Lohengrins Wunder, von Gürbaca entzaubert

Tatjana Gürbaca @ Martina Pipprich

Tatjana Gürbaca @ Martina Pipprich

Nach der Ouvertüre kann es nur besser werden. Es scheint, als wolle die Opernregie immer häufiger dem Publikum nicht zumuten, sich ohne Bebilderung auf das musikalische Vorspiel einzulassen. Nicht schon wieder, mahnt gereizt die innere Stimme. Gönnt den Zuhörern doch einfach nur die Musik. Auch Tatjana Gürbaca stolpert mit ihrer Neuinszenierung von Richard Wagners Lohengrin am Aalto-Musiktheater Essen in diese Eventfalle.

Der feierliche Charakter des Vorspiels – von Franz Liszt als eine Art Zauberformel beschrieben – öffnet den Blick auf ein hochromantisches Panorama, in dem die Motive mit ihren charakterisierenden Tonarten feinsinnig verwoben werden. Bei Gürbaca ist das Video-Still einer idyllischen Waldlandschaft auf den Bühnenvorhang projiziert. Während des Vorspiels wird das Bild mehrmals gedimmt. Hinter einer lichtdurchlässigen Gaze wird die Lohengrin-Vorgeschichte pantomimisch dargestellt. Der Wechsel zum folgenden Bild ist mit lauten Umbaugeräuschen verbunden. Sie stören das, worauf es eigentlich ankommt: Die Musik.

Tomáš Netopil am Pult der Essener Philharmoniker dirigiert ohne Chance gegen diese völlig überflüssigen Nebengeräusche an. Eine solche Bebilderung sollte zumindest technisch geräuschlos organisiert werden.

Dass sich Netopil von diesem inszenatorisch verunglückten Auftakt nicht beeindrucken lässt, unterstreicht er  im Verlauf der Aufführung nachdrücklich. Er animiert das Orchester mit suggestiver Kraft zu Tonfärbungen, als wolle er das Unmögliche einer zur Wirklichkeit werdenden Utopie beschwören. Manchmal ahnt man etwas von Wagners Klangmagie. Wo Netopil die Trompeten vom zweiten Rang Netopil spielen lässt, führt er sie über eine Klangbrücke mit den Musikern Orchestergraben zusammen und erzeugt so einen kosmischen Raumklang.

Allerdings dauert es fast den ganzen ersten Akt, ehe die Aufführung in Fahrt kommt. Netopil kontrastiert mit dirigentischem Verve die hell leuchtende Verheißungswelt des Grals und der dunklen, intriganten Ortrud-Welt. Obwohl Gürbaca auf der von Marc Weeger perspektivisch verschränkt gebauten Bühne schon im ersten Akt andeutet, die wie die für sie typische Figurenführung von einer klaren erzählerischen Dramaturgie geprägt ist, bleibt vieles in einem Aktionismus stecken.

Selbst der Opernchor und der Extrachor des Aalto-Theaters sowie die Solisten scheinen im ersten Akt mehr im Selbstfindungsmodus gefangen, als im Lohengrin-Flow.

Mit Beginn des zweiten Aktes bekommt die die inszenatorische Überzeugungskraft, die man sich von Anfang gewünscht hätte. Wie ein erleichtertes Geht doch! entfährt es der bis dahin verunsicherten Seele.  Von Minute an verändert sich die Szenerie.

Gürbacas Inszenierung folgt einer dramaturgischen Idee, die man wie einen Kommentar zu dem von der Gesellschaft für deutsche Sprache gekürtem Wort des Jahres 2016 postfaktisch verstehen kann. Wie können und wie wollen wir in der einen Welt leben, fragt die Inszenierung. Sie scheint immer weniger von einer Logik des Humanen, des demokratisch geteilten Miteinanders, sondern von wenig begründeten, eben postfaktischen Wundern bestimmt zu sein.

 Chor, Statisterie @ Forster

Chor, Statisterie @ Forster

Auch wenn mancherorts solche vagen Hoffnungen ideologisch instrumentiert und geschürt werden, sind Wunder durch eigene Lebenserfahrungen selten gedeckt. Wagners Schwan kann deshalb bei Gürbaca auch keiner sein. Von Anfang an entzaubert, ist er das faktische, massentauglich suggerierte Kainsmal der Brudermörderin Elsa. Gottfried verkörpert als anwesender Mensch die symbolische Nagelprobe: Wer durch Machtgier Zweifel und Zwietracht sät, wird sich selbst und andere ins Unglück stürzen. Chor und Statisten folgen wie willige Lemminge den wechselnden ideologischen Machtstürmen mit zeitlupenhafter Schutzwehr ihrer überwölbenden Hände.

Heiko Trinsinger, Katrin Kapplusch @ Forster

Heiko Trinsinger, Katrin Kapplusch @ Forster

Katrin Kapplusch und Heiko Trinsinger geben mit einem sowohl schauspielerisch als sängerisch überzeugenden Ortrud-Telramund-Kammerspiel von geradezu unheimlich intriganter Präsenz die Richtung vor. Chor und Solisten werden wie in einem Sog zu einer großartigen Aufführung motiviert und mitgerissen. Telramunds düstere Beschwörungsformel Du wilde Seherin mutet wie eine avancierte Tongebung des mythischen Ring-Klanges an.

Wie von unsichtbaren Fesseln befreit, entwickelt sich eine Inszenierung, die von Kapplusch und Trinsinger mehr als nur initiiert wird. Sie sind die solistischen Grundpfeiler, die der Aufführung Profil und Charakter geben. Jessica Muirhead singt sich als Elsa ebenfalls mehr und mehr frei, überzeugt allerdings nicht durchgehend in den Höhen. Vom Volumen her ist da noch Luft nach oben.

Jessica Muirhead, Daniel Johansson @ Forster

Jessica Muirhead, Daniel Johansson @ Forster

Daniel Johansson sucht dagegen über weite Strecken als Lohengrin eine Balance zwischen dem geheimnisvollen Heilsbringer als großartig eingeführter Schützer von Brabant und dem naiv Liebenden, dessen Frageverbot an der Welt scheitern muss. Ihm gelingt nur phasenweise eine darstellerische und sängerische Kontinuität. Klingt sein Tenor eben noch durchscheinend klar, wirkt er in nächsten Moment, insbesondere zum Schluss hin, kurzatmiger. Manchmal sinken Artikulation und Stimme auf eine Mittellage ab, die eine körperliche Disposition nahelegt.

Der Bariton Martijn Cornets akzentuiert die Figur des Heerrufers zurückhaltend, gleichwohl dort, wo es wie im 3. Akt gefordert ist, mit kräftiger Impulsstimme. Dann erleuchtet er blitzlichtartig die Szene.

Als Heinrich der Vogeler zelebriert Almas Svilpa mit sonorem Bass die Macht des Königs. So souverän sein erster Auftritt mit der Anrufung des Gottesgerichts, so brüchig changiert sein hell gefärbter Bass in ohnmächtiger Hilfslosigkeit vor dem Gral-Raunen.

Lohengrin und Elsa können in dieser Konstellation nur Hoffnungsträger für eine geborgte Zeit sein. So zerfällt am Ende, was nur mühsam zusammengehalten wurde, zitiert das Programmheft Tatjana Gürbaca. Die klaustrophobische Bühnenkonstruktion, die sinnbildlich die Gemeinschaft, wenn auch ohne menschliches Maß, zusammengehalten hat, öffnet sich schließlich ins offene Ungewisse. Nur Verhältnisse, aber keine Menschen, wie Karl Marx mit seiner 6. These über Ludwig Feuerbach 1845 argumentiert. Man kann sie wie eine Folie für Wagners Lohengrin-Dialektik in seinem der griechischen Dramatik verpflichteten Libretto aus der gleichen Zeit lesen.

Der suggestive Sog nach einem lauwarmen Aufgalopp überträgt sich über ein spielfreudiges, intelligent geführtes Ensemble bis ins Publikum. Viel Beifall am Schluss und eine Erkenntnis: Das kann man sich durchaus noch einmal ansehen.

12.12.2016

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