Händel-Oratorium szenisch seziert

@ Stefan Gloede

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Adventszeit ist in Potsdam seit mehr als zehn Jahren auch Winteropernzeit. Für einige Tage wird die Friedenskirche zur Bühne. Barocke Oper und Oratorium sind die musikalischen Fundamente. Die Kirche wird damit wieder zu dem originären Raum, in dem die Libretti ihr geborenes Zuhause haben.

Das Regietheater stellt das per se häufig in Frage. Texte sind nach Überzeugung der sich textkritisch gebenden Regisseure keine unantastbaren Monolithe. Ausgeleuchtet mit dem Anspruch, die Lichtquellen politisch korrekt justiert zu haben, werden die ursprünglichen Text wie in einem optischen Laboratorium gespiegelt, gebrochen und gebeugt. In dem so sichtbar gemachten Farbspektrum findet man dann häufig Sequenzen einer eigenen Erzählung ins Licht gesetzt.

Die Regisseurin Verena Stoiber folgt mit ihrer Inszenierung von Georg Friedrich Händels Oratorium Israel in Egypt dieser Haltung. Das Oratorium ist von Händel, dramaturgisch gesehen, dezidiert ohne Handlung komponiert. Allein durch Musik wird die Geschichte des Auszugs des israelitischen Volkes aus Ägypten mit Gottes Hilfe nach alttestamentarischen Texten aus der King James Bible erzählt.

Interessant ist, wie das KlangVokal-Festival Dortmund 2012 bei der Aufführung von Israel in Egypt mit dem Orchester L’Arte del Mondo unter dem Dirigenten Werner Ehrhardt und dem Tölzer Knabenchor einen dialogischen Weg mit dem The Alol Ensemble aus Israel gegangen ist. Mit Oud, Nay oder Sitar ist dem oratorischen Klang eine kulturell authentische Klangfarbe beigemischt (Musik zwischen den Welten – Ein Gespräch vom 18.05.2012 , hier veröffentlicht).

Die Bezeichnung szenisches Oratorium ist Stoiber demgegenüber offenbar Anlass und Ehrgeiz, die vom Chor und vier Singstimmen erzählte, nach menschlichem Ermessen höchst unwahrscheinliche Glaubensgeschichte, zu inszenieren. Von ihr losgelöst, fügt sie eigene Texte sowie ausgewählte Gedichte der syrischen Dichterin Hala Mohammad ein. So haben wir aus der Musik heraus eine Bilderwelt geschaffen, die zwar Bezug zum Text nimmt, dabei aber ihre eigene Geschichte erzählt, wird Stoiber im Programmheft zitiert.

Susanne Gschwender hat über die gesamte Länge des Kirchenschiffs eine Spielfläche aus variabel zusammengefügten Holzsärgen gebaut. Sie reicht zu beiden Seiten unmittelbar bis an die erste Stuhlreihe des Publikums und bildet mit dem Orchester eine Schicksalsgemeinschaft. Händels Oratorium als musikalischer Gotteshymnus ist für Stoiber nicht mehr als ein narratives Klangangebot.

Chor und Solisten sind doppelte Spielfiguren. Händels Sänger versus Stoibers Schauspieler. Das, was zu hören ist, erzählt nicht das, was zu sehen ist. Wer nicht akribisch mit dem Textbuch in der Hand dem englischen Libretto folgt, mag vielleicht nur teilweise verstehend hören. Auch demjenigen, der bereit ist, das Gehörte vom Gesehenen zu abstrahieren und es im Kontext der Stoiber-Texte zu reflektieren, bleibt vieles ein Rätsel.

Die vier Solisten – die Sopranistin Marie Smolka, der Altus Benno Schachtner, der Tenor Florian Feth und der Bass Georg Lutz – verkörpern Staat, Kirche, Militär und Volk in wechselnden Rollen als Kardinal, Hauptmann, Engel oder Bürger. Prototypisch für den Wandel in der Gesellschaft, wo Täter auch Opfer sein können und umgekehrt.

Zu Beginn trägt der Frauenchor – hier als hochschwangere, teilverschleierte Frauen – weitere Holzsärge auf die Bühne. Während der Männerchor in Kostümen von Deportierten, Gefangenen oder Flüchtlingen mühsam und müde über die Bühne schleicht, entsteigen den Särgen die solistischen Figurinen. Sie entwickeln sich aus weißen Leinentüchern, als würden sie ihre Einbalsamierung rückgängig machen. Fortan greifen sie in wechselnden Rollen in das Rad der Weltgeschichte. Folter und Massaker sowie andererseits Gotteslob und Larmoyanz widerstreiten in einer indifferenten Dramaturgie. Das aktionistische Spiel deckt immer wieder die Musik zu. Mit erstaunlicher Souveränität gelingen dem Chor und den Solisten trotz allem eine Balance von Gesang und Spiel.

Die Kammerakademie Potsdam spielt unter der aufmerksamen Leitung von Konrad Junghänel ambitioniert mit sicherem Gespür für die Wechsel von Forte und Piano. Das ist umso bemerkenswerter, da die Musik immer wieder angehalten wird. Rezitation der Hala-Mohammad-Gedichte durch Marie Smolka, fallende Holzbretter oder lautes Stöhnen setzen Zäsuren, die als dramaturgische Keule die Vergewisserung überstrapazieren, dass man mitnichten nur einem Kampf der guten Israeliten mit den bösen Ägyptern beiwohnt. Die Wirklichkeit in diesem Land – draußen vor der Tür der Friedenskirche – zeigt sich schon hier drinnen.

Der Chor der Potsdamer Winteroper, bestehend aus Vokalconsort Berlin und Vokalakademie Potsdam, kontrastiert in der jeweiligen Rolle als Opfer oder Täter stimmlich eindrucksvoll nachvollziehbar. Zusammen mit ihrer schauspielerischen Präsenz sind sie die Stars des Abends, obwohl die Solisten gleichermaßen als Sängerschauspieler gefordert sind.

Am Ende vereinigen sich die Mühseligen und Beladenen mit ihren Peinigern. Im Weiß der Unschuld gewandet, loben sie Gott und meinen sich wohl eigentlich selbst. Die Hoffnung höret nimmer auf, scheint Stoibers Botschaft zu lauten.

Bei der Mehrheit des Publikums ist diese Hoffnungsbotschaft offenbar angekommen. Ungeteilter Applaus für alle.

28.11.2016
Veröffentlichung auf Opernnetz

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Über Peter E. Rytz Review

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