Dancing with myself, shifting myself

Alighiero Boetti, Autoritratto 1993 @ Peter E. Rytz 2016

Alighiero Boetti, Autoritratto 1993 @ Peter E. Rytz 2016

Jeder Mensch ist sich selbst ein Geheimnis. Sein Abbild im Spiegel und seine Stimme als Tonaufnahme sind ihm eher fremd als vertraut. Es ist mehr eine rationale Wahrnehmungslogik, die mir bestätigt: Das bin ich!, ohne zweifelsfrei zu überzeugen. Dies hat vor allem damit zu tun, dass anders als Andere, die mich täglich im Beruf, in der Freizeit und in der Familie erleben, ich mich selbst in aller Regel nur morgens und abends beim Zähneputzen im Spiegel sehe.

Diese Leerstelle mit einem Portrait zu auszufüllen, ist für bildende Künstler über Jahrhunderte bis heute Anlass und Motivation zu malen, zu zeichnen, zu skulpturieren, zu fotografieren und zu filmen zugleich. Auch wenn jedes gelungene Portrait immer mehr als nur Abbild ist, indem die abgebildete Person in Typik und Sozialität lebendig wird, hat die Avantgarde, angeregt durch die Psychoanalyse in der Nachfolge von Sigmund Freud, mit Beginn des 20. Jahrhunderts expressiv verbis tiefer lotend nach dem eigenen und dem fremden Abbild zu suchen.

Die Ausstellung Dancing with myself, Gegenwartskunst aus der Sammlung Pinault im Museum Folkwang Essen (noch bis 15.01.2017), komplementär ergänzt durch Arbeiten aus dem Museum selbst, erzählt von künstlerischen Versuchen, im Selbstportrait sowie im Blick auf den eigenen Körper sich nicht nur selbst zu finden, sondern sich selbst neu zu erfinden.

Wer bin ich? Bin ich überhaupt? Und wenn ja, bin ich der, der zu sehen ist oder jener, der hinter melancholischen, politischen oder anderen identitätsstiftenden Belichtungen als Persönlichkeit aufscheint? Als François Pinault vor 40 Jahren anfing, Kunst auf empirische Weise zu sammeln, haben ihn diese Fragen anfangs offenbar weniger berührt. Relativ schnell erwies sich allerdings eine ambitionierte Sammlungsorientierung auf Werke von Mitte des letzten Jahrhunderts bis heute mit einem konzisen, aber nicht indoktrinierenden minimalistischen Schwerpunkt als Fixpunkt der inzwischen auf über 3.000 Werken angewachsenen Pinault Collection.

Werke der Sammlung sind bisher außerhalb ihrer Heimstatt seit 10 Jahren in  Venedig, im Palazzo Grassi und im vom japanische Architekten und Pritzker-Preisträger Tadao Ando umgebauten Punta della Dogana, nur selten in Ausstellungen zu sehen gewesen. Dass jetzt Teile der Sammlung im Museum Folkwang zu sehen sind, ist ein wegweisendes Beispiel für eine Brücken bauende Public Private Partnership, von der nicht zuletzt die Ausstellungsbesucher profitieren.

Wie sich die Dinge verändern, die wir vermeintlich gut zu kennen glauben, vergegenwärtigt sich während des Ausstellungsparcours auf ironisch schmunzelnde Weise bis radikal verunsichernd. Inszenierungen des Körpers, ob unverstellt als gealterter wie in Self-Portrait at home (2014) von Boris Mikhailov oder als jungendlicher(?), der das eigentlich privat intime Portrait in einem politischen Kontext, wie bei LaToya Ruby Frazier in Self Portrait Oct 7th (9:30 a.m), 2008 oder bei Adel Abdessemed in Adel Abdessemed je suis innocent, 2012 zu sehen, sezieren ein Dahinter.

Interessant wird es in der Ausstellung vor allem dann, wenn in kontextuelle Gegenüberstellungen, wie bei den Film-Stills von Cindy Sherman aus den 1970ger Jahren und ihren untitled-Selbstinszenierungen aus den letzten Jahren, wo Wirklichkeiten verschwimmen zwischen subjektivem und objektivem Körper in symbolischen Mehrdeutigkeiten: Shifting myself. Mit Erfindungen des Selbst im Anderen demaskiert Sherman stereotype Frauenbilder. Sie sind gewissermaßen Zuspitzungen, die schon in den Selbstportraits von Claude Cahun von 1928 und in der Serie Tell me who stole your smile von Urs Lüthi aus dem Jahr 1974 aufscheinen (siehe As Time Goes By mit anderen Augen – 5 Städte, 4 Fotoausstellungen vom 07.04.2016, hier veröffentlicht).

Mit der skulpturalen Ouvertüre Autoritratto von Alighiero Boetti, 1993  – 1994 wenige Monate vor seinem Tod mit prophetisch symbolischer Identitätsvermutung des Ichs als Person und als Künstler geschaffen, schlägt die Ausstellung einen minimalistisch philosophischen Ton an. Der Eintritt in die Ausstellung wird mit einem Vorhang aus roten und weißen Perlen von Felix González-Torres (untitled; Blood, 1992) zu einer unmittelbaren Körpererfahrung. Obwohl sich dieses offensive Touch me beim Ausstellungsrundgang physisch nicht wiederholt, kann man sich einem psychisch emotionalen Sog der Arbeiten kaum entziehen.

Mit Arbeiten wie A Drinking Sculpture (1974) erklären Gilbert & George seit mehr als vier Jahrzehnten ihren Körper zur Kunst. Sie benutzen ihn wie einen Steinbruch. Ihre Körper sind ebenso Rohmaterial für saturnische Expeditionen, wie es auch Maurizio Cattelan in seiner atemberaubend realistisch nachempfundenen Installation We (2010) von zwei männlichen Figuren, die den Betrachter mit weit geöffneten Augen anschauen, metaphorisch zu einer irritierenden Wahrnehmung formt.

Am Ende des Parcours geben die Kuratoren Florian Ebner und Martin Bethenod mit Bruce Naumans poetisch aufgeladener Video-Installation For Beginners (all the combinations oft he thumb and fingers) von 2010 ein Plädoyer für die melancholisch gestimmte, unendliche Vielfalt von Selbsterfindungen des Körpers. Während Nauman schon seit Ende der 1960ger Jahre mit Bouncing in the Corner No. 1 (1968) oder Lip Sync (1969) solche Selbsterkundungen inszeniert, stellt sich  Kimsooja als A Needle Woman 1999 – 2001 in verschiedenen Metropolen der Welt in Rückenansicht in den unablässig vorbei hastenden Passantenstrom. Allein sie ist in dieser Needle-Exposition sichtbar, wo sich ansonsten die Körper wie die berühmte Stecknadel im Heuhaufen verlieren.

Dancing of myself gibt die Chance, sich selbst vorzutanzen und am Ende neugierig inspiriert zu werden, sich vielleicht beim nächsten Spaziergang neu selbst zu erfinden.

26.10.16

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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