Sternzeichenkonzert rätselhaft

@ Tonhalle Düsseldorf

@ Tonhalle Düsseldorf

In Düsseldorf stehen die Signale in Kunst und Kultur auf Aufbruch und Neubeginn. Während Wilfried Schulz vor Jahresfrist vom Dresdner an das Düsseldorfer Schauspielhaus gewechselte, verlässt die Direktorin der Kunstsammlung NRW, Marion Ackermann Düsseldorf in Richtung Dresden, wo sie die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden als Generaldirektorin übernimmt.

Die Tonhalle Düsseldorf hat sich nach dem Abschied des langjährigen Generalmusikdirektors Andrey Boreyko vor einem Jahr mit einer Doppelspitze aufgestellt. Adam Fischer ist als Principal Conductor gewissermaßen das Gesicht  der neuen Tonhallezeit. Ihm zur Seite gestellt, ist Alexandre Bloch als Principal Guest Conductor, dem viele eine große Karriere verheißen. Dieses generationenübergreifende Projekt wird von den Abonnenten ebenso wie von der Fachöffentlichkeit mit viel Sympathie aufmerksam und kritisch zugleich begleitet .

Mit dem 3. Sternenzeichenkonzert der Konzertsaison 2016/2017 zeichnet sich deutlicher als bisher ab, welche Ambitionen Alexandre Bloch als immer noch jugendlich anmutender Dirigent hat. Johannes Brahms und Igor Strawinsky sind wie er im Startalk vor dem Konzert betont, Komponisten, die er liebt und die in ihn musikalisch nachdrücklich geprägt haben. Beide Komponisten bilden mit Brahms Tragische Ouvertüre d-Moll op. 81 und Strawinskys Konzert für Violine und Orchester D-Dur eine kontrastierende Klammer im Konzertprogramm.

Brahms Ouvertüre trägt diese nur dem Namen nach. Formal gesehen, handelt es sich um einen Sonatensatz mit sinfonischer Anmutung. Zwischen heiter und ernst, sich lyrisch nachdenklich aufschaukelnd bis zum Tutti im Blech, kulminiert die Musik in kontrapunktischen Entladungen. Schon hier möchte man Bloch, der mit geradezu sportivem Ausagieren seines Körpers dirigiert, überambitioniert den Takt betont, zurufen: Weniger wäre mehr.

Bei dem das Konzert beschließenden Werk Till Eulenspiegels lustige Streiche op. 28 von Richard Strauss verstellt Blochs aktionistisches Dirigat mitunter die Hörbarkeit eines differenzierteren Klangs. Die Düsseldorfer Symphoniker sind hellwach und vertrauen Bloch mit erkennbarer Sympathie. So verschwimmen manche musikalischen Details im Überschwang des Dirigenten.

Klassischen Konzertprogrammen ist in der Regel die absolute Konzentration auf musikalische Interpretation eigen. Wenn der Dirigent Bloch, wie beim Konzert Wu Xing (Die fünf Elemente) von Qigang Chen, dem letzten Schüler von Olivier Messiaen, noch den Entertainer mit Rätsel-Rate-Quiz gibt, ist es nur noch ein kleiner Schritt, einem Unterhaltungsbedürfnis vorauseilend ohne Not die Tür zu öffnen. Dass das Konzert und die Raterunde – was ist Wasser, Holz, Feuer, Erde oder Metall? -, nicht nur mit heftigem Beifall, sondern mit einem für Pop-Konzerte typische Heh-Yeah quittiert wird, mag man als Zeichen deuten, dass Teile eines jungen Publikums Bloch lautmalerisch eingemeindet haben. Andererseits ist Wu Xing nicht mehr als eine kompositorische Fingerübung, die an diesem Abend ihre musikalische Substanz nicht wirklich beweisen kann.

Den musikalischen Höhepunkt bildet zweifellos Strawinskys Violinkonzert. Es ist musikhistorisch betrachtet eine Hommage an Johann Sebastian Bach, die Strawinsky als barocke Form einer Sonata da chiesa inspirierte, vor allem die Kombinationsmöglichkeiten der Violine und nicht die Virtuosität des Solisten auszustellen. Die technischen Anforderungen an das Konzert seien nach einer Selbstaussage des Komponisten aus dem Jahr 1961 relativ gering.

Dem Solisten Kolja Blacher widmet das Programmheft eine Eloge, der man im Konzert nicht folgen kann. Wie Bloch heute stand Blacher 1998, als er das Strawinsky-Konzert in der Tonhalle spielte, am Beginn seiner Karriere. Die ihm seitdem attestierten Zuschreibungen als Meister der Violinliteratur kann er an diesem Abend nicht einlösen. Zu sehr klebt er an der Partitur. Seinem Spiel fehlt es an Esprit und Souveränität. Die Partiturfixierung hat offensichtlich die Setzung von Generalpausen zur Folge, die dem Umblättern der Seite geschuldet ist.

Die einleitende Toccata und das abschließende Capriccio assoziieren rotierende Maschinenbewegungen, die an die technikbegeisterten Ideen des Manifests des Futurismus von Filippo Tommaso Marinetti in der Malerei der Avantgarde erinnern. Strawinskys Klangkosmos, der weiterhin mit der Aria II an Filmmusik erinnert, zeichnet sich an diesem Konzertabend durch Lautstärke, weniger durch Farbigkeit aus.

Neben zustimmender Rätselfreudigkeit auf dem Weg zur U-Bahn sind allerdings auch Stimmen zu hören, die sich ratlos geben.

29.10.2016

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Über Peter E. Rytz Review

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