie Georg Baselitz, geboren 1938, und Emilio Vedova (1919 – 2006) die Künstlerfreundschaft  und mit welchem Ergebnis praktiziert haben, davon erzählt eine Ausstellung im MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, Duisburg in Kooperation mit der Fondazione Emilio e Annabianca Vedova, Venedig (noch bis 29. Januar 2017). Anfang der 1960ger Jahre haben sie sich im damaligen melting pot West-Berlin  getroffen. In dieser Stadt, die von künstlerischem Aufbruch und politischem Protest bestimmt war, formierten sich avantgardistische Bewegungen quer durch alle künstlerischen Lager. Die insulare, gleichzeitig aber instabile Schicksalsgemeinschaft bot einen schier unerschöpflichen Nährboden für künstlerische Gestaltungsfreiheit. Die damit verbundene experimentelle Abenteuerlust teilten Baselitz und Vedova .

Während Baselitz einer malerischen Konkretion auf der Spur ist, wo sich Bilder über Bilder hinaus generieren, sich finden, wo noch keiner war, fragt Vedova mit seinem typischen segni spaccati, spontanen Gestus in seinem Bild Da Dove von 1983 nach dem Woher und Wohin. Baselitz‘ und Vedovas Arbeiten kreisen um die Idee von einer höheren Ordnung der Dinge jenseits von hier und heute.

Da Vedovas Werk abgeschlossen ist, bietet die Ausstellung erstmals die Möglichkeit zu sehen, wie Baselitz weiterhin mit ihm kommuniziert. Es zieht sich darin eine Linie von der 52. Biennale 2007 in Venedig, in der Baselitz mit einer Hommage à Vedova ihre Künstlerfreundschaft nachhaltig öffentlich machte, bis in die Duisburger Ausstellung. Vedovas Arbeit Manifesto Universale von 1957, die den 19jährigen Baselitz faszinierte und die er umstandslos erwarb, hängt neben dem Portrait Win. D. von 1959.

Die Korrespondenz dieser Arbeiten funktioniert in der vom MKM-Direktor Walter Smerling

@ Peter E. Rytz 2016

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gemeinsam mit dem Sammlungsdirektor der Fondazione Vedova, Fabrizio Gazzari kuratierten Ausstellung als Impuls ihrer Kommunikation.

@ Peter E. Rytz 2016

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Inspiriert von Informel und dem amerikanischen abstrakten Expressionismus, überwiegt in Vedovas überwiegend aus den 1980ger Jahren stammenden Arbeiten, wie Emerging, Incombente oder Oltre ein abstrakter Pinselstrich, während in Baselitz‘ Zyklus Ma Grigio von 2015 die Klangfülle dunkler Farbtöne narrativ um eine leere Mitte kreist. Im Katalog ist von Windmühlenfuror die Rede, pendelnd zwischen heiterer Ausgelassenheit und dumpfem Staccato.

Als Petersburger Hängung dominiert Ma Grigio den zentralen Ausstellungsraum, verweist zudem gleichzeitig auf seinen Zyklus Kleines Straßenbild von 1979 in einem kabinettartigen Ausstellungsraum nebenan. Ein instruktives Beispiel für die immer wieder neu aufgeladenen Spannungen in seinem Werk. Das Vergangene ist bei ihm nie wirklich vergangen. Baselitz treibt es, wie in seinen Remix-Arbeiten, von denen zur Zeit eine Auswahl aus den Jahren 2005/06 in der Ausstellung Sammlung Viehof – Internationale Kunst der Gegenwart in den Deichtorhallen Internationale Kunst und Fotografie Hamburg noch bis zum 22. Januar 2017 zu sehen ist, zu immer wieder neuen figurativen Bildufern. Kopfüber oder erhobenen Hauptes, in jedem Fall mit den Füßen geerdet.

Füße sind meine Erdung, mir ist die Erdung wichtiger als die Sendung. Das Empfangen über Erdung funktioniert bei mir viel besser als über Antenne – ich habe vielleicht mehr zu tun mit den Trollen als mit den Engeln; wer weiß. Komischerweise male ich ja auch im Hocken, ich laufe über die Bilder (Baselitz, 2006)

Kreisend um eine leere Mitte, die man als Zitat zu Lucio Fontanas Attese-Arbeiten lesen kann. Erwartung als non-prozessuale Zustandsbeschreibung, als künstlerische Haltung, die die Strukturen des Bewusstseins bildnerisch einzufangen sucht. Es ist, als würden sich Vedova mit Non Dove (1985) und Baselitz mit Ciao (1988) noch einmal herzlich begrüßen und sich tanzend ihrer Freundschaft versichern. Die Fotografie von Benjamin Katz, die Baselitz und Vedova 1982 auf der documenta 7 in Kassel zeigt, ist ein Entré in die Ausstellung. Sie erzählt schon viel von dem, was dann zu sehen ist.

23.10.2016

photo streaming Baselitz – Vedova

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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