Die Wirklichkeit hinter dem Vorhang

Tizian, Bildnis des Filippo Archinto, 1558 Öl auf Leinwand 114,8 x 88,7 cm Philadelphia Museum of Art: John G. Johnson Collection, 1917 © Foto: Courtesy of the Philadelphia Museum of Art

Tizian, Bildnis des Filippo Archinto, 1558 Öl auf Leinwand 114,8 x 88,7 cm Philadelphia Museum of Art: John G. Johnson Collection, 1917 © Foto: Courtesy of the Philadelphia Museum of Art

Wer kennt sie nicht? Die Erfahrung, vertraute Wege zu gehen, ohne auch nur annähernd vollständig sagen zu können, welche Gebäude einen öffentlichen Platz markieren. Noch weniger aufmerksam schaut man den Menschen, die einem dabei begegnen, ins Gesicht. Wie viele Bartträger unter ihnen waren, lässt sich kaum auch nur annähernd verlässlich sagen. Wer beim nächsten Mal Bartträger aufmerksam registriert, wird eine statistisch verlässlichere Schätzung über die Menge jener abgeben können.

Ähnliches passiert bei jedem Ausstellungsbesuch. Das Museum Kunstpalast Düsseldorf bietet mit der Ausstellung Hinter dem Vorhang. Verhüllung und Enthüllung seit der Renaissance. Von Tizian bis Christo einen erkenntnisreichen Selbstversuch. Fragte man jemanden vor dieser Ausstellung, in welchen Arbeiten der bildenden Kunst seit der Renaissance der Vorhang als ein wesentliches Darstellungsmittel in Erinnerung bleibt,  würde die Antwort vergleichbar mit der Bartträgerfrage relativ unbestimmt bleiben (müssen).

Den 2017 scheidenden Generaldirektor des Museums Kunstpalast, Beat Wismer, hat die Verwendung des Vorhangs als bildkünstlerisches, metaphorisches Gestaltungselement offenbar schon länger fasziniert und ihn professionell herausgefordert. Es war ein persönlicher Herzenswunsch, diese epocheübergreifende Ausstellung im Museum Kunstpalast zu meinem Abschiedsprojekt zu machen, bekennt er im sorgfältig editierten Katalog, der mit dem Layout ebenso überzeugt, wie mit seiner didaktischen Bild-Text-Struktur.

Hinter dem Vorhang ist eine doppelt überzeugende Ausstellung. Praktisch vor jeder Arbeit, ob Malerei, Fotografie, Skulptur, Buch oder Installation ist man herausgefordert, seine Wahrnehmung zu fokussieren auf das, was vor dem Vorhang zu sehen ist, was sich hinter ihm manchmal nur andeutet sowie das zu assoziieren, was nicht zu sehen ist.

Kunst ist auch die Kunst zu irritieren. Die sogenannte Trompe-l´œil Malerei  lässt auf den ersten Blick einen Raum vermuten, wo doch keiner ist. Der Wettstreit der Künste, den Pygmalion mit der Paragone delle arti  als den zwischen den bildenden Künsten und allen anderen schönen Künsten angezettelt hat, findet in der sogenannte Trompe-l´œil Malerei seinen wahrnehmungspsychologischen Ausdruck.

Fügt man die unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen zu einem komplexen Bild zusammen, erzählen sie Geschichten – mögen sie vordergründig Märchen und Mythen zum Gegenstand haben – von Erfahrungen, die viele Ausstellungsbesucher selbst schon häufig gemacht haben.

Auch im Alltag sind Wirklichkeit und Illusion auf den ersten Blick nicht immer sofort und eindeutig zu unterscheiden. Dass wir beispielsweise unseren Körper mit Kleidern bedecken, ihn verhüllen, hat eine lange kulturelle Tradition. Kleider sind sowohl Schutz vor Wind und Wetter als auch vor dem Blick, der alles offen legt. Verhüllung und Enthüllung, Rätsel und Offenbarung sind existentieller Teil des Menschen in seiner dialektischen Spannung von homo sapiens und homo faber. Trotz aller wissenschaftlichen und philosophischen Akribie, Vorhang auf Vorhang aufzuziehen und bisher Verborgenes erkennbar und sichtbar zu machen, bleibt weiterhin vieles unbeantwortet. Bertolt Brecht stellt in seinem Drama Der gute Mensch von Sezuan nüchtern fest: Wir stehen selbst enttäuscht  und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.

Die Ausstellung ist zweigeteilt. Während der erste Teil als thematische Abfolge in sieben Räumen und Kabinetten organisiert ist, hat der zweite Teil eine offenere Struktur, bestückt mit surrealistischen und zeitgenössischen Arbeiten.  Der Ausstellungsprolog führt den Ausstellungsbesucher in medias res. Er ist ein Auftakt, der exemplarisch eine perfekte Mimesis inszeniert, die sich durch die gesamte Ausstellung zieht.

Die Ausstellung eröffnet  vor dem Hintergrund der Zeuxis-Parrhasios-LegendeZeuxis malte Trauben in seinem Bild so wirklichkeitsgetreu, dass Vögel sie abzupicken versuchten und er seinerseits den von Parrhasios  im Bild gemalten Vorhang zur Seite schieben wollte. Der Besucher wird vor Großer Vorhang (1967) von Gerhard Richter oder vor Folds and Compass (2005) von Ulla von Brandenburg in seiner Wahrnehmung ebenso auf die Probe gestellt, wie vor Das Treffen von Alexander dem Großen und Roxana hinter einem Vorhang (1753 – 55) von Pietro Antonio Rotari. Vor der an sich profanen Gardineneinrichtung Vorhang Rot von Hans-Peter Feldmann kribbelt es im Kontext der Ausstellung in den Fingern, den Vorhang zur Seite zu ziehen, obwohl nichts mehr als eine weiße Wand zu sehen sein wird.

Wie sich äußere Bildwahrnehmung mit der abgebildeten Person und ihrer verborgenen Geschichte zu einer Erzählung verbinden, zeigt sich im Bildnis des Filippo Archinto (1558) von Tizian. Der opake Vorhang verdeckt mit einer vertikalen Schnittlinie, die durch das rechte Auge des Portraitierten geht sowie seine linke Gesichts- und Körperhälfte und den linken Arm verhüllt. Das rechte Auge der Gerechtigkeit symbolisierend, verweist Tizian zusammen mit dem sichtbaren Siegelring an der rechten Hand und einem Buch in der verhüllten linken Hand lakonisch auf Rechtsanspruch und Rechtswirksamkeit in der Person des Erzbischofs von Mailand.

Es sind solche Geschichten hinter den Bildern, hinter der sichtbaren Oberfläche, wo Schein und Sein sich überlagern, die einem in der Ausstellung auf Schritt und Tritt begegnen – und den Betrachter herausfordern. Das Schauen in Zeit und Raum, hinter manchen Masken verborgen und als Camouflage getarnt, ist nicht selten getragen von der Hoffnung, mehr über sich selbst zu erfahren. Giorgio de Chirico hat versucht, seine Träume und Visionen als Rätsel seines Selbst malerisch zu lösen. Vor L‘enigma di un pomeriggio d’auntunno und L’enigma dell’roracolo, beide 1910 entstanden, ist der Ausstellungsbesucher am Ende mit seinem eigenen Enigma konfrontiert: Wer bin ich? Was verberge ich nicht nur vor anderen, sondern auch vor mir selbst?

Man verlässt Hinter dem Vorhang in Düsseldorf reicher an Bildung und ästhetischem Genuss. Unmittelbar stellt sich das Bedürfnis ein, auch andere daran teilhaben zu lassen. Noch bis zum 22.01.2017 gibt es dazu die Gelegenheit

27.12.2016

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Über Peter E. Rytz Review

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