Public Private Partnership – Praxis in Köln, Kunstkonferenz in Berlin

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In Zeiten der Globalisierung muss sich auch die Kunst in der öffentlichen Wahrnehmung neu verorten. Museen wie auch private Sammlungen sind Gedächtnis und Speicher kultureller Identitäten. In ihnen spiegeln sich gesellschaftliche Veränderungen, aktuelle Standortbestimmungen und die Antizipation von Zukunft.

Eine zwischen den mit öffentlichen Mitteln respektive mit mäzenatischer Unterstützung geförderten Museen und privaten Sammlern gleichberechtigt ausbalancierte Public Private Partnership hat grundsätzlich ein vielfältiges, milieuübergreifendes  Kommunikationspotential. Sie bietet vielfältige Möglichkeiten, um Grundlagen für einen Diskurs zu legen, der nach den Chancen und Risiken in einer global vernetzten Gesellschaft fragt. Arbeiten der bildenden Kunst erzählen unmittelbar und direkt von Umständen des Lebens der Zeit, in der sie entstanden sind.

Gleichzeitig eröffnen sie aber Perspektiven, die wie durch Fenster eine andere als die verlässliche Welt zeigen. Die abgebildete Realität verliert ihre bisher als verlässlich erlebte und letztlich auch geschätzte Eindeutigkeit. Nichts ist wirklich, wie es scheint. Es könnte immer auch ganz anders sein. Das, was nicht unmittelbar zu sehen ist, kann trotzdem jenseits aller Selbstgewissheit als etwas Unbewusstes, Absurdes oder Unwahrscheinliches eine eigene Wirklichkeit dekonstruieren.

Sich in seiner wohlfeilen Gewissheit irritieren zu lassen, könnte ein Anlass sein, ein manifestes Sosein in Frage zu stellen und es auf seine Passfähigkeit hinsichtlich eigener Lebensweltbezüge auf den Prüfstand zu stellen.  Mehr Reflexion als Bestandsicherung. Die einzig revolutionäre Kraft ist die Kunst (Joseph Beuys).

Wie Public Private Partnership geht und welche Perspektiven damit verbunden sind, soll anhand einer aktuellen Kunstausstellung in Köln und einer Kunstkonferenz in Berlin verdeutlicht werden.

Auf der Kunstkonferenz des Frankfurter Allgemeine Forums (≠kunstkonferenz) am 23./24.11.2016 in Berlin fragt Marion Ackermann, seit wenigen Tagen Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden: Wie wollen wir leben? Was kann die Kunst dazu beitragen.

Marion Ackermann @ Peter E. Rytz 2016

Marion Ackermann @ Peter E. Rytz 2016

Das Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud in Köln antwortet in der Ausstellung Dürer von/bis van Gogh – Sammlung Bührle trifft Wallraf (noch bis 29.01.2017) mit einem erhellenden Dialog zwischen Museum und Sammler. Zu sehen sind erstmals Werke, die vom selben Künstler geschaffen wurden oder aus der gleichen Zeit stammen, aber getrennte Sammlungswege gegangen sind. Ihre Zusammenführung in Köln ist praktizierte Public Private Partnership par excellence. Die in der Ausstellung dokumentierte Geschichte mit einem Briefwechsel vom damaligen Museumsdirektor Leopold Reidemeister mit dem Sammler Emil Bührle beschreibt schon 1956 ein Dilemma der Museen, das sich bis heute dramatisch verschärft hat. Nämlich in öffentlicher Verantwortung mit bescheidenen Finanzmitteln gegenüber finanzkräftigeren Privatsammlern, Sammlungen im Bestand zu sichern und sie weiter zu entwickeln.

Als Reidemeister 1956 Alfred Sisleys, Die Brücke am Hampton Court (1874) erwerben konnte, erklärt er sich in einem Brief an Bührle vom 12.04. 1956: Sie werden sich fragen, wie kommt der arme Teufel zu dem Geld. Das hat mir Picasso eingebracht. Auf diese Weise konnte ich wenigstens einmal mit dem internationalen Kunsthandel in erfolgreiche Konkurrenz treten, der sonst meine Gegend hier abzugrasen pflegt…

Verglichen mit 1956 hat sich die Situation heute dramatisch verschärft. Die einen haben die Öffentlichkeit, aber kein Geld. Die anderen haben nur eine eingeschränkte Öffentlichkeit, aber relativ viel Geld. Public Private Partnership bietet einen Ausweg. Sie ist kein Königsweg, bietet aber eine Möglichkeit. Allerdings muss sie sich immer wieder neu bewähren. Gewinner ist in jedem Fall der Ausstellungsbesucher. Das hohe Gut öffentlicher Wahrnehmung und Aufmerksamkeit können sich die beiden Dialogpartner teilen. Vorausgesetzt, sie finden eine inhaltlich tragfähige, d.h. thematisch belastbare sowie bisher wenig fokussierte, kreative Idee für ein gemeinsames Ausstellungsprojekt.

Dass Public Private Partnership in Form der sogenannten Sharing economy die Zukunft ist, davon ist Ackermann überzeugt. Das Museum des 21. Jahrhunderts sieht sie als offenen Begegnungsort und nicht als hermetische Festung, wie es sich vielerorts immer noch darbietet.

Das Museum Folkwang Essen ist in diesem Jahr über mehrere Monate mit dem schweizerischen Sammler Hubert Looser (Sammlung Looser. Dialoge – Mehr als nur ein Versprechen für die Zukunft, vom 31.05.2016, hier veröffentlicht) diesen Weg sehr erfolgreich gegangen und geht ihn mit dem französischen Sammler François Pinault  (Dancing with myself, shifting myself,  vom 26.10.2016, hier ebenfalls veröffentlicht) noch bis zum 15.01.2017.

Hubert Looser (Zürich) hat in Berlin (≠kunstkonferenz) Grundsätze und Ziele seiner Fondation Hubert Looser im Kontext einer von ihm initiierten Initiative Kunstplatz Zürich vorgestellt: Man muss dem Geld einen Sinn geben.

Ewa Hess (Tages-Anzeiger/SonttagsZeitung Zürich) und Hubert Looser @ Peter E. Rytz 2016

Ewa Hess (Tages-Anzeiger/SonttagsZeitung Zürich) und Hubert Looser @ Peter E. Rytz 2016

In der Handelszeitung Nr. 42/2016 stellt er sachlich resümierend fest, dass das Sammeln von Qualitätswerken der Nachkriegskunst für öffentliche Institutionen heute unerschwinglich ist. Um fortfahrend seine Idee, wie man das konkret positiv beeinflussen kann, zu formulieren: Es sollte uns gelingen, Mäzene und Sammler zu gewinnen, welche bereit sind, die Lücken zu schließen. Ich werde mein Möglichstes tun, dass dies auch in Zürich geschieht. Mit Partnern zusammen arbeite ich an einer professionellen Struktur, mit der Zielsetzung, grundsätzliche Fragen zu Kunst, Museen, Private-Public-Partnership….mit erfahrenen Leuten offen und konstruktiv zu diskutieren.

Eine wesentliche Rolle wird dabei seine Sammlung spielen, die ab 2020 im vom Architekten David Chipperfield geplanten Erweiterungsbau des Kunsthauses Zürich in Form von Wechselausstellungen zu sehen sein wird.

Einen ähnlichen Weg geht der brasilianische Sammler Bernardo Paz mit seinem Centro de Arte Contemporânea Inhotim in Brumadinho , einer Stadt mit 30.000 Einwohnern im Bundesstaat Minas Gerais, 60 km entfernt von Belo Horizonte. Auf einer mehr als 36 Hektar großen tropischen Garten-Anlage sind in z.Z. 21 Galerien über 600 Werken seiner Sammlung moderner Kunst ausgestellt.

Bernardo Paz und Jochen Volz @ Peter E. Rytz 2016

Bernardo Paz und Jochen Volz @ Peter E. Rytz 2016

Mit Inhotim (seit 2007 öffentlich zugänglich) verfolgt Paz die Idee, ein kommunikatives Nachhaltigkeitsangebot von Natur, Kunstmuseum und Skulpturenpark als Begegnungs- und Bildungsort zu schaffen.

Bei solchen privaten Engagements im Kulturbereich gibt es – zumindest in Deutschland – noch viele Klärungsbedarfe, wie in Berlin die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters mit Blick auf das im Sommer vom Bundestag verabschiedete Kulturschutzgesetz ausführte.

Monika Grütters @ Peter E. Rytz 2016

Monika Grütters @ Peter E. Rytz 2016

Existentiell und unveräußerlich seien ihrer Überzeugung nach Kunstgüter, Kunsthandwerk eingeschlossen. Deutschland verfüge über eine einzigartige Dichte von Kultureinrichtungen. Die Hälfte aller Opernhäuser weltweit befinde sich in Deutschland. Das ist nicht zuletzt auch das Verdienst privaten und bürgerschaftlichen Engagements. Es sind Sammler und Stiftungen, die durch ihr Geld oder ihre Leihgaben Kunst und Kultur in einem Umfang zugänglich machen wie das allein durch staatliche Mittel niemals möglich wäre.

Dass das alles spannend sei, wie von einigen Konferenzteilnehmern zwischen Häppchen und Wein in der Pause bedeutungsschwer zu hören ist, muss solange eine leere Phrase bleiben, solange man nicht selbst initiativ wird. Das dialogische Bührle-Wallraf-Ausstellungsprojekt in Köln zeigt mit einer beeindruckenden Stringenz, welches Potential in ihm liegt. Gemeinsam mit den genannten Ausstellungen  des Museums Folkwang Essen kann Public Private Partnership so zu einer gesellschaftlich dringend notwendigen Dialogerfahrung werden. Die seltene Chance, großartige Werke im Dialog ihrer Zeit zu sehen, ist neben dem ästhetischen Vergnügen auch eine konstruktive Vorlage für einen dringend benötigten gesellschaftlich relevanten Aushandlungsprozess, wie wir miteinander leben wollen.

Im Wallraf-Richartz-Museum führen 64 Werke in Köln versammelte Werke einen eindrucksvollen ikonographischen Dialog. Er reicht von Bildwelten im späten Mittelalter über das Goldene Zeitalter in den Niederlanden, über La Serinissima Venedig sowie die französischen Impressionisten, gefeiert als Malerei des Lichts bis zu den Vätern der Moderne des Postimpressionismus. Wer der Chronologie des Ausstellungsparcours von den jüngsten zu den ältesten Ausstellungsstücken folgt, wird von den Preziosen des Kanons der Moderne unmittelbar in den Bann geschlagen. Nie zuvor war in öffentlichen Ausstellungen Vincent van Goghs Die Zugbrücke, 1888 (Wallraf-Richartz-Museum) neben Die Seine-Brücken bei Asniéres, 1887 (Sammlung Bührle)  auf einer Ausstellungswand zu sehen. Die motivische Nähe zu Claude Monets impressionistischen Bildthemen ist leider nicht mit seinen Brückenbildern in der Ausstellung zu sehen. Aber Claude Monets Mohnblumenfeld bei Vétheuil, um 1879 (Sammlung Bührle)  neben Frühlingsstimmung bei Vétheuil, 1880 (Wallraf-Richartz-Museum) entschädigen dafür uneingeschränkt.

Ist man eben noch von der Leichtigkeit von Edgar Degas Skulptur Tänzerin, auf dem linken Bein stehend, 1919/21 (Wallraf-Richartz-Museum) im Kontext zu Tänzerinnen im Foyer, Öl auf Leinwand, um 1889 (Sammlung Bührle) fasziniert, lässt einem im nächsten Augenblick Paul Cézanne mit Landschaft im Westen von Aix-en-Provence, 1885/88 (Wallraf-Richartz-Museum) und Landschaft, um 1879 (Sammlung Bührle) nicht mehr los.

Augenschmaus und sinnliche Glücksgefühle setzen sich vor Arbeiten von Paul Gauguin, Camille Pissaro, Auguste Renoir in gleicher Weise fort wie bei Gustave Courbet oder Eugéne Delacroix sowie Giovanni Antonio Canal, genannt Canaletto und Bernardo Bellotto als grandiosen Malern der Serenissima fort.

Manchmal wird in Kunstausstellungen vorschnell vom Dialog gesprochen. In der Kölner Ausstellung findet er auch hörbar statt. Das ist doch mal wirklich Kunst. Nicht das, was sich sonst als solche lautstark gibt, gibt ein Ausstellungsbesucher vor Blühender Rhododendronzweig, 1874 von Henri Fantin- Latour (Wallraf-Richartz-Museum) seiner Bewunderung lautstark Ausdruck. Der Dialog der Bilder findet als Dialog vor und mit ihnen seine Fortsetzung. Mit vor Begeisterung geröteten Gesichtern machen sich die Ausstellungsbesucher gegenseitig auf ihre Bildentdeckungsergebnisse aufmerksam.

In der im Briefwechsel von Reidemeister mit Bührle erwähnten, von ihm erworbenen Arbeit von Alfred Sisley, Die Brücke am Hampton Court, 1874 zusammen mit Regatta im Hampton Court aus dem selben Jahr liegt die Vermutung nahe, dass sie beide während eines Tages oder mit wenigen Tagen Abstand von Sisley gemalt worden sind. Bei Bilder ergänzen sich assoziativ zu einem narrativen Panoramabild.

Die dialogisch konzipierte Struktur der Ausstellung unter der kuratorischen Gesamtleitung von Barbara Schaefer überzeugt ebenso konsequent und durchgängig in den frühen Arbeiten des 17. Und 18. Jahrhunderts, die hier im Detail nicht weiter betrachtet werden.

Zu ausgewählten Kapiteln der Ausstellung gibt es einen museumspädagogischen, interaktivierenden Frage- und Handlungskatalog. Er fordert zu einem genaueren Hinschauen auf, ohne mit einem falsch verstandenen, überpädagogisierten Zeigefinger zu winken. Im Zusammenhang der Gegenüberstellung von Canalettos Bild Canal Grande in Venedig,Blick von der Rialto-Brücke nach Südwesten, um 1738/42 zu Canal Grande in Venedig, Blick nach Norden, aus der Nähe der Rialto-Brücke, 1741/43 von Bellotto ist folgende Aufforderung formuliert: Vergleichen Sie das atmosphärisch weiche Licht bei Canaletto mit dem konturschärferen Zeichnung des jüngeren Belletto. Was schätzen Sie mehr?

Wenn so wie in Köln und Essen Public Private Partnership praktiziert wird, kann es nur alle, die Ausstellungsbesucher, die Kuratoren, die Museumsleitungen, die Sammler sowie die Kunst überhaupt, zu Gewinnern machen.

 05.12.2016

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Über Peter E. Rytz Review

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