Dialogkultur pur

Radu Lupu @ Matthias Creutziger

Radu Lupu @ Matthias Creutziger

Musik bestimmt den Rhythmus der Stadt. Auch in Berlin. Wenn sich unterschiedlichen Klänge kreuzen und vermischen, verdichten sie sich zum einem eigenen Sound – dem Sound der Stadt. Neue Klangwege öffnen sich.

Am letzten Sonntag ging das diesjährige Jazzfest Berlin zu Ende. Mit dem Motto Art of Conversation hätte sein künstlerischer Leiter Richard Williams auch Pate für die programmatische Idee des 2. Abonnement-Konzerts der Staatskapelle Berlin am Montag stehen können.

Mit dem Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll op. 37 von Ludwig van Beethoven wird 1800 nicht nur kalendarisch ein neues Jahrhundert eingeläutet. Es öffnet auch eine Tür, die über Mozart hinausweist. Der Dialog, die Kommunikation, the Art of Conversation gewinnt zentrale Bedeutung. Solist und Orchester musizieren gleichberechtigt und ebenbürtig miteinander, ohne ihre Individualität aufzugeben.

Das Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll op. 37 lässt die Erinnerung an die Aufführung des Klavierkonzerts Nr. 4 G-Dur op.58 von Ludwig van Beethoven vom Frühjahr 2014 in der Philharmonie mit den Berliner Philharmonikern unter Iván Fischer  und mit Radu Lupu wach werden (vgl. Radu Lupu in der Philharmonie mit raumästhetischen Facetten vom 01.04.2014 hier veröffentlicht). Es schlägt einen instruktiven Bogen zu dem kompositorischen Fortgang von Beethovens neuem Weg.

Paavo Järvi am Pult der Staatskapelle Berlin und Radu Lupu am Klavier zelebrieren in der Philharmonie eine oft atemberaubende Kongenialität, Beethovens Aufbruch zu neuen sinfonischen Ufern hörbar zu machen. Der Wechsel von solistisch anspruchsvollen Passagen zum Orchester-Tutti verbindet sich organisch zu vielfarbigen Klangfüllen, die keine Scheu vor dem Heroischen und Pathetischen haben.

Beethovens Kompositionsanlage mit einer mehrere Minuten dauernden Orchesterintroduktion lässt den Solisten für ein Klavierkonzert ungewohnt  lange warten.  Nach der Orchesterexposition stürmt dann das Klavier vehement Allegro con brio vorwärts und schafft einen Spannungsbogen, der den Dialog bis zum Presto des Finales mit seinem kecken Ton, changierend zwischen besinnlich nachdenklich und unruhig bis aggressiv, bestimmt.

Das klangsinnliche Largo verströmt mit Radu Lupus verzaubernder Anschlagskultur eine charismatische, fast weihevolle Ruhe. Im Orchester ranken sich kantable Flöte und Fagott um zarte Klavierarabesken, die in kadenzierte Klavierpassagen con gran espressione überfließen.

In einem Lehnstuhl, nicht auf dem elfenbeinturmartig anmutenden Klavierhocker, zurückgelehnt gravitätisch sitzend, schnellen Lupus Hände aus einer scheinbar großväterlichen Ruhehaltung in großmeisterlicher Souveränität aus einer ausbalancierten Mitte auf die Klaviatur. Während die rechte Hand mitunter über mehrere Takte allein über die gesamte Breite des Klaviers läuft, hängt die linke Hand tiefenentspannt seitwärts, um mit dem nächsten Einsatz auf die Tastatur einzuschweben.

Mit Lupu hat Järvi einen Partner an seiner Seite, der die schwierigsten Klavierläufe in absoluter Souveränität beherrscht. Den Kopf fast durchgängig zum Orchester gewandt, erlauscht er nicht nur Takte und Einsätze. Mit der einschwebenden linken Hand sowie der taktgebenden Bewegung des Körpers dirigiert er das Orchester mit. Manchmal scheint es, als würde er mit seiner solistischen Präsenz Järvis Dirigat doppeln. Allerdings ein kreatives Doppel zugunsten der von Beethoven apostrophierten gänzlich neuen Manier des Musizierens.

Nach Beethovens sinfonisch legendärem Jahrhundertauftakt stellt sich Paavo Järvi mit der Staatskapelle Berlin nach der Pause der Legende der Sinfonie Nr. 7 C-Dur op. 60 Leningrader Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch. Eingebettet in einen, wie sich aus späten Äußerungen Schostakowitschs zeigt, widersprüchlich einseitigen Widerstandsmythos der Leningrader Bevölkerung gegen die Angriffe der faschistischen Wehrmacht 1940, zudem politisch instrumentalisiert von der stalinistischen Diktatur als auch von den westlichen Alliierten, demonstriert Järvi eine davon freie, von humanistischer Überzeugung getragene Interpretation.

Ohne eitle Maestro-Grandezza dirigiert er geschmeidig kontrolliert Schostakowitschs populärste, aber gleichzeitig auch widersprüchlichste Komposition mit dem Maß an innerer Überzeugung, die seinem Dirigat eine nachhaltige Klangstrahlkraft gibt. Die Staatskapelle Berlin folgt Järvi noch in den kleinsten Gesten. Wenn er sich mit der Hand über die hohe Stirn fährt, wird Forte-Aufmerksamkeit signalisiert. Wenn der Taktstock beidhändig wie eine Tennis-Vorhand energiegeladen ins Orchester sticht, ist Fortissimo angesagt.

In der Konzertprogrammfolge assoziiert die Leningrader Sinfonie auf subtile Weise Anklänge an Beethoven – sein Opus 91, Wellington’s Sieg, das zwar nicht unbedingt zu seinen Meisterwerken zählt, wird in diesem Zusammenhang gern als Huldigungsmusik zitiert – wie auch die Moderne um 1900. Insbesondere der 1. Satz Allegretto mit seiner geradezu penetrant skandierten, motivisch dramaturgisch exponierten, wiederholten Marschmelodie hat Musikgeschichte geschrieben. Während viele Kritiken auf die Nähe zu Maurice Ravels Bolero verweisen, lässt Järvis dirigentische Intention eher an die sinfonischen Dichtung Pini di Roma von Ottorino Respighi denken. Wie unter dem anschwellenden Rhythmus zahlloser Schritte im 4. Satz I pini della Via Appia, die über die römische Campagna dröhnen, komponiert Schostakowitsch ein ostinat rhythmisiertes, bedrückendes Inferno. Järvi vermeidet jede heroische Attitüde. Er legt die humanistische Wurzel der Komposition frei.

Mahleresk anmutende Klangfarbigkeit, differenziert in ihrer kompositorischen Verbindung von sonorem Dunkel der Bass-Klarinette und des Kontra-Fagotts mit dem silbrigen Klang der Flöte und den lyrischen Harfenakzentuierungen, bis zum exponierten Allegretto non troppo erschüttert Schostakowitschs Leningrader Sinfonie unter Paavo Järvi an diesem Abend Herz und Verstand nachhaltig.

08.11.2016

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Über Peter E. Rytz Review

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