Abercrombie & Copland – musikalisch vital, grenzenlos

John Abercrombie & Marc Copland @ Peter E. Rytz 2016

John Abercrombie & Marc Copland @ Peter E. Rytz 2016

Draußen vor der Tür in Dortmund beginnt der Dezember kühl und frostig. Drinnen im domicil ist es nicht nur wohlig warm. Eine entspannt erwartungsvolle Stimmung füllt den Raum.  Erst einmal dauert es aber. Als es schon deutlich später als 20 Uhr ist und sich noch nichts auf der Bühne tut, entsteht freundliche Unruhe im Publikum. Applaus, unterlegt mit lautem Lachen, ist eine Einladung, der die Jazz-Legenden John Abercrombie und Marc Copland schmunzelnd nachkommen.

Mit Abercrombie und Copland betreten zwei ältere Herren, Jahrgang 1944 bzw. Jahrgang 1948, mehr oder weniger bedächtig die Bühne.  Während  der eine, Copland, ohne Umstände den Stuhl vor dem Klavier ansteuert, hat der andere, Abercrombie, deutlich mehr Mühe, seinen Platz aufzusuchen. Mit den ersten Tönen findet eine erstaunliche Wandlung statt. Eine Beobachtung, die man immer wieder bei Jazzmusikern machen kann, denen man anmerkt, das das Älterwerden körperlich Substanz gekostet hat. Wenn sie beginnen zu spielen, ist die vorher zu sehende, zumindest zu ahnende physische Einschränkung, wie weggeblasen.

Bei Bläsern ist dieses wortwörtlich zu erleben. Bei Abercrombie ist es so, als würden er und seine Gitarre gemeinsam einen neuen Körper bilden. Copland stimmt mit dem ersten Anschlag des Klaviers, aufgebaut aus Ganz- und Halbtönen Grave bis Largo, eine Tonfärbung an, die Abercrombie mit zurückgenommener Betonung aufnimmt und phrasiert. Lyrisch melancholisch gestimmte Klangräume erzeugen einen kontemplativen Sog beim Zuhören, der eine wunderbare, lebendige Frische hat. Hinter dieser unmittelbaren Lebendigkeit verschwindet das Bild  körperlicher Einschränkung wie ein Phantom. Sie ist energetisch und kraftvoll, kommt ohne technische Aufrüstung, ohne vordergründige,  solistisch inszenierte Kraftprotzerei, ohne eskapistische Mätzchen aus.

Vitale Dialoge, die wechselweise von Abercrombie oder von Copland initiiert werden, improvisieren über Themen und Songs von Bill Evans und Miles Davies bis Ralph Towner sowie eigenen Kompositionen. Ihre Interpretationen auch von bekannten, häufig zu hörenden Kompositionen, wie Chet Bakers, My funny Valentine zeichnen sich durch eine nahezu minimalistische Reduzierung aus. Mehr Andeutung als Mitsumm-Zitat.

Während Copland aus einer überlegenen und überlegten Balance der Mitte spielt, begleitet Abercrombie jeden mit außergewöhnlichem Gespür für Resonanz gesetzten Ton mit gestischen Kommentaren. Wenn er die Augen schließt und dabei für Momente ein Weiß das Augenlid einfärbt, scheint es, als würde er in ein kosmisch Unterbewusstes eintauchen. Sein und Musik werden eins.

Ihre Bühnenpräsenz ist von einer ungewöhnlichen Entspanntheit und Lockerheit geprägt. Bevor sie ein Stück spielen, werfen sie sich häufig lachend fragende Blicke zu. Verständigen sich kopfnickend oder mit herzerfrischender Verneinung. Nie kommt der Verdacht auf, einer inszenierten Performance beizuwohnen. Wenn es aber, wie zu Beginn des Konzerts, doch einmal passiert, dass Abercrombie in der Manier einer Luftgitarre sein Instrument stimmt, lacht er: I make this every night.

Allein eine Frage bleibt an diesem Abend feinster Vibrationen des Musikalischen unbeantwortet. Durchgängig knisterte und brummte ein Verstärker als unbestellter dritter Mitspieler vor sich hin. What happens?

09.12.2016
photo streaming Abercrombie & Copland

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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