BoSy im Musikforum Ruhr angekommen

@ Peter E. Rytz 2016

@ Peter E. Rytz 2016

Großer Andrang am letzten Wochenende rund um das Bermuda3eck in Bochum. Er galt diesmal allerdings nicht der angesagten Partymeile, sondern der Eröffnung des Anneliese Brost Musikforums Ruhr. Unmittelbar an das Bermuda3eck angrenzend, lud das neue Musikforum die Bochumer und ihre Gäste ein, das Haus in Besitz zu nehmen. Ein Bürgerfest für alle.

Mehr als 20.000 engagierte Bürger haben sich mit kleinen und größeren Beiträgen an der Finanzierung des Baus beteiligt. 15 Jahre  mussten sie warten, bis jetzt das von Bez und Kock Architekten, Stuttgart entworfene Kleinod seine Pforten weit öffnen konnte. Eine Vision ist Wirklichkeit geworden.

Dass die ehemalige St.-Marien-Kirche als Baukörper erhalten geblieben ist und als Foyer die architektonische Kubatur von kleinem und großem Konzertsaal verbindet, setzt ein Zeichen. Das Kreativquartier Victoria hat eine neue Landmarke in der Stadt. Kultureller und sozialer Begegnungsort in einem. Gemeinsame Heimstatt der Bochumer Symphoniker nach mehr als 100 Jahren des konzertanten Vagabundierens sowie der Musikschule, die mit zu den größten im NRW zählt. Und für Steven Sloane, seit 1994 Generalmusikdirektor der Bochumer Symphoniker und damit der dienstälteste in Deutschland, erfüllt sich ein lang gehegter Traum. Er freut sich, dass mit dem Einzug in das neue Haus endlich die aufregende Suche nach einem neuen BoSy-Klang beginnt.

Thomas Jorberg, Vorstand der Stiftung Bochumer Symphonie zitierte im Rahmen des Eröffnungskonzerts in diesem Zusammenhang einen alten Sponti-Spruch, der in den 1968ger Jahren auf mancher Mauer zu lesen war: Wenn einer alleine träumt, bleibt es ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, ist es der Anfang einer neuen Wirklichkeit. Das allein zeigt, wie es in Bochum über alle sozialen, politischen und kulturellen Milieus hinweg gelungen ist, Identität für die Stadt und für das Ruhrgebiet zu stiften.

Zum Eröffnungskonzert spielt mit Frank Peter Zimmermann ein Botschafter der klassischen Musik. In Duisburg geboren, hat er von dort die Klassikwelt erobert. Zimmermann ist in der klassischen Musik das, was im Rock und Pop Herbert Grönemeyer ist: Ein Sympathieträger für das Ruhrgebiet.

Im Violinkonzert Nr. 2 von Bela Bartók erweist sich Zimmermann als Solist, der,  verlässlich und souverän, dem virtuosen Anspruch des Konzerts voll und ganz gerecht wird. Jeder Takt, jede Sequenz ist von einer tiefen geistigen Durchdringung getragen. Stringent, unverstellt, fast ist man geneigt von Herzenswärme zu schwärmen, übersetzt er Bartóks kompositorischen Anspruch eines von unverbrauchten Instrumentalismen befreiten Violinpart kongenial. Immer wieder lächelt  Sloane und dem Orchester in tiefem Einverständnis zu. Sie zelebrieren eine Konzertharmonie, die das Publikum in Atem hält und gleichzeitig entspannt. Mit schwingenden Körpergesten wendet sich Zimmermann jenen aufmunternd zu. Ein Bürgerfest für alle, eine Musik für alle.

Bartók, umrahmt von Dmitri Schostakowitsch und Igor Strawinsky im Konzertprogramm, könnte auf den ersten Blick die Vermutung nahe legen, als wollten Sloane und die Bochumer Symphoniker  das neue Haus mit der Moderne ins rechte Licht rücken. Allein Schostakowitschs Festliche Ouvertüre op. 96 am Anfang und die Ballettmusik Der Feuervogel in der Version Suite 1919 von Strawinsky zum Schluss funktionieren auf überraschend elegante Weise als Festmusiken, die in einem großen Bogen zusammenfließen.

Eigentlich ist die Festliche Ouvertüre wenig mehr als eine Gelegenheitsmusik. Effektvoll komponiert, gefällt sie sich teilweise in heroischer Selbstverliebtheit als Huldigungsmusik. Sloane lässt dazu das Blech vom oberen Balkon intonieren und spielt damit geleichzeitig lustvoll mit der Akustik des zu erkundenden Raumes.

Vom Konzertende her betrachtet wird deutlich, wie das Konzertprogramm als Kreisbewegung funktioniert. Das Triumphierende der letzten Takte in der Festlichen Ouvertüre verbindet sich klanglich assoziativ mit der orchestralen Farbigkeit des Finales von Der Feuervogel. Obwohl Schostakowitschs Ouvertüre im Gegensatz zu dem komplexen Spiel mit diatonischen und chromatischen Kompositionselementen bei Strawinsky eher mit leichter Hand komponiert ist, gelingt Sloane mit seinem Orchester eine Klangsynthese divergierender kompositorischer Ansprüche.

Am Ende gibt es Standig Ovations, die Musiker und Publikum für diesen einen feierlichen Moment der Freude miteinander verbinden: Vollendet ist das (Bau)Werk. Für die BoSy geht’s jetzt erst richtig los.

31.10.2016

 

Advertisements

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Konzert veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s